# taz.de -- Man ist, was man isst: Meine Seele in den Gängen des Rewe
> Eine Fluchtbewegung treibt unseren Autor in den Supermarkt. Dort sieht er
> zwischen Feigensenf und Energydrinks, wie Menschen zu sich selbst finden.
(IMG) Bild: Der Einkauf als Achtsamkeitsübung. Therapeut: Rewe
Fragt mich, wieso ich gerade im Supermarkt meine innere Mitte wiederfinde.
Schon mal in einer Baustelle gelebt? „Neue Fenster“ haben sie gesagt, so
nebenbei, als wäre das ein Wellnessprogramm für die Wohnung. In Wahrheit
ist es eine staubige Apokalypse meiner Seele. Überall Putz, überall dieser
graue Film, der sich wie ein schlecht gelaunter Geist über mein Leben legt.
Eigentlich kann ich mit Chaos ganz gut, aber es gibt in meinem Zuhause
nicht einen einzigen Platz, wo man sich mal gemütlich hinsetzen könnte.
Keine Rückenlehne, kein Komfort. Mein Leben ist ein Improvisationstheater
und das Bühnenbild ist grottenschlecht. Sogar mein geliebtes
1,80-mal-2-Meter-Bett ist abgebaut, und es bleibt nur die Matratze auf dem
Boden.
So kam es, dass ich meinen inneren Kompass verlor. Betrete ich das Haus,
empfängt mich Willenlosigkeit. Würde ein Außerirdischer vorbeigekommen, er
könnte mich mitnehmen. Egal wohin.
Und damit [1][sind wir im Supermarkt]. Ich flüchtete. Ohne Ziel. Ohne Plan.
Nur weg. Ich lief in eine Richtung, in der ich mir etwas Trost erhoffte und
landete seltsamerweise [2][vor dem nächsten Rewe]. Die Tür öffnete sich,
und plötzlich geschah etwas Wunderbares. Ich wurde unsichtbar, nur ein
weiteres Gesicht unter dem Neonlicht der Gemüseabteilung, nur ein weiterer
Schatten zwischen den Sonderangeboten. Ich wusste gar nicht mehr, wie gut
sich das anfühlen kann.
Die Anonymität ist meine Soforthilfe. Meine Seele kommt langsam wieder ins
Hier und Jetzt, während ich meinen Wagen durch die Gänge schiebe. Er
quietscht. Vor mir stapelt ein Mann Nudelpackungen im Einkaufswagen, als
würde er sich auf den Weltuntergang vorbereiten, [3][eine Frau prüft
Avocados] mit der Hingabe einer Herzchirurgin und vor dem Tiefkühlregal
diskutieren Jugendliche darüber, ob eine Tiefkühlpizza zu zweit romantisch
oder armselig sei. Auf einmal stehe ich nicht mehr im Mittelpunkt meiner
eigenen Misere und beginne, die Welt wieder zu sehen. Und sie wird wieder
unterhaltsam.
Meine größte Erkenntnis: Im Einkaufswagen gibt es keine Geheimnisse. Man
kann schweigen wie ein Stein, aber auf dem Warenband liegt die Wahrheit. Da
ist der Typ, der keine Zeit hat und hetzt. Er hat nicht die Muße für einen
Wagen, um gemütlich durch die Gänge zu schlendern und sich vom Angebot
inspirieren zu lassen.
## Ich weiß nicht, ob die Chips Trost bedeuten
Nein, er trägt alles im Korb, bis sein Arm zittert. Sein Warenband verrät:
Margarine, zwei Sixpacks Energydrinks, Kaugummis, Chips, Weißbrot und
Wurst. Es zeichnet ein Stillleben mit dem Namen „Dinge für ein Leben im
Sprint“.
Es stimmt übrigens nicht, dass es im Einkaufswagen keine Geheimnisse gibt.
