# taz.de -- Identitätspolitik: Rechtsruck der Bedeutung von Begriffen
       
       > Die emanzipatorische Identitätspolitik kämpft gegen Diskriminierung, die
       > reaktionäre meint das Gegenteil. Das politische Vokabular wird zum
       > Raubgut.
       
 (IMG) Bild: Die Neigung zum Partikularismus, die immer wieder aufblitzt, macht es Rechtsextremen leicht, den Begriff Identitätspolitik für die eigene rassistische Praxis zu reklamieren
       
       Rufen Rechtsextreme den Kulturkampf aus, greifen sie auf Verfahren zurück,
       die sie in den vergangenen Jahren immer weiter verfeinert haben. Als wären
       sie in die Schule des Linguisten Ferdinand de Saussure gegangen, dem wir
       die Einsicht verdanken, dass die Bedeutung von Begriffen nicht fixiert ist,
       arbeiten sie beharrlich daran, das Vokabular, mit dem wir politische Fragen
       diskutieren, zu verschieben.
       
       Dabei geht es ihnen nicht nur darum, das „Fenster des Sagbaren“ nach rechts
       zu rücken; Rechtsintellektuelle streben auch danach, politisch bedeutsame
       Begriffe ihres ursprünglichen Bedeutungskontextes zu entkleiden und für
       neue Verwendungsweisen zu öffnen. Wie dies geschieht, hat [1][Volker Weiß]
       untersucht. Der Historiker spricht in diesem Zusammenhang von
       „Resignifizierung“: Begriffe werden „gekapert“, es kommt zu
       „Verschiebungen“ und „Umdeutungen“, so dass die Vergangenheit in ein neues
       Licht getaucht wird.
       
       Dieser „Angriff auf die Geschichte“ ist, so Weiß, stets auch ein „Angriff
       auf die Gesellschaft“. Ähnliches lässt sich im Bereich der Literatur
       beobachten. Der Germanist [2][Thorsten Hoffmann] erforscht die Taktiken,
       mit denen hier der Kulturkampf von rechts geführt wird. Als „Kaperung“
       bezeichnet er den Versuch, klassisch geltende Texte ideologisch zu
       vereinnahmen; als „Korrektur“ gilt ihm das Bemühen, den Kanon um Bücher
       vermeintlich diffamierter Autoren zu ergänzen und Texte missliebiger
       Autor:innen auszusortieren.
       
       Wenn man um diese Strategien weiß, überrascht es wenig, dass in neueren
       Publikationen von „rechter Identitätspolitik“ die Rede ist. [3][Martin
       Sellner], der Posterboy der Identitären Bewegung, spricht davon und der
       AfD-Bundestagsabgeordnete [4][Maximilian Krah]. Setzt Sellner auf das
       aggressive Pathos des Straßenkämpfers, gibt sich Krah bürgerlich und
       kultiviert. Einig sind sie sich in einem völkischen Denken, das von
       Diffamierung, Hetze und Herabwürdigung geprägt ist.
       
       ## Verrat an Schwarzen Frauen
       
       Diese Form des Kulturkampfs sollte nicht unwidersprochen bleiben. Um ihr
       entgegentreten zu können, ist es notwendig, zunächst an die Anfänge der
       [5][Identitätspolitik] zu erinnern und schließlich zu ergründen, wie sie in
       die Gefahr geriet, von rechts vereinnahmt zu werden. Dabei sei schon an
       dieser Stelle festgehalten, dass es abwegig ist, eine verdeckte Nähe
       zwischen linker Identitätspolitik und einem rechten Politikstil
       herzustellen, wie das manche tun.
       
       Der Begriff Identitätspolitik verweist auf Auseinandersetzungen innerhalb
       der US-amerikanischen [6][Frauenbewegung]. Hatten sich Frauenrechtlerinnen
       im 19. Jahrhundert um ein breites Bündnis bemüht – weiße Frauen aus dem
       Bürgertum kämpften an der Seite Schwarzer Frauen, von denen viele aus
       Familien stammten, die versklavt worden waren –, nahmen in der Folge die
       Fliehkräfte zu. Schwarze Feministinnen zeigten sich enttäuscht, dass sich
       weiße Feministinnen kaum für ihre Diskriminierungserfahrungen
       interessierten.
       
