# taz.de -- Buch über den US-Filmemacher Jack Smith: Glitzer und Schimmel
       
       > Jack Smith wurde mit rauschhaften Performances und Undergroundfilmen
       > berühmt. Texte von und über Smith sind jetzt auch auf Deutsch erschienen.
       
 (IMG) Bild: Eine Szene aus „Flaming Creatures“ von Jack Smith, 1963
       
       Die Kunst, ist sie noch zu retten? Diese Frage stellte sich zu allen
       Zeiten; sie ist es vor allen anderen, die Künstler*innen zur Arbeit
       antreibt. Jack Smith, der große U[1][nderground-Filmemacher] der 60er und
       70er Jahre, drehte seinen Film „Kino ’74 – Jack Smith“ im Kölner Zoo und
       forderte von den Museen, bis fünf Uhr früh offen zu haben und endlich etwas
       Interessantes zu zeigen. Dann überreichte er den Menschenaffen
       Werbeprospekte für eine Ausstellung mit dem Slogan „Kunst bleibt Kunst“.
       Die Affen begutachteten die Flyer interessiert und fraßen sie auf.
       
       Diese Episode stammt aus dem neuen Band „What’s Underground About
       Marshmallows?“, der Texte von und über Jack Smith versammelt. An Smiths
       historischer Bedeutung kann es keinen Zweifel geben: Er ist eine
       emblematische Figur der amerikanischen Performance. [2][Andy Warhol] nannte
       ihn die „einzige Person, die ich je kopieren würde“, und Richard Foreman
       sah in Smith „die geheime Quelle für praktisch alles, was im sogenannten
       experimentellen Theater Amerikas relevant ist“.
       
       Smith selbt hätte solches Lob vermutlich abgelehnt. Dabei hätte ihm sein
       Film „Flaming Creatures“ von 1963 alle Wege geebnet. Besondere Berühmtheit
       erlangte das Werk wegen einer Szene, die mit „asexueller Orgie“ vielleicht
       am ehesten umschrieben ist; tatsächlich ist diese Sequenz aber mehr ein
       Tohuwabohu an Körperteilen, Spitzenkleidern, Glitzer, Tüll und sanften
       Formen. Nichtsdestotrotz verboten die Behörden den Film wegen Pornografie,
       was Smith eine gewisse Bekanntheit in Kunstkreisen verschaffte.
       
       Das aber war ein doppeltes Missverständnis: weder ging es [3][Jack Smith]
       um das Schockieren der Autoritäten noch um den Applaus der von ihm
       verachteten Kunstwelt. „Flaming Creatures ist ein modernes Kunstwerk
       seltener Art: ein Kunstwerk, in dem es um Freude und Unschuld geht“,
       konstatiert Susan Sontag, und das kann für Smiths gesamtes Werk gelten.
       Teil dieser Unschuld ist seine völlige Unbedarftheit und Gleichgültigkeit
       gegen jede Form der technischen Verfeinerung: um Handwerk geht es ihm
       nicht, schon gar nicht um Meisterschaft. Es geht um Rausch und Liebe; keine
       objektbezogene Liebe, sondern eine allgemeine, allen gehörende. Smith
       begründete hier den Camp mit.
       
       Dem drohenden Ruhm aus falschen Gründen begegnete er so konsequent wie
       radikal. Fortan stellte er keinen einzigen Film mehr fertig. Stattdessen
       führte er einzelne Szenen in Sessions vor, die er mit Musik und Dialogen
       begleitete: LIVE FILM nannte er das. Manchmal tauchten die
       Schauspieler*innen nicht zu einer Vorführung auf, dann setzte er Leute
       aus dem Publikum als Darsteller*innen ein.
       
       ## Der Schimmel
       
       Einen besonderen Stellenwert nimmt in seiner Kunst die „moldiness“ ein, der
       Schimmel oder die Modrigkeit, die bei ihm in Form der Patina auftritt. Es
       ist aber kein Begriff, den er durchdekliniert, sondern um den er
       herumassoziiert; beispielsweise in seinen Lobgesängen auf María Montez,
       einen Kinostar der 1940er Jahre. Von ihr stammt das wundervolle Zitat:
       „Wenn ich mich auf der Leinwand sehe, wie wunderschön ich bin, schreie ich
       vor Freude!“
       
       Montez wurden oft ihre begrenzten schauspielerischen Fähigkeiten
       vorgeworfen: gerade das aber war für Jack Smith ihre Qualität. Gerade das
       Ungekünstelte an ihr, das mit einer gewissen Divenhaftigkeit nicht in
       Widerspruch steht, zog Smith an. Gleichzeitig gibt er sich aber keine Mühe,
       die Leser*innen davon zu überzeugen, dass und wie Montez von Bedeutung
       sei: Es gibt eine Unmittelbarkeit in seinen Texten, einen liebenswerten
       Starrsinn, der jenseits aller tradierten Vermittlungstechniken liegt.
       
       Nicht nur war Smith ein Pionier des Camp, sondern auch ein Verfechter des
       Drag. Beide Komponenten machen ihn heute noch aktuell. Die bedingungslose
       Liebe, die verspielte Hingabe, die aus Smiths Werk sprechen, sind
       Anknüpfungspunkte in einer durchtechnisierten Welt voller AI und
       Transfeindlichkeit. Sein Kunstverständnis lässt sich mit seinen Worten so
       zusammenfassen: „Was erwarten wir von einem Film? / Kontakt mit etwas, das
       wir nicht sind, nicht kennen / nicht denken, nicht fühlen, nicht verstehen,
       / somit: Eine Erweiterung.“
       
       4 Feb 2026
       
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