# taz.de -- Landnahme in Brasilien: Die Agrobarone und die Quilombolas
> Reisbauern zerstören die Lebensräume indigener Gemeinschaften in
> Brasilien. Die Regierung verpflichtet sich zum Schutz, hilft aber nur
> halbherzig.
(IMG) Bild: Claudeth, Landwirtin, mit ihrem Papagei
„Wir kämpfen seit 20 Jahren um die endgültigen Landtitel. Wir wollen
endlich frei sein, frei von Pestiziden und Agrobusiness auf unserem Land“,
sagt Claudeth, 31, schwarz, Landwirtin und Fischerin, Solo-Mutter,
Aktivistin. Hier im Quilombo Rosário auf der Insel Marajó, weniger als 100
Kilometer von Belém entfernt, leben auf den 3.721 Hektar außer ihr rund 500
weitere Nachfahren von entlaufenen versklavten Afrikanern.
Roter Lehmboden staubt in der Sonne. Das Gras ist gelb versengt, am
Flussufer ragen schlanke Acaipalmen in einen nahezu wolkenlosen Himmel.
Claudeths Finger sind unablässig in Bewegung, ihr junges Gesicht wirkt
müde, in den dunklen Augen wohnt eine tiefe Traurigkeit. Laut Verfassung
stehen Quilombolas Besitztitel für die von ihnen traditionell genutzten
Gebiete zu.
Genaue Zahlen zur Widerstandsbewegung der Quilombolas gibt es nicht, da es
sich um illegale Organisationen handelte Als 1888 die Sklaverei offiziell
abgeschafft wurde, gab es schätzungsweise Hunderte von Quilombas, den
Siedlungen der Quilombolas. Bei der letzten Volkszählung 2022 wurden 1,3
Millionen Quilombolas erfasst, die in 7.600 Gemeinschaften leben, die
meisten davon außerhalb der traditionellen Gebiete oder in nicht offiziell
anerkannten.
Die Ilha do Marajó, die größte Insel Brasiliens im Mündungsgebiet des
Amazonas, vereint auf mehr als 40.000 Quadratkilometern Fläche eine reiche
Biodiversität und fast alle Biome des größten Landes Lateinamerikas:
Savannen, Feuchtgebiete, Regenwälder. Nur ein gutes Dutzend Kilometer
unterhalb der Äquatorlinie und neun Meter über dem Meeresspiegel leben hier
460.000 Wasserbüffel, 340.000 Rinder und 590.000 Menschen.
## Der anfangs so nette Nachbar
Für ihre menschlichen Bewohner zählt die Insel zu den ärmsten Gegenden des
Landes. Allein in der Gegend um den Fluss Arari gibt es 17 Quilombos,
Siedlungen, in denen die Flüchtigen sich im 16. und 17. Jahrhundert
zusammengeschlossen haben, um gemeinsam in Sicherheit vor den
Sklavenhaltern der Natur ihr Überleben abzutrotzen. Doch das wird immer
schwieriger, seit das Agrobusiness die Insel erobert hat.
Als ein Reisbauer mit rundem Gesicht und braunen Locken neben dem Quilombo
zwei Farmen kauft, wirkt er zunächst wie ein guter Nachbar. Bereitwillig
verleiht er seinen Traktor, lädt zu Festen ein und verspricht jede Art von
Unterstützung. „Jetzt zerstört er unsere Lebensgrundlage“, sagt Claudeth
bitter. Der Neue hat inzwischen „seine“ Ländereien eingezäunt. Dazu zählt
er das zentrale Gebiet des Quilombos, die Acai-Pflanzung und den See.
Privatbesitz ist bei den kollektiv organisierten Quilombolas zwar bekannt,
den Naturraum nutzen sie aber größtenteils gemeinsam. Manche gehen trotz
des Zauns gelegentlich Beeren ernten oder angeln. Meistens werden sie
schnell von bewaffneten Wächtern verjagt, manchmal angegriffen. „Hier gibt
es jeden Tag Konflikte“, kommentiert Claudeth, „ich bekomme ständig
Drohungen.“
Joabe Dauzacker Marques, der anfangs so nette Nachbar, ändert sein
Auftreten schnell. Über Nacht treibt er 2021 mit seinen Bulldozern eine
Erdtrasse mitten durch den Quilombo, über die fortan seine Lkw brettern.
