# taz.de -- Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Die ganz normale AfD-Strategie
> Die AfD in Sachsen-Anhalt wird für ihr menschenverachtendes Wahlprogramm
> kritisiert. Die Reaktion der Partei verrät viel über ihre Pläne für das
> Bundesland.
(IMG) Bild: Merchandise der AfD für den Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt
Die Kamera läuft. Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in
Sachsen-Anhalt für die kommende Landtagswahl, hält eine Ausgabe der
Magdeburger Volksstimme hoch. „Entsetzen über AfD-Programm“, titelt die
Lokalzeitung. Mit hellblauem Textmarker sind mehrere Zeilen auf Siegmunds
Ausgabe hervorgehoben. Er spricht in scharfem Ton, lächelt dabei aber für
die Zuschauer:innen bei Tiktok. Siegmund zeigt auf die erste markierte
Stelle. „So, was ist jetzt inhaltlich schlimm?“
Sachsen-Anhalt brauche eine „migrationspolitische Kehrtwende von 180 Grad“,
liest er vor. Dann blickt er direkt in die Kamera und ruft:
„Selbstverständlich brauchen wir das! Guckt euch doch mal um in unseren
Städten.“ Mit dem Zeigefinger fährt der AfD-Politiker über die zweite
Stelle. „Wir brauchen eine Abschiebe- und Remigrationsoffensive“, liest er
wieder etwas ruhiger vor. „Selbstverständlich brauchen wir das!“ So geht
das noch ein bisschen weiter.
Auffällig ist: Siegmund widerspricht nicht. Sein Social-Media-Auftritt
folgt einem Muster, das bei der AfD mittlerweile Routine ist. Statt Kritik
zu widerlegen, versucht die Partei sie einfach zu entkräften. Es sei doch
alles ganz normal. Was sie damit bezweckt, zeigt sich in Sachsen-Anhalt
besonders deutlich.
In Umfragen für die Landtagswahl am 6. September führt die
national-autoritäre AfD mit etwa 39 Prozent. Zwar möchte keine andere
Partei mit ihr zusammenarbeiten. Aber je nachdem, wie viele es über die
5-Prozent-Hürde schaffen, ist nicht ausgeschlossen, dass Siegmund und Co
eine absolute Mehrheit erreichen und alleine regieren können. Was dann
kommen würde, lässt das Wahlprogramm erahnen, dessen 156-seitigen Entwurf
die AfD Ende Januar vorlegte.
## Russisch-Unterricht in Schulen
Vereine müssten demnach eine „patriotische Grundhaltung“ aufweisen und
Kultur einen Beitrag zur „deutschen Identitätsfindung“ leisten, um Geld vom
Bundesland zu bekommen. In den Schulen möchte die AfD gerne
Russisch-Unterricht ausbauen, um „gute Beziehungen zu Russland“ zu fördern.
Dass das Land gerade einen [1][Krieg in Europa führt]? Der betreffe
„lediglich den Osten“ der Ukraine, behauptet die AfD in ihrem Programm. Wer
aus der Ukraine flüchte, sei deshalb nicht unbedingt ein
„Kriegsflüchtling“, deshalb brauche es auch eine „Remigrationsoffensive für
in Sachsen-Anhalt lebende Ukrainer“.
Eine Task Force solle die „Remigration“ koordinieren. Der Begriff, der auf
der völkischen [2][Idee vom Ethnopluralismus basiert], führte 2024 zu
bundesweiten Demonstrationen. In ihrem Wahlprogramm versucht die AfD ihn
weiter zu normalisieren und tut zum Beispiel so, als würde auch die EU eine
„Remigrationsoffensive“ in die Ukraine planen. Bei der AfD geht es auch
darum, „kulturfremde“ und „illegale Zuwanderer“ aus Deutschland
herauszuhalten.
Zwar verspricht die Partei, sie setze sich für die Meinungsfreiheit ein.
Aber gleichzeitig wolle die AfD Sachsen-Anhalt sich auf Bundesebene dafür
einsetzen, unter Strafe zu stellen, wenn jemand „den deutschen Staat und
das deutsche Volk herabwürdigt und beleidigt“. Mehr noch, wer Deutschland
als „historisch-kulturelles Gebilde“ verunglimpfe, solle mit bis zu drei
Jahren Gefängnis bestraft werden. Der [3][Stern-Journalist Martin Debes]
meint, „historisch-kulturelles Gebilde“ sei derart vage, dass es auch ein
Verunglimpfen der deutschen NSDAP-Diktatur strafbar machen könnte.
Das ist nur ein kurzer Ausschnitt. Das Wahlprogramm sei ein „Dokument der
völkischen Radikalisierung“, sagt David Begrich, Mitarbeiter der
Arbeitsstelle Rechtsextremismus beim Verein Miteinander in Magdeburg, im
Gespräch mit der taz. Der Wunsch nach einer „weitgehend autoritären
Gesellschaftsform“ ziehe sich wie ein roter Faden durch das Programm,
erklärt Begrich. Gleichzeitig probiere die AfD, allen voran Ulrich
Siegmund, möglichst harmlos und vor allem normal zu wirken.
## Radikales Wahlprogramm
Das zeigt sich auch bei den internen Vorwürfen, die Partei betreibe
Vetternwirtschaft. Abgeordnete stellen demnach gegenseitig
Familienmitglieder an und sichern sie so finanziell ab. In einem Video dazu
erklärt Ulrich Siegmund: Natürlich stelle man bei der AfD in Sachsen-Anhalt
Familienmitglieder an. Er lächelt in die Kamera. „Das ist doch logisch.“
Wem solle die AfD denn sonst vertrauen?
Aber warum vertritt die Partei extremere Positionen und möchte gleichzeitig
normal wirken? „Ich würde davon sprechen, dass die AfD eine
Doppeladressierung vornimmt“, erklärt Begrich. Zum einen signalisiere sie
mit dem radikalen Wahlprogramm ihrer Kernwähler:innenschaft, dass die
Partei deren Interessen im Blick hat. Zum anderen vermittle die AfD der
erweiterten Wähler:innenschaft, es werde schon nicht so schlimm, wenn sie
regiere.
Noch habe der Wahlkampf allerdings gar nicht richtig angefangen, mahnt
Begrich. „Die politische Situation ist volatiler, als die AfD es gerne
nahelegen würde.“ Bei den vergangenen Wahlen unterschieden sich die
Ergebnisse um mehrere Prozentpunkte von den vorherigen Prognosen. „Man
sollte nicht in die politisch-psychologische Falle gehen und avisieren, die
AfD hätte die Wahl in Sachsen-Anhalt schon gewonnen.“
11 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Krieg-und-Kaelte-in-der-Ukraine/!6150895
(DIR) [2] /Hintergrund-des-Begriffs-Remigration/!5987412
(DIR) [3] https://www.stern.de/politik/deutschland/die-afd-und-ihre-ganz-spezielle-vorstellung-von-meinungsfreiheit-37101270.html
## AUTOREN
(DIR) David Muschenich
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