# taz.de -- Aktivist*innen über Stadtteilkämpfe: „Wir glauben fest daran, dass wir uns Räume aneignen können“
       
       > Die „Versammlung der Mikropolitiken“ in Hamburg hat 2023 gezeigt, wie
       > wichtig Stadtteilkämpfe sind. Daraus ist jetzt ein Sammelband entstanden.
       
 (IMG) Bild: „Recht auf Stadt“-Demonstration im Dezember 2009
       
       taz: Herr Warnke, Sie widmen Ihr Buch allen, „die täglich unsere Städte
       durchlöchern“. Wie macht man das denn? 
       
       Thies Warnke: Es gibt keine Anleitung. Es geht eher um eine Haltung. Eine
       Haltung zu Nachbarschaft. Wir wollen mit dem Buch keinen Plan erstellen, es
       ist eher als Inspiration, als Arbeitsheft gedacht. Die Kämpfe um das Recht
       auf Stadt sind sehr kontextbezogen, aber sie machen einen Unterschied im
       Alltag. Sie machen unsere Städte sozial resilienter.
       
       taz: Frau Zander, ein Beispiel im Buch ist das „Mikropol“ in Hamburg. Was
       ist das für ein Ort? 
       
       Zander: Das Mikropol wurde 2017 gegründet, nach dem Wegfall eines
       Stadtteilzentrums in Rothenburgsort. Wir haben uns damals mit den Möbeln
       des Stadtteilzentrums auf dem Marktplatz gesetzt, ohne Dach über dem Kopf.
       Um zu sagen: Es braucht Orte, wo sich Leute treffen können. Wir haben eine
       Situation hergestellt, die das Stadtteilzentrum im öffentlichen Raum wieder
       aufgebaut und dadurch verhandelbar gemacht hat. [1][Dann sind wir
       irgendwann auf ein leerstehendes Toilettenhaus auf einer Verkehrsinsel
       gestoßen], das wir dann mithilfe einer Förderung umgebaut haben.
       
       taz: Im Text „Sanft sein“ am Ende schreiben Sie, dass öffentliche Toiletten
       paradigmatisch für die Krise des öffentlichen Raums sind. Warum?
       
       Zander: Früher wurden öffentliche Toiletten vom Bezirksamt betreut. 2017
       wurden die Anlagen in das Vermögen der Stadtreinigung übergeben. Das
       Toilettenhäuschen in Rothenburgsort wurde damals als „nicht brauchbar“
       bewertet, weil es nicht betrieben werden konnte und weil es kein Interesse
       gab, öffentliche Toiletten in einem Stadtteil wie Rothenburgsort zu
       betreiben. Deshalb hatten wir überhaupt die Möglichkeit. Die meisten
       öffentlichen Toiletten werden heute als durchrationalisierte Anlagen mit
       abspritzbaren Edelstahloberflächen betrieben. Personalbetreute Anlagen
       weichen Automatiktüren.
       
       taz: Das Mikropol ist ziemlich erfolgreich, oder? 
       
       Zander: Der Erfolg besteht vor allem darin, dass sich mit dem Mikropol der
       Alltag im Stadtteil verändert. Gerade wird auch ein neues Stadtzentrum
       geplant, mit einer deutlich größeren Infrastruktur. Das werden wir
       betreiben. Und wir haben 2023 für unsere Arbeit den Stadteilkulturpreis
       erhalten. In der Jurybegründung hieß es, dass es wichtig ist, dass solche
       Orte erstritten werden.
       
       taz: Und wie machen Sie das? 
       
       Zander: Wir bauen auf etwas auf, schreiben diese Kämpfe vielleicht ein
       bisschen um. Wir sind eben kein ehemaliges Theater, das besetzt wird,
       sondern ein 50 Quadratmeter großer Raum auf einer Verkehrsinsel. Die Räume
       werden kleiner, aber sie können eine Strahlkraft entfalten und dadurch neue
       Räume entstehen lassen, wie das neue Stadtteilzentrum.
       
       taz: Im Buch gibt es einen Beitrag zu einer McDonald's-Filiale in
       Marseille, die besetzt und selbstorganisiert weiterbetrieben wurde. Ist es
       in Deutschland unmöglich, sich Räume so anzueigenen? 
       
       Warnke: Ich glaube fest daran, dass wir uns weiterhin Räume aneignen
       können, auch aus nicht ökonomischen Interessen. Das Mikropol ist ein
       Beispiel dafür, auch wenn es keine klassische Besetzung war. Es gab eine
       Zeit lang nur „symbolische“ Besetzungen, weil die Repression so groß war.
       Also ist es wichtig, die Geschichte dieser McDonalds-Filiale, die jetzt
       „L’après M“ heißt, zu erzählen.
       
       taz: Warum? 
       
       Warnke: Diese Besetzung hat funktioniert, weil die Menschen diesen Ort als
       ihren Ort begriffen haben. Er war die Ausbildungsstätte, der Dorfplatz, der
       Ort für Dates. Manche verändern sich, womöglich steht dann nicht mehr
       „Besetzung“ drauf, trotzdem ist es eine Aneignung von Raum, die das Leben
       der Menschen maßgeblich erweitert.
       
       5 Feb 2026
       
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