       Weil sie sich aber auch von den männlichen Protagonisten der Schwarzen
       Befreiungsbewegungen nicht repräsentiert sahen, suchten sie nach neuen
       Formen politischer Widerständigkeit. So kam es 1974 in Boston zur Gründung
       des Combahee River Collective. Dieser Zusammenschluss Schwarzer und
       lesbischer Frauen veröffentlichte bald darauf das „[7][Black Feminist
       Statement]“, das als Gründungsurkunde der Emanzipationspolitik gilt.
       
       Der Kampf gegen „rassistische, sexistische, heterosexistische und
       klassistische Unterdrückung“ könne nur, so heißt es hier, mit Aussicht auf
       Erfolg geführt werden, wenn dies im Wissen darum geschehe, dass „die
       Hauptunterdrückungssysteme miteinander verschränkt“ sind. Weder die
       bürgerliche Frauenbewegung noch die Schwarzen Befreiungsbewegungen, so die
       Erkenntnis, interessierte sich für die Belange derer, die von beiden
       Unterdrückungssystemen – dem Sexismus und dem Rassismus – gleichzeitig
       betroffen sind: Schwarze Frauen.
       
       ## Die eigene Unterdrückung im Fokus
       
       Keine „vermeintlich progressive Bewegung“ habe ihrer spezifischen Form der
       Unterdrückung Priorität eingeräumt. Die Mitglieder des Kollektivs fühlten
       sich doppelt verraten: Von den Schwarzen „Brüdern“, für die die Belange von
       Frauen nachrangig waren, wie auch von den weißen „Schwestern“, denen die
       Anliegen Schwarzer Frauen fremd blieben. Diese Erfahrung stand im Zentrum
       ihres Engagements: „Uns ist bewusst, dass wir die einzigen Menschen sind,
       denen wir wichtig genug sind, um beständig für unsere Befreiung zu
       kämpfen.“
       
       Die Besinnung auf Diskriminierungserfahrungen führte zu dieser neuen Form
       des politischen Kampfs. „Das Konzept der Identitätspolitik bildet die
       Grundlage für den Fokus auf unsere eigene Unterdrückung. Wir glauben, dass
       eine tiefgehende und möglicherweise die radikalste politische Haltung
       direkt aus unserer eigenen Identität heraus entsteht.“
       
       Linker Emanzipationspolitik wird immer wieder vorgeworfen, die eigenen
       Anliegen zu verabsolutieren, doch das Combahee River Collective hat auf
       Ausgrenzung nie mit Ausgrenzung reagiert und auf Ressentiment nicht mit
       Ressentiment gekontert. Die Mitglieder des Bostoner Kollektivs sprachen
       sich für eine breite Bündnispolitik aus; sie warben also für einen
       Politikstil, der jüngst von [8][Peter Unfried] an dieser Stelle als
       „Bündnis der Verschiedenen“ beschrieben wurde.
       
       Die Schwarzen Frauen und die Lesben, die sich hier zusammengeschlossen
       hatten, wollten ihre Erfahrungen nicht essenzialisieren. So war [9][Audre
       Lorde], eines der Gründungsmitglieder, keineswegs froh, wenn in Seminaren
       zu Frauenliteratur Texte Schwarzer Autorinnen deshalb nicht berücksichtigt
       wurden, weil solche Texte angeblich nur von diesen selbst unterrichtet
       werden könnten; weißen Studierenden wurde schlicht unterstellt, sich „da
       nicht hineinfinden“ zu können.
       
       ## Separierung statt Hybridität
       
       Lorde kommentierte das wie folgt: „Ich habe dieses Argument von weißen,
       ansonsten sehr intelligenten Frauen gehört; von Frauen, die problemlos
       Werke unterrichten und interpretieren können, die aus den uns noch viel
       fremderen Erfahrungen von Shakespeare, Molière, Dostojewski und
       Aristophanes hervorgegangen sind.“
       
       Obwohl die Weiterentwicklung der Geschlechterforschung französischen
       Theorieimporten viel verdankte und manche darauf hingewiesen hatten, dass
       Identitätskategorien auch einen „ausschließenden Charakter“ aufweisen, kam
       es um die Jahrtausendwende innerhalb der Linken zu einer Verschiebung der
       Kräfteverhältnisse. Statt noch länger die Kreolisierung der Kultur zu
       feiern, die Vermischung und die Hybridität, erhielten diejenigen Zulauf,
       die eine Rhetorik des Authentischen bedienten.
       
