# taz.de -- Kleinbauern in Äthiopien: Abwarten und Kaffee trinken
> In Äthiopien gibt die neue EU-Entwaldungsverordnung Rätsel auf. Denn hier
> verdrängen Kaffeesträucher keinen Wald, sie brauchen Schatten von Bäumen.
(IMG) Bild: Äthiopische Lebenskultur: Mulu Tashome röstet Kaffeebohnen auf der Plantage, die sie mit ihrem Mann Mulugeta Kenea betreibt
Mulu Tashome sitzt auf einer kleinen Lichtung auf einem Holzschemel. Vor
der 35-jährigen Äthiopierin liegt eine Pfanne über den glühenden Kohlen
einer Feuerschale. Vorsichtig bewegt Tashome milchig-grüne Kaffeebohnen hin
und her, bis sie dunkelbraun glänzen. Anschließend stößt sie mit
rhythmischen Schlägen einen etwa einen Meter langen Stößel in die Bohnen,
die in einem hölzernen Mörser liegen. Das feingemahlene Kaffeepulver gibt
sie direkt in das kochende Wasser einer metallenen Kaffeekanne.
„Kein Bauer trinkt zu Hause allein Kaffee. Wenn ich Kaffee zubereite, muss
ich meine Nachbarn rechts und links einladen“, sagt Tashome. Den
kreisförmig um sie sitzenden Gästen schenkt sie starken, schwarzen Kaffee
in kleine henkellose Porzellantassen ein. Kaffee ist in Äthiopien nicht nur
Lebensgrundlage, sondern auch Kulturgut.
Mulu Tashome und ihr Ehemann Mulugeta Kenea gehören zu den schätzungsweise
vier Millionen Kleinbauern in Äthiopien, die das Land zum größten
Kaffeeproduzenten Afrikas machen. Lediglich der Dreck unter den
Fingernägeln verrät, dass die langen, eleganten Hände von Mulugeta Kenea
hart arbeiten. Ohne fließendes Wasser, Internet und Strom baut der hagere
40-jährige Äthiopier seinen Kaffee an.
Akazien und afrikanische Kordien verteilen sich auf seiner Plantage
zwischen den dichten Reihen von Kaffeesträuchern und werfen Schatten. Trotz
wolkenfreiem Himmel ist es hier angenehm kühl. Rote Arabica-Kaffeekirschen
leuchten aus dem tiefgrünen Blätterdickicht hervor. Es ist Erntezeit.
## Neue EU-Verordnung greift ab 2027
Kommendes Jahr könnte Kenea große Probleme bekommen. Denn ab dem [1][30.
Dezember 2026] müssen [2][Kaffeehändler und kaffeeverarbeitende Betriebe]
laut EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) nachweisen, dass für ihren Kaffeeanbau
kein Wald abgeholzt wurde. Für Unternehmen mit weniger als 50 Beschäftigten
und unter 10 Millionen Euro Jahresumsatz greift das Gesetz ab [3][30. Juni
2027].
Kenea müsste dafür Standortdaten seiner Parzellen liefern. Im Abgleich mit
Satellitenbildern von vor [4][2021] kann dann festgestellt werden, ob auf
seiner Plantage früher Wald stand.
Von der EU-Verordnung hat Kenea noch nie gehört. Er versteht nicht, warum
er nachweisen soll, dass er keine Bäume abgeholzt habe. Im Gegenteil:
„Diese Bäume hier gab es noch nicht, bevor ich Kaffeesträucher pflanzte.“
Seine grauen Schläfen und bedächtige Stimme strahlen Lebenserfahrung aus.
Agrarwissenschaftler Dr. Addis Alemayehu Tassew vom Southwest Ethiopia
Agricultural Research Institute kann die Verwunderung nachvollziehen: „Fast
der gesamte äthiopische Kaffee ist Arabica-Kaffee. Diese Art wird unter
Bäumen angebaut.“ Demgegenüber wächst Kaffee in Brasilien vielfach in über
[5][50 Hektar] großen Monokulturen. Keneas Kaffeeplantage ist nur ein
Viertel Hektar groß, typisch für Äthiopien.
