# taz.de -- Forscher zum „Krieg gegen die Drogen“: „Die gewalttätigste Region der Welt“
> Wie lässt sich die Macht der organisierten Kriminalität in Südamerika
> brechen? Staatliche Gewalt ist die falsche Antwort, sagt Luis
> Córdova-Alarcón.
(IMG) Bild: Eliteteams der ecuadorianischen Streitkräfte führen Patrouillen zur Verbrechensbekämpfung durch, am 12.1.2024
taz: Herr Córdova-Alarcón, inwiefern steht die Entführung von Nicolás
Maduro durch die USA in der Kontinuität des „Kriegs gegen die Drogen“,
inwiefern unterscheidet sie sich davon?
Luis Córdova-Alarcón: Der „Krieg gegen die Drogen“ ist in erster Linie ein
ideologisches Instrument, um die Außenpolitik der Vereinigten Staaten zu
legitimieren. So hat es früher funktioniert, und so ist es auch diesmal.
Die USA beschuldigten Nicolás Maduro, Anführer der kriminellen Vereinigung
„Cartel de los Soles“ zu sein, aber als dann die Anklage gegen Maduro
erhoben wurde, stellte sich heraus, dass dieses Kartell [1][gar nicht
existierte.]
taz: Sehen Sie auch positive Elemente in der US-Intervention?
Córdova-Alarcón: Es gibt keine direkten positiven Auswirkungen, da die
Trump-Regierung bereits sehr widersprüchliche Signale hinsichtlich eines
echten Kampfes gegen das organisierte Verbrechen ausgesendet hat. Im
Februar 2024 hat Präsident Trump die Task Force KleptoCapture, [2][eine
Einheit zur Bekämpfung der Geldwäsche], abgeschafft, was es heute
[3][erleichtert], dass Schwarzgeld auch aus dem Drogenhandel in der
US-Wirtschaft gewaschen werden kann. Ein zweites Signal war die
[4][Begnadigung des ehemaligen Präsidenten von Honduras], der wegen Drogen-
und Waffenhandels verurteilt worden war. Die Botschaft lautet also nicht,
dass Trump Drogenhändler verfolgt, sondern dass er diejenigen verfolgt, die
nicht auf seiner Seite stehen. Und schließlich ändert die Entführung
Maduros nichts am [5][Fentanylhandel], der von Mexiko in die USA fließt.
taz: Letizia Paoli, Professorin für Kriminologie in Belgien, hat in einem
[6][Interview mit der taz] drei Hauptkriterien für einen „Narco-Staat“
definiert: ein Niveau drogenbezogener Gewalt, das so hoch ist, dass es das
gesellschaftliche Leben beeinflusst; Banden, die in der Lage sind,
Funktionsträger bis in höchste Ebenen von Politik und Justiz zu
korrumpieren; und ein erheblicher Beitrag des Drogenhandels zum
Bruttoinlandsprodukt. Erfüllt [7][Ecuador diese Kriterien]?
Córdova-Alarcón: Ich kenne die Arbeiten von Letizia Paoli. Allerdings stehe
ich dem Konzept des Drogenstaates eher kritisch gegenüber. Ja, es sind
diese drei Faktoren, die einen Drogenstaat charakterisieren; im speziellen
Fall Ecuadors scheint mir das Konzept aber mehr zu verschleiern als
wirklich zu zeigen, was in unserem Land geschieht. Drogen sind nämlich nur
für drei von zehn Gewaltmorden in Ecuador verantwortlich. Mit anderen
Worten: 70 Prozent der Gewaltmorde stehen nicht mit Drogen in Verbindung,
sondern mit anderen illegalen Wirtschaftszweigen wie Erpressung,
Entführung, illegalem Bergbau usw.
taz: Wie erfolgreich ist der „Krieg gegen die Drogen“, den die Regierung
des derzeitigen Präsidenten, [8][Daniel Noboa], führt?
Córdova-Alarcón: Dieser konzentriert sich auf einen marginalen Teil der
Gewalt, indem sie die Anführer festnimmt. Hingegen hat der ecuadorianische
Staat grundlegende soziale und sozioökonomische Verpflichtungen aufgegeben.
