# taz.de -- Letzte Bastion des alternativen Zirkus: Hoch gestapelt – bis es kracht
> Der Zirkus Mond versteht sich als antikapitalistisch. Er residiert auf
> einer von Kollektiven gemieteten Brachfläche in Berlin-Prenzlauer Berg.
(IMG) Bild: Alternatives Programm: der Zirkus Mond in Berlin
Ein Schrei breitet sich am blauen Zelthimmel aus, als die Geschenke wie
Meteoriten aus ihm niederprasseln. Trotz der bunt bemalten Kartons, die
jetzt auf die offenen Münder zusausen, versteht sich der [1][Zirkus Mond]
aus Prenzlauer Berg als antikapitalistisch. Manchen gilt er gar als letzte
Bastion des alternativen Zirkus in Berlin. Aber was macht einen Zirkus
eigentlich alternativ?
Auf jeden Fall ist er schwer zu finden. Man muss viel Mut mitbringen, um
den ausgetretenen Pfad zu nehmen, der zwischen den Mietskasernen und dem
frisch renovierten Güterbahnhof der Greifswalder Straße durch die
Finsternis führt. Erst nach ein paar hundert Metern sieht man die Lichter,
die in den Baumwipfeln vor dem großen Zelt um die Discokugel herumwirbeln.
Acht Kollektive haben gemeinsam als Disko-Babel e. V. die Brachfläche im
Osten Berlins gemietet. Eigentlich sollen hier seit Jahren Wohnungen
entstehen, [2][doch bisher wurde der Bau immer wieder verschoben]. Ohne
Wasser- und Stromanschluss ist der Zirkus angewiesen auf Generatoren und
Bioplumpsklos.
Im Zelt riecht es nach Popcorn und selbst gebackenen Keksen. Auf den
Sitzkissen toben die Kinder, als plötzlich das Licht ausgeht und ein
tätowierter Weihnachtsmann mit jeder Menge Glitzer auf die Bühne rauscht.
Er lässt erst die Kleinen Krach machen, dann die Eltern und zum Schluss
„alle Singles, die den ganzen Tag nur trinken“.
## Zum Schluss knutschen sie sogar
Der Gay-Santa leitet zusammen mit zwei dünnbeinigen Elfen durch den Abend –
und zwar gleichzeitig auf Deutsch und Englisch. Zuerst herrscht typische
Geschwisterkonkurrenz. „Gib ihm keine Chance!“, schreien die Kinder dem
älteren Elfen zu, der sich wütend über den Neuankömmling ans Publikum
wendet. Zum Schluss knutschen sie sogar.
Bei KünstlerInnen ist der Zirkus Mond beliebt, weil er Raum für Experimente
bietet. In der Regel hat jede Show eine andere Besetzung. Da geht auch mal
etwas schief.
Wer das größte und kühnste Kunststück sehen möchte, sollte wohl besser zum
Cirque de Soleil am Potsdamer Platz gehen. Dort setzt die Kaderschmiede der
internationalen Artistinnen in schwindelerregenden Höhen auf das
Unglaubliche immer noch einen drauf. In diesem Leistungstaumel wird Zirkus
mit Extremsport fast identisch. Es sind keine Außenseiter mehr, die am Rand
der Gesellschaft die Selbstkontrolle auf die Spitze treiben.
Hier auf dem Mond sind die Geschichten genauso wichtig wie die sportlichen
Leistungen, die sie erzählen. In einer düsteren Szene spielt ein
durchtrainierter Mann mit kurzgeschorenen Haaren eindrucksvoll eine Leiche,
die die Elfen hin und her ziehen. Erst als Santa ihr Leben einhaucht,
beginnt sie ihre Gliedmaßen ruckartig hin- und herzubewegen. Plötzlich
kippt sie in einen Handstand auf zwei dünnen Eisenstäben und lässt die
Beine dann langsam in eine Schwebe parallel zum Boden sinken.
## Die kreischende Menge …
Später schlendert eine Dame im Seidenbademantel voll beladen mit
Gucci-Taschen auf die Bühne und bringt die doch eigentlich streng
antikapitalistischen Zuschauer zum Lachen. Dann wirbelt sie
Hula-Hoop-Reifen um alle denkbaren Gliedmaßen, als wäre sie ein einziges,
rasendes Mobile. Noch später twerkt dann ein Mann mit schwarzer Lockenmähne
und weißen Strapsen zu technolastigem Reggaeton seinen Hintern, bevor er
sich auf dem Trapezring würdevoll in die blaue Zeltkuppel ziehen lässt.
Während der ganzen Show lehnt sich eine Reihe weiter vorne ein Dutt mit
eingestecktem Pinsel zärtlich an einen Hut mit Rosen-Crochet und Feder.
Beide neigen sich immer weiter nach hinten, während die Elfen anfangen,
Geschenk auf Geschenk zu türmen. Immer höher, bis fast zur Decke, ragt der
Stapel schon und wackelt gefährlich über den offenen Mündern der Zuschauer.
Nur geschicktes Balancieren scheint den schwankenden Turm noch davor zu
bewahren, auf die kreischende Menge herabzustürzen. Dann schieben sie noch
ein Paket von unten in den Stapel und …
Die großen Kartons sind bunt, aber leer. Sie tun niemandem weh. Der Schrei
wird zu erlösendem Lachen. Nur die „Alternativen“ wissen eben, dass es am
schönsten erst wird, wenn alles zusammenbricht.
3 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.zirkusmond.de/
(DIR) [2] /Gueterbahnhof-Greifswalder-Strasse/!5785778
## AUTOREN
(DIR) Hanno Rehlinger
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) wochentaz
(DIR) Kolumne Großraumdisco
(DIR) Zirkus
(DIR) Spaß
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Selbstversuch im Chor-Projekt: Laut singen ist krass
Zum One-Day-Chor in Bremen treffen sich fremde Menschen, um miteinander zu
singen: genau ein Mal und ohne Publikum. Unsere Autorin macht mit.
(DIR) Berliner Weihnachtsmarkt für Metal-Fans: Bitte schön nüchtern bleiben
Beim „Bloody X-Mas“-Markt auf dem Freiluftcampus der Berliner Charité
spritzt Blut nicht vom Himmel. Es rinnt durch Schläuche, um Leben zu
retten.
(DIR) Stollenprüfung in Berlin: Sollen sie doch Kuchen essen
Der viele Zucker und Butter machen den Stollen zum prima Nahrungsmittel.
Die „Bäcker-Innung Berlin“ lud in einem Einkaufszentrum zum großen Test.