## Mehr Einkommen, mehr Bäume, mehr Kaffee
Bis vor vier Jahren lebte Kenea von Hirse, Mais und Teff, eine äthiopische
Getreidesorte. Dann stellte ihm die Hilfsorganisation Menschen für Menschen
Kaffeesetzlinge zur Verfügung. Der Gedanke: Kaffeeanbau steigert Einkommen,
die Bäume neben dem Kaffee tragen zur Aufforstung bei.
Mit dem Kaffee verdient Kenea nun 300.000 Birr im Jahr, etwa 1.700 Euro,
viel mehr als früher. Davon können seine Frau und er ihre sechs Kinder
besser versorgen. Auf seinem Dach hat er ein kleines Solarpanel
installiert, sagt er und zählt alle seine Glühbirnen auf, die er damit
betreiben kann: „Die erste ist im Wohnzimmer, die zweite in meinem
Schlafzimmer. Die dritte ist in der Küche und die vierte in dem Zimmer, in
dem meine Kinder lernen.“
Eine seiner vier Glühbirnen hängt an einem grauen Kabel von der Decke.
Plastikplanen und Zeitungen verkleiden die Lehmwände. Er kann die Zeitungen
zwar nicht lesen, doch die Bilder geben etwas Farbe. Zwei Bänke, zwei runde
Tische, dazu kleine Schemel und ein Regal, alles handgeschreinert, stehen
auf dem Sandboden. Früher sei sein Haus nicht so gut ausgestattet gewesen,
sagt der Kaffeebauer.
„Das wird eine weitere große Belastung für diese ohnehin schon armen
Bauern“, sagt Bahritu Seyoum, Projektdirektorin von Menschen für Menschen,
über die EU-Verordnung. „Es fängt beim Handy an, das Standortdaten erfassen
kann. Dann müssen sie auch noch in der Lage sein, die Daten zu erfassen.“
Mobiles Netz gibt es in Keneas Dorf Genji kaum. Er könnte ein Smartphone
ohnehin nicht bedienen, denn Lesen und Schreiben hat er nicht gelernt. Aber
er hat ein altes Tastenhandy zum Telefonieren.
## Äthiopiens Regierung gibt sich zuversichtlich
Der äthiopische Staatsminister für natürliche Ressourcen, Professor Eyasu
Elias, gibt sich dagegen zuversichtlich: „Ich denke, dass wir die Frist
einhalten können.“ Äthiopien nehme die EUDR sehr ernst und werde sich
bemühen, die EU-Anforderungen zu erfüllen, so der Minister.
Agrarwissenschaftler Tassew widerspricht: „Wir bereiten uns nicht so vor,
wie es die EU verlangt. Ich denke, die meisten Kaffeebauern haben von der
EUDR noch nicht einmal gehört.“ Millionen von Bauern müssen informiert und
die Standortdaten ihrer vielen kleinen Kaffeeplantagen gesammelt werden.
Tassew bezweifelt, dass Äthiopiens Kaffeebauern die Frist einhalten können.
„Uns fehlt alles: technische Ausstattung, qualifiziertes Personal und
finanzielle Mittel.“
Mögliche finanzielle Einbußen beträfen nicht nur die Kleinbauern. „Während
der Erntezeit stellen wir Frauen als Erntehelferinnen ein. Auf diese Weise
profitieren auch Frauen außerhalb unseres Haushalts von der täglichen
Arbeit hier“, sagt Keneas Frau Mulu Tashome. Während der aktuellen
Erntesaison bezahlt das Ehepaar täglich fünf bis acht Erntehelferinnen.
Entscheidungen über die Umsetzung der EUDR werden ohne Kleinbauern wie
Kenea getroffen. Auch den Verkaufspreis seiner Ernte diktieren ihm lokale
Händler. „Sie sagen, nicht sie seien dafür verantwortlich, sondern der
internationale Markt bestimme den Kaffeepreis“, erzählt Kenea. „Ich finde
das nicht fair.“
## Die Preise sind bereits niedrig
2025 zahlten Kaffeehändler in Nono Benja für ungeröstete Bohnen etwa drei
Euro pro Kilo. Unter Berücksichtigung des Gewichtsverlusts während des
Röstprozesses entspricht das etwa 15 Prozent des Preises von Arabica-Kaffee
in deutschen Supermärkten. Doch Kenea muss seine unbehandelten
Kaffeekirschen zu noch geringeren Preisen verkaufen. Denn er besitzt keine
Maschine zur Entfernung von Fruchtfleisch und Schale. Seine Arbeit bleibt
Handarbeit.
