# taz.de -- Black History Month: Gedenken lässt sich nicht kopieren
       
       > Deutscher Rassismus hat eine eigene Geschichte, die es verdient, gesehen
       > und gehört zu werden. Als US-Import reicht der Black History Month dafür
       > nicht aus.
       
 (IMG) Bild: Könnte zu einem antirassistischen Kampftag werden: der Jahrestag des Anschlags in Hanau
       
       Ein beachtlicher Teil unseres Lifestyles imitiert jenen der
       US-Amerikaner:innen. Etwa Kleidungsstile, Musik, Essgewohnheiten. Genauso
       globalisiert ist unsere Sprache. Begriffe wie gaslighting, loveboming,
       stonewalling oder breadcrumbing verwenden einige von uns ganz
       selbstverständlich. Selbst Feiertage, die in den USA groß sind –
       Thanksgiving, Halloween oder der Valentinstag – schleichen sich mehr und
       mehr in unsere Leben ein, besonders wenn sie kommerziell profitabel sind.
       
       Auch beim Black History Month gab es den Versuch, ihn hierzulande zu
       verbreiten. Der Gedenkmonat im Februar findet in den USA in diesem Jahr zum
       100. Mal statt. Seit einigen Jahren begehen deutsche antirassistische
       Gruppen und Initiativen einen Black History Month im Februar. Dann werden
       sowohl informativ-aufklärerische Veranstaltungen ausgerichtet und
       bedeutender Schwarzer Menschen gedacht und sie geehrt.
       
       Der Black History Month in Deutschland hat aber bei Weitem nicht die
       gleiche Bedeutung oder Prominenz wie in den USA. Klar – denn statt eines
       US-Imports brauchen wir einen eigenen Antirassismusmonat oder -tag. Dass es
       in Deutschland überhaupt möglich ist, über Rassismus zu sprechen, ist
       Ergebnis von extrem wichtiger und mühseliger Arbeit, die Schwarze Menschen
       und People of Color (PoC) geleistet haben. Dass sie einen Tag der Andacht
       und Würde verdienen, liegt auf der Hand.
       
       ## Antirassismus aus den USA kann man nicht einfach so kopieren
       
       Dabei können wir die USA jedoch nicht einfach imitieren. Ein Kernproblem
       des modernen Antirassismus ist, dass viele der wichtigsten Konzepte und
       Theorien in den Staaten entwickelt wurden. Und dementsprechend den dortigen
       Rassismus analysieren. Die USA sind aber eine vollkommen andere
       Gesellschaft als Deutschland. Dort gibt es allein quantitativ eine viel
       höhere Schwarze und nichtweiße Bevölkerung.
       
       In den USA ist klar, dass alle, egal ob Schwarz oder weiß,
       US-Amerikaner:innen sind, aber eben zu einer verschiedenen race gehören.
       Diese stehen sich dann sozial, ökonomisch und politisch in einem
       hierarchischen Verhältnis gegenüber.
       
       Antirassistische Kämpfe und Initiativen wurden dort außerdem viel früher
       viel ernster genommen und haben deutlich mehr erkämpfen können.
       Beispielsweise ermöglichten Proteste der Bürgerrechtsbewegung im Jahr 1964,
       dass niemand an öffentlichen Orten wie zum Beispiel in Restaurants, im
       Nahverkehr oder auf dem Arbeitsmarkt rassistisch diskriminiert werden darf.
       In Deutschland trat das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz erst 42 Jahre
       später, nämlich 2006 in Kraft.
       
       Sie nahmen den Begriff race ernst und verwendeten ihn, um Rassismus als
       Konzept greifbar zu machen und es als sozial konstruiert zu enttarnen. Um
       ernsthaft über Rassismus sprechen zu können, braucht es ein Verständnis vom
       Konzept „race“. Im Deutschen ist der Begriff „Rasse“ durch die NS-Diktatur
       vor allem biologisierend geprägt.
       