Das klingt nur gut, aber ist natürlich Unsinn. Ich weiß ja nicht, ob er die
Energydrinks und das Weißbrot für seine kranke Mutter kauft, oder ob er
einfach vorbereitet sein möchte für einen Zockerabend mit Freunden. Ich
weiß nicht, ob die Chips Trost bedeuten, Belohnung oder schlicht Hunger.
Und ich weiß nicht, ob er so gehetzt wirkt, weil sein Leben ihm gerade zu
viel ist oder weil er einfach spät dran ist.
Ich weiß nur, dass es mir wieder Spaß macht, die Welt zu beobachten. Der
Einkauf als Spiegel der Seele. Der Wagen als psychologisches
Beobachtungsexperiment. In meinen lege ich Feigensenf und in dem Moment
merke ich, wie schön diese Entscheidung ist.
Feigensenf kauft man nämlich nicht aus Versehen. Feigensenf ist keine
Pflicht. Feigensenf ist eine stille, kaum wahrnehmbare Liebeserklärung an
das Leben. Mit einem Stück Bergkäse und einem Baguette zusammen ein
kulinarischer Hoffnungsschimmer.
Während ich innerlich lächelnd schon vor dem Rotwein stehe, schweift mein
Blick wieder zu den anderen Menschen. Sie bewegen sich wie Figuren in einem
stillen Ballett des Alltags, jeder in seinem eigenen Rhythmus und seiner
eigenen unsichtbaren Choreografie.
## Bio, obwohl es teurer ist? Oder No-Name und damit Schuld auf sich laden?
Ein älterer Herr prüft konzentriert die Etiketten verschiedener Weine, als
hinge sein gesamtes Lebensglück von der Wahl zwischen „halbtrocken“ und
„trocken“ ab. Er runzelt die Stirn, setzt seine Brille ab, wieder auf,
neigt den Kopf zur Seite. Ich erkenne mich wieder. Vielleicht sucht er gar
keinen Wein. Vielleicht sucht er nur einen Moment, in dem er sich wichtig
nehmen darf.
Ein paar Meter weiter zieht ein Kind eine Packung Gummibärchen aus dem
Regal. Leicht verschämt zuerst, aber es hat gelernt, dass einem lachenden
Kind keiner böse sein kann. Also grinst es voller Glück mit geöffnetem Mund
zu seiner Mutter hoch, während es die Gummibärchen an seine Brust legt. Sie
schaut das Kind an. Doch da ist gar kein Lächeln. Eine Millisekunde ist sie
genervt. In der nächsten Millisekunde wägt sie ab. Dann ein Nicken. Und ein
strahlendes Kind.
Ich mag strahlende Kinder, nicht alle, aber dieses hier ist ein Prototyp
der Kinder, die ich mag. Rotzfrech, unbeschwert, vom Leben bisher
unversehrt und glücklich über einen bunten Beutel mit Gummibärchen. Es ist
noch so weit entfernt von der Unentschlossenen im Gang mit den
Dosentomaten.
Eine junge Frau, vielleicht 19 Jahre alt, ringt um die Kontrolle über das
Weltgeschehen: Bio, obwohl es teurer ist? Oder No-Name und damit Schuld auf
sich laden? Sie hat beide Optionen selbst in der Hand und in ihrem Gesicht
steht geschrieben, wie schwer ihr diese Entscheidung fällt. Sie tut mir
leid. Aber ich habe keine Lust auf unangenehme Gefühle und schaue nicht
weiter hin.
In meinem Einkaufswagen entscheidet sich, ob ich meine wiedergefundene
Mitte halten werde: Werden mir Feigensenf, Bergkäse, Rotwein, Schokolade
und zwei Grapefruits dabei helfen? Das werde ich noch herausfinden. Und
fehlt da nicht noch Baguette? Das gibt es beim Bäcker hinter der Kasse. Die
Kasse. Natürlich [4][ist nur eine geöffnet]. Die Schlange erstreckt sich
über 10 Meter.
Der Piepton des Scanners wird nun mein Mantra. 12 Minuten lang.
2 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Clemens Sarholz
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