Auf die Besonderheiten von Äthiopiens waldfreundlichem Kaffee nahm die
EU-Entwaldungsverordnung keine Rücksicht. Sie löst die bestehende
[6][EU-Holzhandelsverordnung] ab und soll nicht nur bei Holzimporten
entwaldungsfreie Lieferketten sicherstellen, sondern auch bei Kakao,
Palmöl, Rind, Kautschuk, Soja und Kaffee.
„Aufgrund der Ausweitung gab es keinen Fokus auf die spezifischen
Bedürfnisse einzelner Rohstoffe“, sagt Dr. Jonathan Zeitlin. Der
emeritierte Professor an der Universität von Amsterdam verfolgt seit Jahren
das EUDR-Gesetzgebungsverfahren. In der Gesamtschau überwiege für ihn der
potenzielle Beitrag der EUDR zum Umweltschutz ihre Schwächen, sagt er.
Aber: „Bemerkenswert ist, dass Kaffee in der gesamten Debatte so gut wie
nicht thematisiert wurde.“
Noch landet die Ernte von Kaffeebauer Kenea wohl auch in deutschen
Kaffeetassen. Monatlich exportiert Äthiopien Kaffee im Wert von etwa [7][40
Millionen Euro] nach Deutschland. Damit ist Deutschland gegenwärtig der
größte Absatzmarkt äthiopischen Kaffees. Agrarwissenschaftler Tassew
rechnet damit, dass sich Äthiopiens Kaffeeexporte infolge der EUDR in
Richtung anderer Märkte wie Saudi-Arabien verschieben.
22 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20251211IPR32168/entwaldungsgesetz-parlament-beschliesst-aufschub-und-vereinfachung
(DIR) [2] https://www.eeas.europa.eu/sites/default/files/documents/2024/EN_EUDR%20key%20aspects.pdf
(DIR) [3] https://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20251211IPR32168/entwaldungsgesetz-parlament-beschliesst-aufschub-und-vereinfachung
(DIR) [4] https://eudr.co/de/eudr-faq
(DIR) [5] https://www.intracen.org/file/itccoffee4threport20210930webpagespdf
(DIR) [6] https://www.eeas.europa.eu/sites/default/files/documents/2024/EN_EUDR%20key%20aspects.pdf
(DIR) [7] https://www.2merkato.com/news/trading/8675-ethiopias-coffee-exports-surge-47-in-first-quarter-of-2025/26-fiscal-year
## AUTOREN
(DIR) Tycho Schildbach
## TAGS
(DIR) Äthiopien
(DIR) Kaffee
(DIR) Europäische Union
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) EU
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Neue Klagen für mehr Klimaschutz: Klimaklage gegen München wegen Tempo 50
Pakistanische Bauern verklagen RWE, die Stadt München hat eine Klage am
Hals. Und noch ein wichtiger Klimaentscheid wird kommende Woche gefällt.
(DIR) Flüchtlingskrise in Sudan: Hart angegriffen
Es ist die größte Vertreibungskrise der Welt: In einem äthiopischen Dorf an
der Grenze zu Sudan hausen Zehntausende Menschen in einem Zeltlager.
(DIR) Umsetzung der EU-Entwaldungsrichtlinie: Kaffee unter Bäumen
Wer bestimmte Agrarprodukte anbaut, muss bald nachweisen, dass dafür kein
Wald weichen muss. Für Kooperativen ist das eine Herausforderung.
(DIR) Biokaffee aus Äthiopien: Dementi zum Pfuschvorwurf
Ein deutscher Ökokontrolleur hatte in der taz mutmaßliche Mängel bei
Inspektionen kritisiert. Nun hat sich die äthiopische Botschaft
eingeschaltet.