# taz.de -- Buch über kämpfende Frauen: Mit der Faust durch die Wand
       
       > In „Fighting like a Woman“ trifft Andrea Böhm Frauen, die zurückschlagen.
       > In ihrem Buch reflektiert sie körperlichen Feminismus.
       
 (IMG) Bild: Showdown auf dem Sofa: Wrestlerin Juliza trainiert die Tricks für den neuen Kampf in häuslicher Umgebung
       
       Es geht hemdsärmelig zu in „Fighting Like a Woman“. Viel Zeit verbringt das
       Buch im Schweißgeruch kleiner Gyms, bei Kämpfen in schmuddeligen
       Hinterhöfen oder Selbstverteidigung in Armenvierteln. Es wird gewürgt,
       geworfen und geschlagen, Blut spritzt auf den Notizblock der Autorin. Und
       oft kämpfen hier Frauen aus Klassen, die der bürgerlich-linken
       Leserinnenschaft vielleicht eher fremd sind – und trotzdem oder gerade
       deshalb etwas feministisch bewegen.
       
       „Fighting Like a Woman“ ist in gleichen Teilen theoretischer Diskurs über
       Frauen und Körperlichkeit wie engagierte Reportagensammlung. Journalistin
       Andrea Böhm, die angenehmerweise selbst viel von Kampfsport versteht und
       Judo, Taekwondo und Kali betreibt, begnügt sich nicht mit Nachdenken vor
       dem Notebook, sondern besucht schlagende Frauen vieler Milieus von Mexiko
       über Kenia bis Thailand – ohne sie zu exotisieren, mit
       solidarisch-kritischem Blick. Vielfach trainiert sie auch selbst mit.
       
       Die Hauptthese dieses sehr lesenswerten Buchs: Es ist nicht per se
       emanzipatorisch, wenn Frauen das männliche Gewaltmonopol brechen. Aber
       echte Gleichberechtigung wird erst möglich, wenn Frauen es brechen. Und
       dabei körperliches Empowerment nicht den Rechten überlassen.
       
       ## Oft macht Feminismus einen Bogen um psysische Gewalt
       
       Tatsächlich hat gegenwärtiger Feminismus mitunter eine seltsame Scheu vor
       dem Thema physische Gewalt. Kampfsportelnde Frauen gelten als hip, aber
       Gewalt auch schnell als proletenhaft und männliche Übermacht als Fakt. Dass
       Frauen mit den richtigen Techniken körperlich auf Augenhöhe sind?
       
       Das erscheint wie eine Utopie. Medien, beschreibt Böhm richtig, erzählen
       Frauen eher als Opfer denn als wehrhaft. Und wo die Grenze zwischen
       Selbstermächtigung und Reproduktion der Verhältnisse verläuft – bei
       trump-freundlichen Kampfsportlerinnen in maroden Industriestädten,
       Soldatinnen oder [1][Frauen mit Lust an der Aggression] – auch das ist
       vielen feministischen Theoretikerinnen vielleicht nicht so nahe. Andrea
       Böhm interessiert das.
       
       Die Frage, ob körperliche Aufrüstung hilft oder nur Gewalt reproduziert,
       wird in Kampfsportkreisen gerade angesichts des Neofaschismus viel und
       kontrovers diskutiert. „Fighting Like a Woman“ verhandelt die Frage nicht
       explizit, aber positioniert sich klar für physischen Feminismus. Das ist
       streitbar, aber schlüssig argumentiert, mit einem Parforceritt durch die
       Menschheitsgeschichte kämpfender Frauen, von nomadischen Kriegerinnen über
       die Bedeutung von Jiu-Jitsu für die Sufragetten bis zu körperlicher
       Sicherheit für trans Frauen im Muay Thai.
       
       ## Denjenigen, die im Thema drin sind, bekannt
       
       Manchmal ist der Bogen dabei ein bisschen groß. Nicht jeder schnelle
       Schlenker von Marlene Dietrich bis Andrew Tate funktioniert, weil
       zwangsläufig oberflächlich abgehakt werden muss. Und viele der im Buch
       vorgestellten Sportfiguren – von der englischen Boxpionierin Elizabeth
       Wilkinson über mexikanische Luchadoras bis zu Zeina Nassar, der Boxerin mit
       Hidschab – sind für themaaffine Leser:innen nichts Neues.
       
       Die große Stärke von „Fighting Like a Woman“ ist also vielleicht nicht so
       sehr die Kampfsporthistorie. Sondern der wahrhaft globale Blick,
       ausgearbeitet in exzellenten Vor-Ort-Reportagen. Und eine sehr kluge
       Ambivalenz. Andrea Böhm hat in zahlreichen Ländern als
       Auslandsberichterstatterin gearbeitet, und diese Erfahrung kommt ihr im
       Buch zugute. Sie ist nicht die erste Person, die zu [2][Lucha Libre]
       schreibt, aber sie versteht es, das Leben von Frauen in der patriarchalen
       Gewalthochburg Ciudad Juárez ungeheuer plastisch zu machen. Sie erzählt
       trittsicher, ohne Idealisierung oder Herablassung. Und sie findet Projekte
       und Protagonistinnen, die im Kopf bleiben.
       
       ## Berichte über Selbstverteidigung für Mädchen
       
       „Fighting Like a Woman“ bleibt dabei differenziert. Mit naiven westlichen
       Heldinnenerzählungen wie jenen über die weibliche Elitetruppe der Agojie in
       Benin – die auch brutale Sklavenjagden betrieb – oder über [3][Feminismus
       bei der PKK] kann Böhm nichts anfangen. Ihre Reportagen legen stets sorgsam
       mehrere Ebenen frei. Am Ende geht es der Autorin vor allem um ein Plädoyer
       für neue Körperlichkeit. Diese Geschichte ist auch ihre eigene
       Lebensgeschichte. Das Verlernen des weiblichen Sich-klein-Machens, die
       Freude daran, Raum einzunehmen und sich wehren zu können. Und die
       Überzeugung, dass das männliche Gewaltmonopol auch nur ein Narrativ ist.
       
       Den vielleicht nachhaltigsten Ansatz zur Überwindung dieses Narrativs
       findet Andrea Böhm in Kenia. Dort berichtet sie vom Projekt Ujamaa Africa,
       das an allen öffentlichen Schulen Selbstverteidigungskurse für Mädchen
       durchgesetzt hat. Und Kurse zu kritischer Männlichkeit und Einschreiten bei
       Gewalt für Jungs.
       
       Was für eine Idee. Auswertungen bescheinigen Teilnehmerinnen ein um 50
       Prozent geringeres Risiko, Opfer einer Vergewaltigung zu werden und den
       teilnehmenden Jungen, dass eine Mehrheit ihre Einstellung gegenüber Frauen
       und Mädchen geändert habe. Auch da bleibt Böhm skeptisch, was das
       angesichts der immer mächtigeren Tiktok-Mannosphäre wirklich verändert.
       Aber irgendwo muss man ja anfangen.
       
       7 Mar 2026
       
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