# taz.de -- Opposition im Iran: Zwischen staatlichen Massakern und Demokratie
> Eine menschliche Zukunft Irans liegt nicht in einem neuen Führer.
> Demokratische Strukturen können nur von der Zivilgesellschaft aufgebaut
> werden.
Das iranische Regime hat eine grauenvolle Bilanz vorzuweisen. Es hat die
Reichtümer des Landes geplündert und verschwendet, Infrastruktur und
wirtschaftliche Lage sind katastrophal. Es hat den Iranerinnen und Iranern
nichts gegeben als leere Phrasen, an die das Regime selbst schon lange
nicht mehr glaubt. Die Zivilgesellschaft wird unterdrückt, Frauenrechte
missachtet, Versammlungs- und Meinungsfreiheit bestehen nicht. Wahlen
werden streng kontrolliert, oppositionelle Kandidaten nicht zugelassen,
Wahlergebnisse – falls all dies nicht reicht – notfalls gefälscht.
Bei der bisher letzten [1][Protestwelle von Dezember 2025 bis Januar 2026]
haben viele Menschen für eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation
und für ihre politischen Rechte demonstriert. Es ging ihnen um ein Leben in
Würde und den Sturz der Diktatur. Dafür zahlten viele einen hohen Preis:
Tod, Verletzungen, Verhaftungen. Zwar sind die Demonstrationen vorerst
abgeklungen, doch die Gefahr von Folter, Verhaftungen und Hinrichtungen
bleibt hoch.
Das Überleben des iranischen Regimes trotz seit Jahren immer neu
ausbrechender Massenproteste lässt sich durch mehrere Faktoren erklären.
Kurz nach der Islamischen Revolution von 1979 trug der achtjährige
Iran-Irak-Krieg zur Festigung der Machtstrukturen bei. [2][Die
Revolutionsgarden (IRGC) entwickelten sich nicht nur zu einer starken
Konkurrenz zum klassischen Militär,] sondern kontrollieren inzwischen auch
einen Großteil der wirtschaftlichen Ressourcen des Landes – ein
Machtapparat, der einen schnellen Sturz des Regimes wie im „Arabischen
Frühling“ in Tunesien oder Ägypten verhindert. Auch der Zusammenhalt der
verschiedenen Machtapparate (etwa die Kleriker um den „religiösen Führer“
Chamenei), bleibt trotz Konflikten noch ohne Risse. Weniger beachtet wird
jedoch, dass die langfristige Stabilität vor allem auf dem Fehlen einer
robusten Zivilgesellschaft, organisierter politischer Opposition und
glaubwürdiger Reformprozesse beruht.
Die Entwicklung einer lebendigen Zivilgesellschaft war zunächst stark
begrenzt und wurde später systematisch unterdrückt. Dies hatte drei
unvermeidliche Folgen: Erstens wurde verhindert, dass die iranische
Gesellschaft Erfahrungen mit politischer Betätigung und Organisation
sammeln konnte. Zweitens ging es selten um die Gestaltung der eigenen
Gesellschaft aufgrund eigener Bedürfnisse und Ideen. Und schließlich
konzentrierte sich das politische Denken auf die Abwehr staatlicher
Übergriffe oder Versäumnisse. Wegen der Unterdrückung praktisch jeder
oppositionellen oder unabhängigen Tätigkeit konnte sich in Iran keine
organisierte Opposition bilden. Damit wurden die Veränderungspotenziale
weiter geschwächt.
In vieler Hinsicht war das Jahr 2009 ein Wendepunkt. Im damaligen
Präsidentschaftswahlkampf kam es für zwei Kandidaten – Mir Hossein Mussawi
und Mehdi Karroubi – zu einer außergewöhnlichen öffentlichen Mobilisierung,
unter anderem der „Grünen Bewegung“. Die weit verbreitete Begeisterung für
die Oppositionskandidaten schlug nach der Wahlfälschung und der gewaltsamen
Niederschlagung der Proteste schnell um in Resignation, Verzweiflung und
Hass auf das Regime. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Bevölkerung immer
wieder Hoffnung in Reformen gesetzt.
Doch allmählich nahm man es den Reformisten übel, sich nicht klar und
eindeutig hinter die Opfer staatlicher Gewalt zu stellen oder das Regime
grundsätzlich infrage zu stellen. Die Enttäuschung über die Reformisten
verbreitete sich rasch und wurde zu einem allgemeinen Phänomen. Damit
lösten sich die Hoffnungen auf eine grundlegende Reform der Islamischen
Republik „von innen heraus“ weitgehend in Luft auf. Dies zeigte sich im
Scheitern der Präsidentschaft von Hassan Rohani. Mit der Unterstützung von
zwei ehemaligen Präsidenten – Hommamad Chatami und Ali Akbar Haschemi
Rafsandschani – präsentierte er sich als reformorientierter Politiker.
## Impulse aus dem Ausland
Am Ende seiner Amtszeit war allerdings klar, dass auch er die Versprechen
gegenüber der Bevölkerung nicht einlösen konnte. Die gezielte Aushöhlung
von Reformansätzen durch die Hardliner um den „Führer“ Ali Chamenei
verhinderte eine schrittweise Öffnung des politischen Systems und trug
maßgeblich dazu bei, dass sich das Regime in seiner repressiven Form
stabilisieren konnte.
