# taz.de -- Olympia-Kenner in fünf Minuten: Was hat denn der Hammer eigentlich mit Curling zu tun?
       
       > Zehn Dinge, die Sie über die Olympischen Winterspiele unbedingt wissen
       > sollten. Ein kleines Glossar für Anfänger und Fortgeschrittene.
       
 (IMG) Bild: Curling mit Hammer: das US-Mixed-Team, Cory Thiesse und Korey Dropkin, im ersten Olympia-Duell gegen die Schweiz am Donnerstag
       
       ## AIN
       
       Es gibt Länderkürzel bei Olympia, die sich schnell entschlüsseln lassen wie
       USA, FRA oder GER. Bei anderen ist es ein wenig schwieriger. KSA etwa steht
       für Saudi-Arabien und PRK für Nordkorea. Und dann gibt es das Kürzel, unter
       dem die Sportlerinnen und Sportler antreten, die gerade nicht für ihre
       Heimatländer starten dürfen, weil die gerade ein Nachbarland überfallen
       haben. AIN steht für „Athlètes individuels neutre“, die Neutralen. [1][Als
       solche dürfen Sportlinnen und Sportler aus Russland und Belarus antreten,]
       sofern sie nicht Militärangehörige sind oder den Krieg gegen die Ukraine
       verherrlicht haben. Nationale Symbole ihre Heimatländer dürfen sie nicht
       zeigen.
       
       ## Anzuggate
       
       Eine Übertragung vom Skispringen aus Predazzo wird wohl kaum ohne dieses
       Wort auskommen. Und die Freunde der gepflegten Telemark-Landung (siehe
       unten) werden natürlich sofort wissen, dass es dabei um den [2][Skandal um
       manipulierte Skisprunganzüge] geht, mit dem sich die Norweger ihre Heim-WM
       im vergangenen Jahr selbst vermasselt haben. Sie hatten die Nähte der
       Anzüge innen versteift, so dass sie sich beim Spreizen der Beine in der
       Luft beinahe schon Flügel gebildet haben. Das darf natürlich nicht sein. Es
       folgten Disqualifikationen und Sperren.
       
       ## Bahnwechsel
       
       Auf den ersten Blick geht es hier um eine harmlos erscheinende Regel aus
       der olympischen Disziplin des Eisschnelllaufs. Die Kufenläuferinnen und
       -läufer müssen jede Runde die Bahn wechseln, entweder von der Innenbahn
       nach außen oder umgekehrt, und zwar in jeder Runde auf der Gegengeraden.
       Durch den Ausgleich der längeren Außen- und der kürzeren Innenbahn werden
       so faire Bedingungen geschaffen. Zur Berühmtheit gelangte [3][ein
       Bahnwechsel im Jahr 2010,] als die niederländische Eisschnelllauflegende
       Sven Kramer im Rennen über 10.000 Meter kurz vor dem Gewinn der
       Goldmedaille stand und auf Geheiß von Trainer Gerard Kemkers nach gut 8.000
       Metern im falschen Moment die Bahn wechselte. Seine Disqualifikation war
       die logische Folge. Danach musste der arme Trainer sich vom aufgebrachten
       Kramer in aller Öffentlichkeit als „Arschloch“ beschimpfen lassen. Ein
       Bahnwechsel ist also eine ernstzunehmende Angelegenheit. In extremen Fällen
       kann er zu schlimmsten Verwerfungen führen.
       
       ## Gundersen-Methode
       
       Die Nordische Kombination steht auf der olympischen Streichliste. Dabei hat
       man Grundlegendes getan, um den Sport attraktiver zu machen. Noch Anfang
       der 1980er Jahren wurde das Skispringen und der Skilanglauf unabhängig
       nacheinander ausgetragen und die Leistungen erst dann verrechnet. Dass der
       Mann, der im Langlauf dehydriert als Zwölfter über die Ziellinie keuchte,
       dennoch der Gesamtsieger sein konnte, ließ sich weder vor Ort noch im TV
       gut in Szene setzen. Der norwegische Kombinierer Gunder Gundersen
       entwickelte die Idee, den Abstand zwischen den Sprungweiten in Sekunden
       umzurechnen. Der beste Springer startet seither als Erster ins
       Langlaufrennen, und je nach Sprungergebnissen folgen die anderen mit dem
       errechnetem Abstand. Jetzt war der Erste im Ziel auch der Gesamtsieger. Dem
       IOC ist wohl selbst die Gundersen-Methode noch zu wissenschaftlich.
       