       ## In Deutschland gibt es eine mutige Geschichte des Antirassismus
       
       Somit war der Begriff selbst rassistisch aufgeladen und für eine
       antirassistische Analyse lange unverwundbar. Erst in den letzten Jahren
       haben Aktivist:innen angefangen, den Begriff „race“ auch im deutschen
       Sprachraum zu verwenden.
       
       Mutige Kämpfer:innen wie die [1][Dichterin Semra Ertan] gingen schon in
       den 1980er Jahren gegen Rassismus vor. In ihrem posthum veröffentlichten
       Gedichtband „Mein Name ist Ausländer“ beschreibt sie ihre Unterdrückung in
       Deutschland. Ertan sprach aber nicht von Rassismus, sondern benutzte das
       Wort „Ausländerfeindlichkeit“, um ihre und die Unterdrückung ihrer
       Mitmenschen zu beschreiben. Womöglich verwendete sie dieses Wort auch, weil
       Rassismuskritik damals noch ein Randphänomen und im öffentlichen Diskurs
       unerwünscht war.
       
       Zwar gibt es Parallelen zwischen dem Rassismus, der in den USA ansässig
       ist, und dem hiesigen, identisch ist er aber keinesfalls. Die Geschichte
       Schwarzer Menschen in den USA ist stark geprägt durch ihre Versklavung,
       wohingegen viele Schwarze Deutsche eine andere, durch Migration geprägte
       Geschichte haben oder das Produkt einer sogenannten Interracial-Beziehung
       sind, welche teilweise auch schon vor dem deutschen Kolonialismus
       entstanden waren.
       
       Hinzukommt, dass sich in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg die
       Erzählung breitmachte, es habe vor der sogenannten
       Gastarbeiter:innenbewegung in Deutschland keine PoCs gegeben. So
       etablierte sich die Erzählung einer (weißen) deutschen Bevölkerung, in die
       dann (nichtweiße) Ausländer:innen eingewandert sind.
       
       Von Gastarbeiter:in zu Ausländer:in zu Mensch mit
       Migrationshintergrund – die Wörter werden netter, die Bedingungen für uns,
       hier zu existieren und ein gutes Leben zu führen, nicht. Es ist der
       Versuch, deutschen Rassismus zu beschönigen.
       
       ## Auch in Deutschland hat Rassismus viele Menschenleben gekostet
       
       Auch deswegen ist es allerhöchste Zeit, einen Tag der Erinnerung und
       Wachsamkeit in Deutschland festzulegen. Es gibt den 8. März als
       feministischen Kampftag, den Internationalen Tag gegen Homo- und
       Transfeindlichkeit, den Trans Day of Visibility und den Trans Day of
       Remembrance, an denen Demos und Aktionen begangen werden. Einen
       antirassistischen Kampftag gibt es nicht.
       
       Anlässe dafür gäbe es leider genug. Der Freitod von Semra Ertan, die sich
       aufgrund von Rassismus selbst anzündete, [2][der Mord an Oury Jalloh in
       Polizeigewahrsam], der bis heute nicht aufgeklärt wurde, die Pogrome nach
       der Wende in Mölln, Solingen und Rostock-Lichtenhagen, bei denen die weiße
       Bevölkerung klatschte und die Polizei zusah, bis heute andauernde Debatten
       über Migration, Integration und Geflüchtete, die Morde und das Aufliegen
       des [3][NSU] oder der [4][rassistische Anschlag in Hanau]. Letzteren
       versucht die Migrantifa in Berlin beispielsweise, als antirassistischen
       Kampftag zu etablieren. Dieser wäre ebenfalls im Februar, wie der Black
       History Month.
       
       Deutschland hat seinen ganz eigenen Rassismus, der Menschen unterdrückt und
       vielen ihr Leben gekostet hat. Das Gedenken eines anderen Landes
       schlichtweg zu kopieren, funktioniert nicht. Ein Gedenktag muss den eigenen
       Rassismus und seine Opfer sichtbar machen.
       
       8 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Raweel Nasir
       
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