# taz.de -- Propaganda in russischen Schulen: Schwere Kost
> In der Doku „Ein Nobody gegen Putin“ filmt ein Pädagoge den Alltag in
> einer russischen Schule. Er zeichnet ein düsteres Bild der
> Propaganda-Maschine.
(IMG) Bild: Pawel Talankin, genannt Pascha, wird Zeuge, wie radikal sich Schulen in Russland durch Wladimir Putins neue Politik der patriotischen Erziehung verändern
„Kriege werden nicht von Feldherren gewonnen, sondern von Lehrern an den
Schulen.“ Das sagt Russlands Präsident Wladimir Putin im hauseigenen
Staatsfernsehen. Zu diesem Zeitpunkt tobt sein vollumfänglicher
[1][Angriffskrieg gegen die Ukraine], der „spezielle Militäroperation“
(SWO) heißt, schon mehrere Monate: Angriffe mit Raketen und Drohnen,
bevorzugt auch auf Wohnviertel, wehrlose Zivilist*innen und die
kritische Infrastruktur, um das Nachbarland zu „denazifizieren“, wie das
Narrativ des Kreml lautet. Denn dort treibt angeblich „eine faschistische
Junta“ ihr Unwesen.
Einer, der ganz genau weiß, was die sogenannte SWO bedeutet und was sie mit
ihm und seinen Schüler*innen macht, ist Pasha Talankin. Der junge Mann
arbeitet als pädagogischer Projektleiter und Videograf an der Schule Nr. 1
in Karabasch, an der auch er einst seinen Abschluss gemacht hat.
Die 10.000-Einwohner*innen-Stadt im Uralgebirge gilt laut Unesco als
„giftigster Ort der Welt“ – offizielle Zahlen von Erkrankten und Krebstoten
zeugen davon. Den Alltag an dieser Schule, pars pro toto für
Bildungseinrichtungen heutzutage in Russland, hält Talankin akribisch über
Monate mit seiner Kamera fest. Das Ergebnis ist der Dokumentarfilm „Ein
Nobody gegen Putin“, den der Sender Arte am 20. Januar ausstrahlt. Der
Beitrag ist, um es gleich vorwegzunehmen, schwere Kost.
Talankin ist ein Freigeist. Schon als Kind fühlt er sich als Außenseiter,
oft einsam und irgendwie anders. In der Schule hat der Pädagoge seinen
eigenen Klassenraum, ein „Pfeiler der Demokratie“, wie er ihn nennt. Dort
sind alle jederzeit willkommen, um frei zu diskutieren, sich zu entfalten
oder einfach nur Spaß zu haben.
## Ein Anruf aus dem Ausland
Doch nach dem 24. Februar 2022 wird alles anders. Talankins Videos müssen
an das Bildungsministerium geschickt werden, es gibt neue Pflichtstunden,
seine Schützlinge müssen zu Fahnenappellen antreten und Schüler*innen
der 11. Klasse den „Helden der SWO“ huldigen.
Talankin fühlt sich vom Regime für Propagandazwecke missbraucht und in
einem System gefangen, das er glaubt, nicht ändern zu können. Ende 2022
reicht er seine Kündigung ein. Diese nimmt er wieder zurück – nach einem
Anruf aus dem Ausland mit der Bitte um mehr Material, um dieses öffentlich
zu machen. Fortan filmt er auch Pro-Kriegsdemonstrationen in seiner Stadt,
die er liebt, aber sich ihr zusehends entfremdet.
In den Klassenzimmern werden Filme gezeigt, in einem sagt jemand: „Wir
dürfen sie (die Ukrainer*innen, Anm. d. Red.) nicht aus Hass töten. Wir
müssen sie aus Liebe zu unseren Kindern töten.“ Ein Geschichtslehrer namens
Pawel Abdulmanow, der für seine pädagogischen „Höchstleistungen“
ausgezeichnet wird, diktiert den Schüler*innen in ihre Hefte: „Eine
Nation, die ihre Geschichte vergisst, wird keine Zukunft haben.“
Talankins Kommentar dazu lautet: „Vielleicht liebe ich Russland mehr als
er. Vaterlandsliebe bedeutet nicht, eine Flagge zu hissen oder die Hymne zu
singen. Sie bedeutet zu sagen, dass es Probleme gibt und man darüber
spricht.“
## Handgranaten-Weitwurf im Trainingslager
Von wegen. Die Luft zum Atmen wird für Talankin immer dünner. Ehemalige
Schüler von ihm werden mobilisiert, einige kommen als Leichen zurück. Auch
sein ehemaliger Klassenkamerad Artem fällt im „heldenhaften Kampf gegen die
faschistische Ukraine“. Von der Beerdigung im Mai 2024 macht Talankin nur
Tonaufnahmen – aus Sicherheitsgründen.
Diese Sequenz mit den verzweifelten Schreien von Artems Mutter ist eine der
eindrücklichsten des Dokumentarfilms. Derweil unterweisen Angehörige der
Wagner-Truppe Schüler*innen in Trainingslagern im Handgranaten-Weitwurf.
Zu diesem Zeitpunkt ist Talankins Zeit in Karabasch schon abgelaufen. Seine
Mutter, die in der Bibliothek der Schule Nr. 1 arbeitet, ahnt, was kommen
wird. Als letzte „Amtshandlung“ verpflanzt er seinen Lieblingsbaum – als
„Symbol für einen neuen Anfang“. Im Sommer 2024 verlässt Talankin Russland
– schweren Herzens. Ach, gäbe es dort doch mehr Menschen wie ihn …
16 Jan 2026
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(DIR) Barbara Oertel
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