# taz.de -- Mercosur-Abstimmung im EU-Parlament: Freihandel spaltet die Grünen
> Grünen-Chef Felix Banaszak fordert, das Mercosur-Abkommen solle in Kraft
> treten. Damit stellt er sich gegen das Votum der Grünen im
> Europaparlament.
(IMG) Bild: „Ich bin nicht happy über das Ergebnis“, der Grünen-Co-Vorsitzende Felix Banaszak
rtr/afp | Der Grünen-Co-Vorsitzende Felix Banaszak hat gefordert, [1][das
Mercosur-Freihandelsabkommen] der EU mit Südamerika trotz der Anrufung des
Europäischen Gerichtshofes vorläufig in Kraft zu setzen. Dies fordern auch
andere führende Grüne wie die Co-Chefin Franziska Brantner oder der
Grünen-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, Cem Özdemir – und stellen sich
damit gegen ihre Parteifreunde im Europäischen Parlament, die dafür
gestimmt haben, [2][das gerade erst unterzeichnete Handelsabkommen mit
südamerikanischen Staaten prüfen zu lassen]. Damit droht eine monatelange
Verzögerung des Abkommens.
„Ich bin nicht happy über das Ergebnis“, sagte Banaszak am Donnerstag im
Deutschlandfunk. „Es ist vorgesehen, dass das Abkommen trotzdem jetzt
vorläufig in Kraft tritt, und ich halte das auch für richtig. Das wollen
wir“, sagte Banaszak. Er stellte sich damit an die Seite von Bundeskanzler
Friedrich Merz (CDU) und seinem Vize, Lars Klingbeil (SPD).
Das Europaparlament hatte am Mittwoch mehrheitlich dafür gestimmt, den
Mercosur-Vertrag dem Europäischen Gerichtshof vorzulegen. Damit setzten
sich die Gegner des Abkommens in einer Abstimmung am Mittwoch in Straßburg
mit knapper Mehrheit von 334 zu 324 Stimmen durch. [3][Der Antrag in
Straßburg] erhielt Unterstützung aus allen Fraktionen des Parlaments. Alle
Abgeordneten der Linken sowie die große Mehrheit der
Rechtsaußen-Abgeordneten stimmten dafür, ebenso eine Mehrheit der Grünen.
Konservative, Sozialdemokraten und Liberale stimmten mehrheitlich dagegen,
in ihren Reihen gab es aber viele Abweichler.
## Eine Klatsche für Ursula von der Leyen
Die deutsche Bundesregierung und Wirtschaftsvertreter hatten empört auf die
EP-Entscheidung reagiert und gefordert, dass die EU-Kommission das Abkommen
dennoch vorläufig in Kraft setzen sollte. Das Risiko bei der
Inkraftsetzung während einer EuGH-Prüfung besteht allerdings darin, dass
Links- und Rechtsaußen-Parteien im EP erneut ein Misstrauensvotum gegen
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ansetzen könnten. Dann
droht eine Mehrheit dieser extremistischen Parteien mit den
Mercosur-Gegnern.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte das
Freihandelsabkommen mit Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay [4][am
vergangenen Samstag unterzeichnet]. Zuvor hatte eine Mehrheit der 27
EU-Länder grünes Licht gegeben – gegen den Widerstand Frankreichs, wo das
Abkommen auf breite Ablehnung stößt. Auch der Parlamentsantrag für eine
EuGH-Anrufung ging auf französische Abgeordnete zurück. Die
EU-Parlamentarier forderten den Gerichtshof auf zu prüfen, ob das Abkommen
mit den grundlegenden EU-Verträgen vereinbar ist. Sie führen unter anderem
fehlende Kontrollen auf Pestizidrückstände bei Importen an und kritisieren
die Vorgehensweise der EU-Kommission beim Abschluss des Abkommens.
Die Kommission wies die Vorwürfe zurück. „Unserer Analyse nach sind die in
diesem Antrag vom Parlament aufgeworfenen Fragen nicht gerechtfertigt“,
sagte ein Sprecher in Brüssel. Das Abkommen basiere auf den Regeln der
Welthandelsorganisation und ändere nichts an den Lebensmittelstandards in
der EU.
## Vorwurf „Doppelmoral“ und „Dummheit“
Kanzler Merz sprach von einer „bedauerlichen“ Entscheidung. „Sie verkennt
die geopolitische Lage“, erklärte er im Onlinedienst X. Brüssel und Berlin
betrachten das Abkommen neben den Exportmöglichkeiten aktuell vor allem als
politisches Signal: für den freien Welthandel und gegen Handelsbarrieren
aus Washington und Peking. Auch Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD)
kritisierte die Entscheidung des EU-Parlaments scharf. „Das schadet Europa,
was da heute beschlossen wurde“, sagte er im „heute journal“ des ZDF. Das
Abkommen sei „eine wahnsinnige Chance“ und die EU schade sich selbst, „wenn
man sich weiter in diesem Klein-Klein bewegt“, sagte der
Bundesfinanzminister.
Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) warf den Grünen nach der Abstimmung
„Doppelmoral“ vor. „Die Linksextremen und die Rechtsextremen im
Europäischen Parlament, hatten nur eine Mehrheit, weil die deutschen Grünen
mitgestimmt haben“, sagte er dem Sender Welt TV am Rande des
Weltwirtschaftsforums in Davos. Die Grünen müssten sich „gerade ziemlich
viele Fragen stellen“, fügte er hinzu.
SPD-Parlamentsgeschäftsführer Dirk Wiese warf den Grünen Dummheit und
Instinktlosigkeit vorgeworfen. „Dass einige Grüne gemeinsam mit AfD und
Linken das Inkrafttreten des Mercosur-Abkommens in der aktuellen
politischen Lage verzögern, ist politisch dumm und instinktlos“, sagte er
der „Rheinischen Post“. Damit hätten die Grünen „erneut die Schlagkraft der
EU geschwächt“.
## Kritik auch von Bütikofer und Özdemir
Auch der ehemalige Grünen-Vorsitzende und langjährige Europaabgeordnete
Reinhard Bütikofer kritisierte seine Parteikollegen. Das
Abstimmungsverhalten einiger grüner Europaabgeordneter halte er „für einen
bitteren Fehler“, sagte Bütikofer dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Mit
der Abstimmung habe das EU-Parlament „Europa einen bösen Bärendienst“
geleistet.
Der baden-württembergische Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir hat das
Abstimmungsverhalten der Grünen im Europaparlament ebenfalls kritisiert.
„Offensichtlich haben noch immer zu viele den Ernst der Lage nicht
verstanden“, sagte Özdemir am Mittwoch dem Berliner „Tagesspiegel“. Die
europäische Souveränität müsse sich im konkreten Handeln beweisen: „Die
Zeit für wohlfeile Lippenbekenntnisse ist vorbei.“
Özdemir geht bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg am 8. März als
[5][Spitzenkandidat für die Grünen] ins Rennen. Er appellierte an
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Mercosur vorläufig in Kraft
zu setzen. „Es ist gut verhandelt und Europa braucht das Mercosur-Abkommen
für die Zukunft mehr denn je“, sagte Özdemir dem „Tagesspiegel“.
22 Jan 2026
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