# taz.de -- Terror-Gedenken im Bundestag: Hass war keine Option
       
       > Was macht man, wenn man seine Liebsten bei einem Terroranschlag verloren
       > hat? Vier Opfer und Angehörige erzählten im Bundestag ihre Geschichte.
       
 (IMG) Bild: Serpil Unvars Sohn Ferhat wurde im Alter von 23 Jahren aus rassistischen Motiven in Hanau ermordet
       
       Es war eine besondere Sitzung, die Omid Nouripour am Dienstagabend im
       Bundestag eröffnete. „Ich hatte Selbstzweifel, ob ich diese Veranstaltung
       überhaupt moderieren kann“, sagte der grüne Bundestagsvizepräsident. Auf
       Einladung von Nouripour erzählten vier Überlebende und Hinterbliebene der
       Terroranschläge von Hanau, Paris und Utøya ihre Geschichte. Anlass war der
       zehnte Jahrestag der Anschläge vom 13. November in Paris. Was Kjartan
       Løvaas, Georges Salines, Merete Stamneshagen und Serpil Unvar miteinander
       vereint, ist ihr zivilgesellschaftliches Engagement für Aussöhnung und
       Aufklärung.
       
       Kjartan Løvaas war 17 Jahre alt, als er im Juli 2011 an einem Jugendcamp
       der norwegischen Arbeiterpartei auf der Insel Utøya teilnahm. Der
       rechtsextreme Terrorist [1][Andres Breivik tötete dort bei einem Amoklauf
       69 Menschen]. Løvaas berichtete, wie er vor Breivik in den See flüchtete,
       ans Festland schwamm und sich dabei von einem Freund verabschieden musste,
       der auf halber Strecke entkräftet umkehrte. „Es war das letzte Mal, dass
       ich ihn sah.“ Seit 2018 engagiert sich Løvaas in einer
       Hinterbliebeneninitiative.
       
       Merete Stamneshagen verlor ihre 18-jährige Tochter Silje bei diesem
       Attentat. „Ich dachte, mein Leben sei vorbei, aber ich habe zwei Söhne, um
       die ich mich damals kümmern musste“, sagte Stamneshagen. Trost spende ihr
       die Arbeit im lokalen Sportverein.
       
       Georges Salines erinnerte sich, wie er nach dem Anschlag auf den Pariser
       Konzertsaal Bataclan 18 Stunden lang hoffte, um dann doch Gewissheit über
       den Tod seiner Tochter Lola zu haben. Islamistische Selbstmordattentäter
       erschossen dort und an fünf weiteren Orten in Paris am 13. November 2015
       insgesamt 130 Menschen.
       
       [2][Serpil Unvars] Sohn Ferhat wurde im Alter von 23 Jahren aus
       rassistischen Motiven in Hanau ermordet. Ein Rechtsextremist erschoss ihn
       und acht weitere Menschen mit Migrationsgeschichte. Seine Mutter sagte, sie
       beschäftige am meisten, dass ihr Sohn schon sein ganzes Leben Rassismus
       erfahren habe.
       
       ## Tränen im Publikum
       
       Als die vier Betroffenen nacheinander das Wort ergriffen, flossen
       vereinzelt Tränen im Publikum, das aus rund 30 Personen bestand, darunter
       Abgeordneten aller Bundestagsfraktionen. Die Politiker:innen bedankten
       sich für die Berichte und fragten: Wie haben sie es geschafft, nicht in
       Hass zu verfallen? Wie ergeht es jemanden, der vom Staat nicht ausreichend
       geschützt wurde?
       
       Hass, das wurde dabei klar, war für keinen der Anwesenden eine Option.
       Einzig Stamneshagen gab zu: „Ich hasse keine Menschen, sondern die
       Ideologie, die hinter einem solchen Anschlag steht. Ich hasse
       Rechtsextremismus.“ Bemerkenswert ist dieses Bekenntnis auch mit Blick auf
       die Anwesenheit eines Vertreters der rechtsextremen AfD.
       
       Georges Salines mahnte zugleich: „Nach solchen Anschlägen kann man mit
       Polizei und Militär vielleicht Sicherheit haben. Aber niemals Frieden.“
       Diese Erkenntnis habe neben unvorstellbarer Trauer sein Leben nach dem Tod
       seiner Tochter bestimmt. Salines hat sich mit dem Vater eines der
       Terroristen getroffen und ihm vergeben. Die beiden haben darüber ein Buch
       geschrieben.
       
       ## Kein Vertrauen in die Polizei
       
       Während Salines und die Hinterbliebenen des Anschlags von Utøya
       größtenteils positiv auf die staatlichen Reaktionen und die Unterstützung
       schauten, erklärte Serpil Unvar: „Ich habe das Vertrauen in die Polizei
       verloren und bis heute nicht zurückgewonnen.“
       
       Notrufe blieben während des Terrorakts in Hanau unbeantwortet. Ein
       Notausgang in einer Bar war mutmaßlich auf Veranlassung der Polizei
       verschlossen. Auch heute fühle Unvar sich nicht ausreichend geschützt. Sie
       werde noch immer regelmäßig vom Vater des Attentäters belästigt.
       
       Kraft habe sie einzig aus ihrem eigenen Engagement gewonnen. Sie hat die
       [3][„Bildungsinitiative Ferhat Unvar“] gegründet, die sich für
       Chancengleichheit und Gerechtigkeit im Bildungssystem einsetzt.
       
       3 Dec 2025
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) David Hinzmann
       
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