       Gefeiert wurde nicht länger das Ephemere und Uneindeutige. Ungleich stärker
       gefragt waren nun eindeutig adressierbare Betroffene, authentische
       Repräsentant:innen, verlässliche Weggefährt:innen – kurz: klar
       zugeschnittene Identitäten. Diese Entwicklung illustriert ein Dilemma, das
       alle Formen emanzipatorischer Identitätspolitik kennzeichnet: Es besteht
       darin, dass jene Gruppen, die aufgrund eines Merkmals angegriffen werden,
       in der Entgegnung darauf genau jenes wieder aufrufen müssen.
       
       Sie kommen nicht umhin, die Zuschreibung, die in diskreditierender Absicht
       vorgenommen wird, zu wiederholen – und sei es, um sie zurückzuweisen. Auf
       diese fatale Logik hatte schon Hannah Arendt hingewiesen: Wer als Jüdin
       angegriffen werde, müsse sich als Jüdin wehren. Stellt man dies in
       Rechnung, wird deutlich, worin die Gefahr einer identitären Verhärtung
       dieses Projekts besteht: Wird der Begriff der Erfahrung überhöht, exklusiv
       gefasst und durch schlichte Weltbilder gerahmt, kommt es zu einer Logik der
       Separierung.
       
       ## Wind auf den Mühlen der Reaktionäre
       
       Diskriminierungserfahrungen ebnen dann nicht länger den Weg zu Personen und
       Gruppen, die ebenfalls ausgegrenzt werden. Sie eignen sich kaum noch als
       Ausgangspunkt, um im Kampf gegen Ausbeutung milieuübergreifende Bündnisse
       zu schmieden. Stattdessen führen sie nur jene zusammen, die bestimmte
       Merkmale teilen, und begünstigen damit die Ausbildung einer
       Wagenburgmentalität. Solidarität, auch das ließ sich in der Vergangenheit
       oft beobachten, wird dann zumeist exklusiv gefasst und häufig nur noch
       zwischen jenen praktiziert, die identische Erfahrungen gemacht haben.
       
       Dass dies auch reaktionären Kräften in die Hände spielt, hat [10][Hito
       Steyerl] schon vor mehr als 15 Jahren festgehalten. Die Künstlerin erkannte
       seinerzeit eine Vielzahl von „Ego-Modellen“, eine „Kakofonie von Monaden“
       und sah die Hoffnung auf eine „gemeinsame, von Identität unabhängige
       Sprache der Emanzipation“ schwinden.
       
       Eben diese Neigung zum Partikularismus macht es Rechtsextremen leicht, den
       Begriff Identitätspolitik für die eigene rassistische Praxis zu reklamieren
       und in das Gegenteil zu verkehren: Tritt emanzipatorische Identitätspolitik
       dafür ein, Privilegien abzubauen und der Ungleichbehandlung
       entgegenzutreten, Diskriminierung zu bekämpfen und Ideologien der
       Ungleichwertigkeit die Stirn zu bieten, betreiben rechte, autoritäre
       Bewegungen das Gegenprogramm.
       
       Sie suchen die Demokratisierung und Liberalisierung zurückzudrehen. Rechte,
       reaktionäre „Identitätspolitik“ reagiert auf gesellschaftliche
       Modernisierungsprozesse und die Rechtsgleichheit, die für Arbeiter, Frauen,
       Homosexuelle, Einwanderer und andere erkämpft wurde. Sie zielt auf die
       Hegemonie in politisch-kulturellen Fragen und sucht jene auf die Plätze zu
       verweisen, die ihre Stimme erheben und auf dem Abbau von Benachteiligung,
       Diskriminierung und Ausgrenzung beharren.
       
       Damit es dazu nicht kommt, ist nicht allein Solidarität geboten; es geht
       auch darum, den Kampf um Begriffe, der von Rechts betrieben wird,
       aufzunehmen. Und nicht nur daran zu erinnern, dass mit Identitätspolitik
       ein herrschaftskritisches, emanzipatorisches Projekt bezeichnet wird,
       sondern auch dafür zu sorgen, dass die Kaperung der Begriffe nicht
       unwidersprochen bleibt.
       
       1 Feb 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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