Für den Straßenbau schüttet er den halben Angelsee der Gemeinschaft zu
sowie mehrere Bachläufe, in denen Fische sich reproduzieren. Wo bis dahin
100 Familien in Frieden vom Ertrag der Acaibeeren und Fischfang leben, die
Kinder in den Flussläufen baden und Hühner frei herumlaufen, sind nur
flache Tümpel übrig, in denen kaum noch Fische leben. Über die neue Straße
bekommen außerdem Fremde Zugang zum traditionellen Gebiet: Die Bewohner
fühlen sich nicht mehr sicher und lassen ihre Kinder lieber zu Hause
spielen.
Die Quilombolas ziehen vor Gericht. Laut Urteil aus dem Jahr 2024 muss der
Farmer die Straße abreißen. Doch er ignoriert die Anordnung. „Als ich einen
Lkw aufhalten wollte, ist der beinahe über mich hinweggefahren“, berichtet
Claudeth. Der Bauer versucht stattdessen, die Quilombolas gerichtlich zur
Akzeptanz seiner Straße zu zwingen. Gerichtsverfahren werden zwischen
örtlichen und Bundesgerichten hin- und hergeschoben, Zuständigkeiten
diskutiert. Die Staatsanwaltschaft und die katholische Caritas versuchen,
den Kampf der Quilombolas zu unterstützen, doch der Frieden in der Siedlung
ist zerstört.
## „Wir sind alle krank geworden“
Es ist ein Kampf zwischen vielen Davids und einem Goliath. Dabei leben
letztere in ständiger Angst: wenn sie ein fremdes Auto in der Gemeinde
sehen, wenn ein Flugzeug sie überfliegt, wenn sie nachts unbekannte
Geräusche hören. Claudeth sagt: „Wir sind alle krank geworden durch diese
Situation.“
Joabe Marques ist weder der erste, noch der größte Reisbauer auf Marajó,
der Ländereien beackert, die von traditionellen Gemeinschaften bewohnt
werden. „In Brasilien wurden Besitztitel für Land erst seit Mitte des 19.
Jahrhunderts ausgegeben, Nachweise waren Unterlagen der Kirchengemeinden
oder selbst ausgestellte Dokumente, so kann es zu diesen Überlappungen
kommen“, erklärt Staatsanwältin Andreia Macedo Barreto. „Manche Notare
registrieren bis heute Besitzungen aufgrund fadenscheiniger Nachweise.“
Käufer dieser erschlichenen Ländereien wissen zwar, dass dort bereits
Menschen leben, fühlen sich aber aufgrund ihrer Besitztitel auf der
sicheren Seite.
Der Prozess der Legalisierung der traditionellen Gebiete hingegen geht nur
schleppend voran. „Hätten die Quilombolas alle ihren kollektiven
Besitztitel in der Hand, könnte kein Farmer ihr Land für sich
registrieren“, betont Andreia Barreto. So aber ist Joabe Marques, der seit
2014 auf Marajó lebt, noch im Jahr 2021 symptomatisch für eine neokoloniale
Bewegung, die auf der Insel 2010 begonnen hat und anderswo deutlich älter
ist.
## 34 zerstörte Häuser
Die ersten Agrounternehmer, die 2010 auf Marajó ankommen, haben zuvor in
dem nördlichen Bundesstaat Roraíma jahrzehntelang illegal auf indigenem
Gebiet Reis gepflanzt. Sie wussten, dass sie staatlichen Grund und Boden
„kauften“, den sie laut Verfassung gar nicht besitzen konnten. Doch Ende
der 1970er herrschen die Militärs in Brasilien, die wollen, dass „leeres
Land“ besiedelt wird. „Damals sagte man einfach: Das hier bis zu dem Fluss
da unten gehört mir, und errichtete seine Farm, es gab ja niemanden dort“,
erklärt der Farmer Paulo Cesar Quartiero dem Nachrichtenportal The
Intercept im Jahr 2020.
Im Jahr 2005 unterzeichnet der damalige Präsident Lula ein Dokument, mit
dem das Schutzgebiet Raposa Serra do Sol offiziell anerkannt wird.
