# taz.de -- Soziologin über Rassismus im Sport: „Weißsein ist eine unhinterfragte Norm“
       
       > Eine Studie zeigt, dass in vielen Vereinen die Relevanz des Themas nicht
       > erkannt wird. Mitherausgeberin Lara Kronenbitter spricht über fehlende
       > Beschwerdestellen, Vorbilder und den Mythos vom guten Sport.
       
 (IMG) Bild: Rassismus ist im Amateursport ein großes Problem. Hier der FC Afrisko aus Berlin bei einem Kreisligaspiel 2017
       
       taz: Welche Rolle spielt Rassismus laut [1][Ihrer Studie] im Breitensport? 
       
       Lara Kronenbitter: Er ist omnipräsent. Das wird aber in vielen Vereinen
       übersehen, da Weißsein dort eine unhinterfragte Norm ist. Das führt dazu,
       dass Rassismus nicht thematisiert wird und Menschen, die davon negativ
       betroffen sind, mit ihren Erfahrungen allein bleiben.
       
       taz: Wie äußert sich [2][dieser Rassismus] konkret? 
       
       Kronenbitter: Wir haben Interviews mit elf Schwarzen Amateursportler:innen
       geführt. Sie haben von offen rassistischen Beleidigungen erzählt, aber auch
       von subtileren Formen von Rassismus wie Othering, also dass ihnen aufgrund
       ihres Schwarzseins zugesprochen wird, sie seien besonders stark und
       schnell, aber auch weniger diszipliniert und hätten ein mangelndes
       Verständnis von Taktik. Viele berichten auch, dass sie, anders als weiße
       Vereinsmitglieder, nach ihrer Herkunft gefragt oder auf Englisch
       angesprochen werden, obwohl sie Deutsche sind. In einer repräsentativen
       Umfrage von mehr als 3.000 Vereinsmitgliedern hielt außerdem nur etwa die
       Hälfte der Befragten eine Diskussion über das Thema Rassismus in ihrem
       Verein für notwendig. Dass die Relevanz des Themas scheinbar nicht erkannt
       wird, ist auch ein Zeichen rassistischer Strukturen.
       
       taz: Im Breitensport sind die Wege zwischen den Vereinsinstanzen kurz,
       verglichen mit dem Profisport sind die Hierarchien flach. Müsste das nicht
       dazu führen, dass rassistische Vorfälle schneller bemerkt und geahndet
       werden? 
       
       Kronenbitter: Obwohl viele Interviewpersonen ihren Verein als emotionalen
       Anker und Ort der Zugehörigkeit beschreiben, führt das nicht automatisch
       dazu, dass Rassismus auch gesehen und geahndet wird. Vielmehr wird das
       Thema strukturell weggeschoben. Das hat Folgen: Wird nicht über Rassismus
       gesprochen, wird er geduldet und normalisiert. Dadurch entstehen Räume, in
       denen es zusehends schwieriger ist, Rassismus zu benennen und zu ahnden.
       Fast alle Interviewpartner:innen haben berichtet, dass es in ihrem Verein
       keine ihnen bekannten Sanktionen gab, nachdem sie Rassismus angesprochen
       hatten. Zudem gibt es kaum unabhängige Beschwerdestellen, um Rassismus zu
       thematisieren, der auch im eigenen Verein stattfinden kann.
       
       taz: Ist [3][Rassismus im Breitensport] also noch schwerer zu bekämpfen als
       im Spitzensport? 
       
       Kronenbitter: Das ist nicht die relevante Frage, denn das Thema betrifft
       den Sport insgesamt. Angeblich zählt hier nur die Leistung, Sport gilt als
       verbindend und inhärent gut. Das ist ein Mythos, Sportvereine und
       Vorstandsämter sind nicht für alle gleich zugänglich. Dieser Widerspruch
       zwischen der Erzählung um den Sport und der Realität zeigt sich auch in
       unserer Befragung von mehrheitlichen weißen Sportvereinsmitgliedern. 76
       Prozent von ihnen geben zwar zu, dass es im Sport Rassismus gibt,
       gleichzeitig meinen 72 Prozent, im Sport zähle nur die Leistung. Fast 90
       Prozent sagen, dass Sportvereine offen für alle Personen sind, unabhängig
       von ihrer Herkunft oder ihrem Aussehen. Wir wissen aber aus der Forschung,
       dass das nicht der Fall ist.
       
       taz: Warum hält sich dieser [4][Mythos des „inhärent guten Sports“]
       trotzdem? 
       
