# taz.de -- „Die Möwe“ am Schauspielhaus in Hamburg: Ein Schauspieler*innen-Fest
       
       > Nicht immer schlüssig, aber sehenswert dank eines funkelnden Ensembles:
       > Yana Ross inszeniert in Hamburg Anton Tschechows Drama „Die Möwe.
       
 (IMG) Bild: Vergebliche Suche nach dem Glück: Israel, Ostendorf
       
       Nina will eine berühmte Schauspielerin werden. Irina Arkadina ist es
       längst, ihr junger Lover, Trigorin, ist Schriftsteller, ebenfalls berühmt.
       Arkadinas Sohn Kostja ist auf der Suche nach der Kunst, also nach der
       Avantgarde. Sein Onkel Sorin wiederum hat seine einstigen kreativen
       Ambitionen tief im Alkohol ertränkt. Der Arzt Dr. Dorn ist heilend keine
       Hilfe und zudem polyamourös verstrickt, während seine Frau, die
       Gutsverwalterin Polina, die Zimmerpflanzen ordnet.
       
       Außerdem ist da Mascha, ihr zweiter Vorname dürfte „melancholisch“ lauten:
       Ihre Trauer ums Leben ist omnipräsent. „Mein Leben ist viel härter“,
       behauptet der verklemmte Lehrer Medwedenko einmal – wer's glaubt. Später
       wird er die melancholische Mascha heiraten. Dann platzen bunte Luftballons,
       blinkt eine Karaoke-Anlage, wabern „Ne me quitte pas“, „Dreams are my
       reality“ und „If you don't know my by now“ vielsagend durch den Raum.
       
       „Die Möwe“ ist die erste Inszenierung von Yana Ross am [1][Deutschen
       Schauspielhaus] in Hamburg. In dem von Anton Tschechow 1896 uraufgeführten
       Stück geht es, wie eigentlich immer bei diesem Dramatiker, um den Menschen,
       um dessen vergebliche Suche nach dem Glück, um Kunst und um Krisen.
       
       Zäh kleben die Figuren in der Provinz fest. Dort fallen Dialoge in sich
       zusammen, lange bevor sie entstehen konnten, verlieren sich Fragen ohne
       Antworten, verebben Liebesschwüre im Raum. Mal werden Möwen im Flug
       geschossen und auch mal Angeln in den See geworfen. Immer wieder wird Kunst
       versucht und daran verzweifelt. Vor allem von Kostja.
       
       Paul Behren spielt diesen ernsten jungen Mann mit intrinsischem Impuls.
       Unermüdlich probt er die Choreografie seiner durational performance. Die
       Arbeit selbst, ein experimenteller Mitmachen-den-Atem-spüren-Audiowalk,
       stößt bei seiner Mutter (herrlich und herrlich technikphob: [2][Bettina
       Stucky]) auf tiefstes Unverständnis. Gnadenlos wird sie bald darauf die
       traurige Mascha (Henri Jörrissen) als „früh gealtert“ abkanzeln und
       versuchen, die schwärmende Nina (Josefine Israel) auf den Bühnenboden der
       Tatsachen zurückzuholen.
       
       Da hat sich diese Nina allerdings schon himmelhoch verguckt: in ihre
       Schauspiel-Idee und in das vermeintliche Sprachgenie Trigorin (Daniel
       Hoevels). Jede der Bewegungen dieses wortarmen Schriftstellers ahmt sie
       voller Hingabe nach, jeden seiner Atemzüge. Sie hängt an dessen Lippen,
       folgt – wie auch Kostja – auch dann noch ergriffen Trigorins Worten und
       seinem Blick, wenn er über die schwarzen Balken im Bühnenhimmel „sinniert“.
       Dann starren alle durch ein riesiges Loch, mit dem die Bühnenbildnerin
       Bettina Meyer den holzvertäfelten Raum ins verheißungsvolle Nirgendwo
       geöffnet hat.
       
       ## Nah an den Figuren
       
       Man rückt allen Figuren nah an diesem Abend, was sicherlich auch an Ross'
       lässiger Stückfassung liegt; man sieht ihrem Schwärmen mit Schaudern zu,
       sorgt sich um as Leben derer da auf der Bühne. Und so auch das jener Nina,
       die für die Kunst wirklich „jedes, jedes, jedes Opfer“ bringen und für ihre
       Fans leben würde, weil „das Glück dieser Menschen nur darin liegt mich zu
       bewundern, zu mir aufzuschauen“.
       
       Als Josefine Israel das voller Überzeung ausspricht, ensteht einen
       zauberhaften Augenblick lang eine herrlich flirrende Überlagerung:
       Glücklich schaut man zur Schauspielerin auf, bewundert ihr Spiel – und weiß
       doch, dass die Sätze der Theaterfigur Nina gehören.
       
       Überhaupt ist dieser Abend ein Schauspieler*innen-Fest, neben den bereits
       genannten sind noch Josef Ostendorf, Angelika Richter, Samuel Weiss und
       Pascal Houdus in Höchstform dabei. Endlos möchte man ihren Figuren beim
       Sehnen und Scheitern zusehen, ihnen in ihre Abgründe folgen, wohl wissend,
       dass ihre Erzählung ein Ende hat. Und zwar genau dann, als sich
       Behren/Kostja fallen lässt in ein großes, rundes Loch, das sich im zweiten
       Teil des Abends im Bühnenboden aufgetan hat.
       
       Ross' Inszenierung funkelt durch das wirklich fantastische Ensemble. Doch
       in diesem Strahlen übersieht man leicht die technische Konstruktion vieler
       Szenen: den Rundlauf um die Tischtennisplatte, das „War hat Angst vor …
       “-Spiel, das Karaoke-Singen und das stückimmanente Bingo am Schluss.
       Figurenentwicklungen gehen dabei verloren, genauso wie nachvollziehbare
       Binnenbeziehungen, Fallhöhen oder Spannungsbögen.
       
       Was entsteht, ist eine Studie des allzu Menschlichen im Allgemeinen. Nicht
       immer schlüssig inszeniert, aber absolut sehenswert. Oder, um es mit den
       Worten von Irina Arkadina zu sagen: „Ich habe geatmet, Ich habe enjoyed.“
       
       30 Jan 2026
       
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