Nicht-Indigene, darunter Quartiero, müssen das Gebiet verlassen. Doch die
Invasoren gehen nicht. Vor allem Quartiero wehrt sich mit Gewalt gegen den
Verlust der so günstig „gekauften“ Ländereien: PC, wie Paulo Cesar auch
genannt wird, bezahlt ehemalige Militärpolizisten dafür, dass sie auf
Indigene schießen und deren Häuser anzünden, wie Medien, darunter das
Portal Brasil de Fato, übereinstimmend berichten.
34 Häuser zerstören seine Schergen bei einem Angriff, im Haus des Farmers
werden anschließend Bomben und Waffen gefunden. Für diese Aktion wird PC,
der damals Bürgermeister seiner Gemeinde ist, 2008 festgenommen, gelangt
aber nach wenigen Tagen wieder auf freien Fuß und kommt mit einer
Geldstrafe von 200.000 Reais davon. Politfreunde und Wähler empfangen ihn
begeistert mit einem Autokonvoi, die Agrarbarone sind fast alle
verschwägert und politisch verbandelt. Quartiero gelingt in der Folge eine
politische Karriere bis zum Posten des Vizegouverneurs. Im Jahr 2009 ordnet
der Oberste Bundesgerichtshof nach einer Bürgerklage die polizeiliche
Räumung an. Endlich verlässt Quartieros Gruppe das indigene Schutzgebiet
Terra indígena Raposa Serra do Sol.
Daraufhin ziehen die Reiskumpel nach Marajó. Quartiero erwirbt dort 2010
für mehr als zwei Millionen Reais (etwa 300.000 Euro) die unfassbare Fläche
von 12.000 Hektar Land – sie ist ungefähr so groß wie ganz Darmstadt. Der
Unternehmer rühmt sich gegenüber der Zeitung O Globo: „Wir bringen in eine
extrem arme Gegend Arbeitsplätze und Einkommen.“
## Wieder pflanzen Großinvestoren auf öffentlichem Grund
Es ist nicht klar, ob die Agrobarone die örtlichen Politiker überzeugen,
ihr Reisprojekt zu unterstützen oder ob umgekehrt die Politiker die
Produzenten anlocken. Da bislang in Brasilien Reis fast ausschließlich im
Süden des Landes wächst, winken gute Verdienstchancen. Wieder legen die
Großinvestoren ihre Pflanzungen auf öffentlichem Grund an. Wieder in einem
Gebiet, auf dem es bereits Bewohner gibt, hier sind es traditionelle
Fischer. Die öffentliche Hand baut eine Asphaltstraße, wo vorher nur
Staubpisten waren und legt ein Stromnetz zur Provinzstadt Cachoeira do
Arari, die zuvor auf Generatoren angewiesen war. Von diesen Neuerungen und
von den Arbeitsplätzen – mehr als 200 allein bei Quartiero – lassen sich
manche überzeugen.
Dass für die Reismonokultur Flüsse umgeleitet und Wälder abgeholzt werden
und der traditionelle Anbau mit dem konzentrierten Einsatz von Pestiziden
das empfindliche Ökosystem der Insel schwer belastet, wird angesichts des
wirtschaftlichen Aufschwungs zur Nebensache.
Als Quartiero seine Umweltlizenz erhält, werden eventuelle Folgen
tatsächlich nicht geprüft. Zu diesem Zeitpunkt schuldet der Farmer dem
Staat 56 Millionen Reais an Bußgeldern, unter anderem wegen Rodungen
innerhalb von Schutzzonen, dem exzessiven Einsatz von Pestiziden und
landwirtschaftlicher Tätigkeit ohne Lizenz. 2017 wird der zuständige
Umweltsekretär des Amtes enthoben, weil er nachweislich Umweltlizenzen an
Holzhändler verkauft hat. Seitdem operiert Quartiero ohne Lizenz.
## „Wir ernähren uns von vergifteten Fischen“
Joabe Marques und Paulo Cesar Quartiero gehen nach einem ähnlichen System
vor: Joabe Marques produziert das erste Nachweisdokument für seinen
Landbesitz selbst. Die Gemeinde schenkt ihm ein Grundstück zum Bau einer
Verarbeitungsfabrik. Obwohl Quilombolas Teile „seines“ Landes für sich
beanspruchen, erlangt er im Schnellverfahren eine Umweltlizenz. Seitdem
pumpt er Hektoliter Wasser aus dem Fluss, um damit seine Reisfelder zu
überfluten. „Wenn das Wasser nach der Flutung zurückfließt, ist es voller
Pestizide – und wir ernähren uns von vergifteten Fischen“, erklärt
Claudeth.