       Kronenbitter: Weil dieses Narrativ aufrechterhalten wird. Zu Themen wie
       Integration und Chancengleichheit im Sport gibt es viel Forschung, zu
       Rassismus hingegen kaum. Dadurch gerät er aus dem Blick. Wenn man nicht
       hinschaut, normalisiert man dominante Ideale. Und die sind im Sport noch
       immer: weiß, männlich, hetero und ohne körperliche Beeinträchtigungen.
       
       taz: Wie könnte mit diesen Idealen gebrochen und Rassismus im Breitensport
       bekämpft werden? 
       
       Kronenbitter: Die Vereinsstruktur, zum Beispiel die Repräsentation von
       People of Color und Schwarzen Menschen im Vorstand, hat einen großen
       Effekt: Eine unserer Interviewpartnerinnen ist Mitglied in einem Verein, in
       dem eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus
       stattfindet. Zudem gibt es Maßnahmen wie Antirassismusschulungen für
       Trainer:innen, und der gesamte Vorstand besteht ausschließlich aus
       Personen, die von Rassismus betroffen sind. In diesem Verein erlebe sie
       keinen Rassismus, hat diese Interviewpartnerin gesagt. Dass der Verein so
       handelt, ist das Ergebnis von Selbstorganisation Betroffener.
       
       taz: Wie könnte ein herkömmlicher Verein das Thema angehen? 
       
       Kronenbitter: Es braucht unabhängige Beschwerdestellen mit geschulten
       Ansprechpersonen, rassismuskritische Maßnahmen wie verpflichtende
       Schulungen für Vereinsmitglieder und mehr Repräsentation von Betroffenen in
       Machtpositionen. Wichtig ist auch, diese Maßnahmen gut zu kommunizieren,
       damit die Vereinsmitglieder sie auch tatsächlich kennen. Insgesamt müssen
       Vereine Rassismus mehr thematisieren. Und zwar nicht nur in
       Social-Media-Posts, sondern durch eine kontinuierliche Auseinandersetzung
       mit dem Thema in den eigenen Reihen. Dazu gehören auch konkrete Fragen wie:
       Wer fühlt sich auf dem Nachhauseweg weniger sicher und sollte deshalb
       frühere Platzzeiten bekommen? Wie kann ein Wettkampfort in einer Region mit
       viel Zustimmung zu Rechtsextremismus sicher gestaltet werden? Vereine
       müssen sich für diese Fragen sensibilisieren.
       
       taz: Wie könnten Verbände die Vereine bei solchen Maßnahmen unterstützen? 
       
       Kronenbitter: Sie könnten Vereine ab einer bestimmten Größe zur Einrichtung
       von unabhängigen Beschwerdestellen verpflichten oder selbst welche
       einrichten. Außerdem können sie Bildungsmaterial zur Verfügung stellen oder
       Module in der Trainer:innenausbildung einführen. Die Verbände können auch
       eine Plattform für den Austausch Betroffener sein und Vereine vernetzen,
       damit sie im Umgang mit Rassismus voneinander lernen können. Letztlich ist
       die Auseinandersetzung mit Rassismus aber auch eine gesamtgesellschaftliche
       Aufgabe. Sie muss in vielen Bereichen gleichzeitig passieren, zum Beispiel
       im Bildungssystem. Aber eben auch im Sportverein.
       
       31 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.uni-wuppertal.de/de/news/detail/rassismus-ist-alltag-im-vereinssport-in-deutschland/
 (DIR) [2] /Forscherin-ueber-Rassismus-im-Fussball/!6092743
 (DIR) [3] /Rassismus-in-der-Dartsliga/!6130788
 (DIR) [4] /Integration-durch-Sport/!6070632
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marie Gogoll
       
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