       ## Hammer
       
       Der Sportkonsument kennt zur Genüge Hammertore, Hammertransfers oder
       Hammerskandale. Offenkundig käme man in diesen Fällen auch ohne den Hammer
       aus, beim Curling ist er unverzichtbar. Denn der Hammer bezeichnet das
       Recht, den letzten Stein in einem End zu spielen. Weil diesen Vorteil gern
       jedes Team hätte, muss vor dem ersten Durchgang gelost werden.
       Darauffolgend kommt immer der Verlierer jedes Durchgangs in den Genuss des
       Hammers. Mit dem letzten Stein den jeweiligen Punktestand noch einmal auf
       den Kopf zu stellen, das ruft bei jeder Curlerin und jedem Curler ein
       Gefühl hervor, das sich ganz ohne Übertreibung als Hammergefühl beschreiben
       lässt.
       
       ## Icing
       
       Wörter, die das englische Wort „ice“ in sich bergen, lösen nicht nur in den
       USA, sondern ungünstigerweise auch derzeit bei den Olympischen Winter
       spielen in Italien Schockstarre aus. Die Nachricht, dass die für Schrecken,
       Gewalt und zwei Tote verantwortlichen US-Beamten der Einwanderungsbehörde
       ICE in Norditalien rund um die US-Delegation zum Einsatz kommen werden,
       [4][sorgte für Empörung]. Vorsichtshalber haben drei US-Wintersportverbände
       ihren gemeinsamen Olympia-Treffpunkt von „Ice-House“ in „Winter House“
       umbenannt. Klarzustellen ist an dieser Stelle allerdings, dass Icing schon
       bei den früheren Olympischen Spiele verboten war. Dieses Wort bezeichnet im
       Eishockey den unerlaubten Befreiungsschlag. Wenn ein Spieler oder eine
       Spielerin den Puck aus der eigenen Hälfte über die gegnerische Torlinie
       schießt, ohne dass ein anderer Spieler ihn berührt, muss der Schiedsrichter
       die Szene abpfeifen und auf Bully vor dem Tor des Verursachers des
       Weitschusses entscheiden. Obsessives Sicherheitsdenken war im Eishockey
       noch nie erlaubt.
       
       ## Nachlader
       
       Sport ist ja häufig Strafe – insbesondere beim Biathlon. Wer nicht gut
       schießt, muss in die Strafrunde und noch deutlich mehr Meter machen. Die
       ganz schlechten Schützen müssen gar mehrmals in die Strafrunde. In der
       Staffel jedoch zeigt der Schieß- und Laufsport sein gütiges Gesicht. Es
       gibt den Nachlader. Genau genommen drei. Wer die fünf Luken nicht alle
       trifft, bekommt noch einen sechsten, siebten und achten Versuch. Eigentlich
       geht es also auch ohne Strafe.
       
       ## Rittberger
       
       Es soll ja immer noch Leute geben, die lachen, wenn jemand den Ausdruck
       „dreifacher Rittberger“ in eine Diskussion über Sinn und Unsinn des
       Eiskunstlaufsports in die Runde wirft. Der Rückwärtssprung, der hierzulande
       nach Werner Rittberger benannt ist, der ihn mit einfacher Drehung 1910 zum
       ersten Mal ausgeführt hat, gehört immer noch zum Repertoire vieler
       Eiskunstläufer. 2016 [5][hat der Japaner Yuzuru Hanyu] als erster Mensch
       einen vierfachen Rittberger in einem Wettkampf gezeigt. Er selbst wird
       nicht wissen, dass er damals einen Rittberger ausgeführt hat. In der
       modernen Kampfrichterinnensprache heißt der Sprung schlicht Loop.
       
       ## Switch Double Cork 1440
       
       Das ist ein wenig tricky. Eine doppelt verkorkte Flasche edlen Rotweins
       Jahrgang 1440 ist es jedenfalls nicht. Zu sehen gibt es das Mysterium in
       Livingo im Snowpark, wo die Ski- und Snowboardartistinnen ihre Sprünge in
       die Luft zaubern. Also von vorn: Switch – das bedeutet, dass die Rampe
       rückwärts angefahren wird. In der Luft werden dann zwei Salti gedreht,
       während sich der Körper viermal um seine Längsachse dreht – um 4-mal 360
       Grad also. Daher die 1440. Gelandet wird dann wieder mit dem Rücken zum
       Tal. Wer da mitzählen möchte, sollte nicht allzu viel Rotwein während der
       Übertragung trinken.
       
       ## Telemark
       
       Eine [6][Landung beim Skispringen] ist erst dann so richtig schön, wenn
       Skispringerinnen und Skispringer dabei einen Ski nach vorn schieben,
       während sie den anderen Ski ein wenig nachlaufen lassen. Der Telemark kommt
       von Telemarken, einer Kurventechnik beim Skifahren, die im 19. Jahrhundert
       in der norwegischen Provinz Telemark entwickelt wurde.
       
       6 Feb 2026
       
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