Marques gehört das größte Pestizidlager der Region, er versprüht die
Substanzen regelmäßig per Drohne. Kopfschmerzen, Übelkeit und
Schwächeanfälle sind die unmittelbaren Folgen für die Quilombolas. Marques
selbst sieht sich als Musterfarmer: Seine Ländereien seien alle legalisiert
und vermessen. Er verfüge über alle Lizenzen für den Reisanbau und zudem
erhalte er 70 Prozent der Fläche im Naturzustand. Die Quilombolas wollten
die „Belebung“ des Wirtschaftsstandortes Marajó verhindern, beklagt er sich
gegenüber dem Portal Brasil de Fato.
Der Konflikt spitzt sich zu. Die Quilombolas hindern Farmangestellte an
Reparaturarbeiten der Straße und öffnen immer wieder Durchflüsse, um
Fischbewegungen zu ermöglichen. Der Farmer verklagt sie. Nachdem
Führungspersönlichkeiten des Quilombo Morddrohungen erhalten, stellt die
Regierung von Pará sie auf Antrag der katholischen Hilfsorganisation
Caritas unter Polizeischutz. Bewaffnete Polizisten drehen jetzt zweimal
wöchentlich Runden durch den Quilombo. Dieselben Polizisten arbeiten an
ihren freien Tagen als Wachmänner für den Farmer, sagen die Quilombolas.
Staatsanwältin Barreto bestätigt, die Lage der örtlichen Polizei sei
angesichts des Machtgefälles kompliziert. Claudeth lehnt es ab, in das
Schutzprogramm aufgenommen zu werden. Lieber hat sie ihr unverputztes Haus
vergittert. In das eiserne Gitter sind Herzen eingelassen. „Ich lebe hinter
Gittern“, sagt die junge Frau, „und die Verbrecher laufen frei herum“.
## Wenn der Umweltsekretär mit dem Polizeichef Bier trinkt
In den umliegenden Gemeinden bekommt Claudeth keinen Job mehr, seit sie als
Aktivistin bekannt ist. Monatelang ist sie arbeitslos, droht depressiv zu
werden. Inzwischen ist sie bei der Caritas angestellt. „Unsere einzige
Chance ist es, gesehen zu werden“, sagt die zweifache Mutter, als sie auf
den zugeschütteten Teil des Sees zeigt. Hier hat sie mit ihren Kindern
geangelt. Jetzt ist der Wasserstand zu niedrig, als dass die Fische zum
Laichen aufsteigen könnten.
Die Kolonialhierarchie gilt vor allem in ländlichen Gebieten, wo das
Agrobusiness stark ist, bis heute. Wichtige Entscheidungen fallen gern am
Wochenende, wenn der weiße Farmer mit dem Umweltsekretär beim Grillen
zusammensitzt oder mit dem Polizeichef sein Bier trinkt.
Nachdem eine Überschwemmungskatastrophe 2023 im Süden des Landes einen
Großteil der Ernten vernichtet, bringen Abgeordnete aus der Agrarlobby 2024
im Kongress die Frage auf, ob das Schutzgebiet Raposa Serra do Sol
womöglich erneut infrage gestellt werden könne, um dort wieder Reis
anzubauen und die Nahrungssicherheit zu garantieren. Die Vorsitzende der
Indigenenbehörde Funai, Joênia Wapichana betont hingegen, die bereits
erfolgte Demaskierung sowie die Entscheidung des STF seien unwiderruflich.
Im Quilombo Rosário pflanzen die Frauen derweil im Gemeinschaftsgarten mehr
Kräuter und Gemüse für den Eigenbedarf, züchten Schweine und Hühner und
flechten Körbe, um die Einbußen aus dem fehlenden Acaiverkauf halbwegs
auszugleichen. „Viele haben kein anderes Einkommen als 600 Reais
Sozialhilfe“, sagt Claudeth. Ein Rest Hoffnung bleibt, dass Lula den
Besitztitel des Quilombos Rosario bald unterzeichnen könnte. Auf der
Klimakonferenz COP30 hatte er angekündigt, er werde solche Prozesse
vorantreiben.
Die Recherche für diesen Text entstand mit Unterstützung von Misereor.
27 Mar 2026
## AUTOREN
(DIR) Christine Wollowski
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