In den vergangenen Jahren traten vereinzelt Personen als Sprecher*innen
der Opposition in Erscheinung, teils im Kontext neuer Protestbewegungen,
teils durch Impulse aus dem Ausland, unter anderem durch Shirin Ebadi,
Masih Alinejad oder Hamed Esmaeilion. Nach der
„Frau-Leben-Freiheit“-Protestwelle vom Herbst 2022 kann auch der
[3][rechtskonservative Sohn des früheren Königs, Reza Pahlavi,] dazu
gezählt werden. Diese Persönlichkeiten verfügen über Zugang zu
internationalen Medien und – in unterschiedlichem Maße – über Ansehen in
Iran selbst, auch wenn sie sich meist im Exil befinden. Allerdings besteht
im Land selbst weiterhin keine organisierte Opposition, und die
Oppositionellen erreichten bis heute weder Einheit noch einen
Zusammenschluss. In Iran gibt es deshalb bis heute keine glaubwürdige
Machtalternative zum Regime.
Ein Ergebnis der inneren Perspektivlosigkeit ist, dass politische Hoffnung
zunehmend nach außen verlagert wird. So wurde etwa der Exilpolitiker Reza
Pahlavi nicht durch eigene Stärke, sondern durch die Zersplitterung der
Opposition, die Hoffnungslosigkeit und Alternativlosigkeit im Land zu einem
wichtigen Akteur. Parallel hat sich eine Denkweise weit verbreitet, die
eine Befreiung von der Diktatur von außen durch Israel und die USA erhofft,
selbst durch weitere militärische Angriffe auf Iran. Dabei bleiben die
äußeren Mächte primär an eigenen Interessen orientiert. Seine Befreiung
ausgerechnet von US-Präsident Donald Trump und dem israelischen Premier
Benjamin Netanjahu zu erhoffen, ist vor allem ein Zeichen der Verzweiflung.
Niemand kann wissen, ob Trump nicht bei einer passenden Gelegenheit doch
noch einen Deal mit Teilen des Regimes eingeht, wenn dies Zugriff auf das
iranische Öl verspräche.
Die neue Begeisterung für den Sohn des früheren Schahs ist eine bloße
Projektionsfläche der Hoffnungen auf eine Alternative zum Regime. Sie
erfolgt durch die Betonung positiver Aspekte der Zeit des Schahs, etwa
bestimmter Modernisierungsmaßnahmen wie kultureller Förderprogramme,
Schulernährungsprogramme, Reformen im Familienrecht. Rückblickend wird
dabei jedoch die diktatorische Realität der Herrschaft des früheren Schahs
ignoriert oder idealisiert. Die damals verbreitete Folter und politische
Unterdrückung werden verharmlost oder bestritten. Auch drängende aktuelle
Fragen werden unter den Teppich gekehrt, unter anderem, warum sich Reza
Pahlavi in der Öffentlichkeit zwar konservativ-demokratisch gibt, zugleich
aber viele rechtsradikale, antidemokratische oder nationalistische Anhänger
duldet. Er selbst verweist in Erklärungen und Interviews häufig auf
demokratische Prinzipien.
## Kein Wandel ohne Gemeinsamkeit
Gleichzeitig bleiben diese Bekenntnisse vage und allgemein. Eine klare
Positionierung gegenüber nichtdemokratischen Vorstellungen innerhalb seines
eigenen Unterstützerkreises sowie konkrete Vorstellungen über demokratische
Institutionen und seine eigene Rolle in einem möglichen Übergangsprozess
sind bislang ausgeblieben. Diese strategische Unschärfe trägt zur
anhaltenden Skepsis gegenüber seinem politischen Projekt bei.
Welche Bedeutung kann das für einen zukünftigen Iran haben? Die Diktatur
dadurch zu bekämpfen, dass man eine frühere Diktatur idealisiert, ist kein
geeigneter Weg in eine freie und demokratische Zukunft. Iran verfügt über
ein vielfältiges Oppositionspotenzial, wobei Persönlichkeiten wie Reza
Pahlavi, Narges Mohammadi oder Masih Alinejad jeweils symbolisches Gewicht,
gesellschaftliches Vertrauen oder internationale Sichtbarkeit
repräsentieren. Niemand von ihnen kann jedoch allein den demokratischen
Wandel herbeiführen. Problematisch wird es, wenn Hoffnungen ausschließlich
auf einzelne Figuren projiziert werden, während kollektive Initiativen und
gemeinsame politische Alternativen unterbleiben.
Der politische Wandel sollte als systemischer Prozess verstanden werden.
Macht in den Händen einer einzelnen Person zu konzentrieren – selbst
innerhalb der Opposition –, reproduziert autoritäre Praktiken und steht im
Widerspruch zu demokratischen Prinzipien. Eine demokratische Zukunft für
Iran setzt vielmehr institutionelle Machtverteilung, pluralistische
Strukturen und kollektive politische Verantwortung voraus.
Das Regime ist seit ungefähr 50 Jahren an der Macht. Aber es kann sich
zurzeit nur durch Gewalt und Repression halten. Repression allein
garantiert jedoch keine stabile Zukunft. Entscheidend ist, was auf den
Sturz des Regimes folgt. Der [4][Kampf um Freiheit] kann nicht darin
bestehen, selbsternannten Führern nachzulaufen. Auch die Islamische
Revolution hat gezeigt, wie gefährlich das ist: Millionen Menschen folgten
Chomeini, ohne die langfristigen Folgen für Iran zu kennen – und gerieten
so von einer Diktatur in die nächste. Diesen Fehler gilt es jetzt zu
vermeiden: [5][Der Kampf darf nicht für einen neuen Führer geführt werden,]
sondern für die Werte, die das gegenwärtige Regime seit Langem mit Füßen
tritt: Freiheit und Demokratie.
8 Feb 2026
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## AUTOREN
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