Besonders betroffen sind Bildung und Gesundheit. In Ecuador gibt es
mindestens 450.000 Minderjährige zwischen 3 und 17 Jahren, die keine Schule
besuchen. Das erleichtert die Rekrutierung von Jugendlichen und jungen
Erwachsenen für Banden. Wahrscheinlich noch schwerwiegender ist die
Straflosigkeit. Nur 6 Prozent aller Gewaltverbrechen werden strafrechtlich
geahndet. So ist es in Ecuador einfacher, einen Auftragskiller anzuheuern,
um eine Schuld einzutreiben, als vor Gericht zu gehen, um eine Klage
einzureichen. In Ecuador gibt es also weniger einen gescheiterten Staat als
eine gescheiterte Regierung, eine Drogenregierung, nicht unbedingt einen
Drogenstaat.
taz: Gerade lesen wir eine Meldung, dass in der Küstenstadt Puerto López
[9][fünf menschliche Köpfe am Strand präsentiert wurden], offenbar von
Mitgliedern von Kartellen, gegen die sich Einheimische zur Wehr setzen. Ist
das bei aller Grausamkeit ein positives Zeichen der Selbstverteidigung?
Córdova-Alarcón: Es gibt noch zu wenig Informationen, um eine
Schlussfolgerung zu diesem Ereignis zu ziehen. Allerdings hat [10][Eduardo
Moncada,] ein Wissenschaftler der Columbia University, eine Studie über den
Widerstand der Bevölkerung in Lateinamerika gegen Kriminalität
veröffentlicht. Er sagt, dass die Bevölkerung auf kriminelle Gewalt auf
zwei Arten reagiert: zum einen durch spontane Lynchmorde. Sie halten einen
Kriminellen fest. Sie schlagen ihn zu Tode. Sie verbrennen ihn lebendig. In
den letzten Jahren haben solche Lynchmorde überall in Lateinamerika enorm
zugenommen.
taz: Und die zweite Reaktion?
Córdova-Alarcón: Das sind die sogenannten vigilantes, wo sich eine Gruppe
von Menschen organisiert, um sich gegen eine kriminelle Organisation zu
verteidigen. Diese bewaffneten Selbstverteidigungsstrukturen werden aber
selbst zu neuen kriminellen Strukturen in Ecuador. Unternehmer heuern
bewaffnete Leute an, damit sie potenzielle kriminelle Organisationen
abwehren und ihre Vermögensinteressen verteidigen. Ich weiß nicht, ob
dieser Fall damit zu tun hat, aber was ich aufgrund unserer Recherchen
weiß, ist, dass es an der ecuadorianischen Küste, in den Küstenprovinzen,
mehrere Organisationen gibt, die bereits als paramilitärische Strukturen
operieren.
taz: Wenn Kokain [11][keine illegale Droge mehr] wäre – würde das die
Spirale der Gewalt durchbrechen oder uns vor allem neue Probleme bescheren?
Córdova-Alarcón: Ich glaube, dass die Politik in zwei Richtungen gehen
muss. Es müssen Maßnahmen gegen das Verbot ergriffen werden, das heißt, der
Konsum, der Handel und die Produktion bestimmter Betäubungsmittel müssen
neu reguliert werden. Und der zweite Weg sind Maßnahmen innerhalb des
Prohibitionismus, denn es wird nicht möglich sein, das Prohibitionsregime
für Drogen abzubauen, wenn es keine sehr ehrgeizigen multilateralen
Maßnahmen gibt. Der Anbau von Kokablättern in Kolumbien und Peru ist das
Ergebnis einer über Jahrzehnte gewachsenen Wirtschaftsstruktur. Daher ist
es nicht einfach, etwas zu verändern oder zu ersetzen, wenn es nicht auch
eine Reform dieser landwirtschaftlichen Struktur gibt. Jüngsten Studien
zufolge werden durch den Anbau von Kokablättern in Kolumbien mindestens
100.000 direkte Arbeitsplätze geschaffen.
taz: Welche Folgen hat das?
Córdova-Alarcón: Das organisierte Verbrechen im Zusammenhang mit dem
Drogenhandel und anderen illegalen Wirtschaftszweigen ist in Lateinamerika
nicht nur ein Sicherheitsproblem. Es ist und muss als Entwicklungsproblem
behandelt werden. Was die formelle Wirtschaft einem jungen Erwachsenen
nicht bieten kann, können die illegalen Wirtschaftszweige bieten, nämlich
ein wenig Geld zum Konsumieren und um zu versuchen, seiner Familie zu einem
besseren Leben zu verhelfen. In Europa bieten die formellen
Volkswirtschaften ihrer Bevölkerung weiterhin Beschäftigungsmöglichkeiten
und in gewisser Weise auch sozialen Aufstieg. In Lateinamerika ist es
umgekehrt, und deshalb ist Lateinamerika die gewalttätigste Region der
Welt.
16 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.nytimes.com/2026/01/05/us/trump-venezuela-drug-cartel-de-los-soles.html
(DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Task_Force_KleptoCapture
(DIR) [3] https://www.lawfaremedia.org/article/bondi-s-dismantling-of-the-kleptocracy-team-threatens-national-security
(DIR) [4] /Trump-begnadigt-Honduras-Ex-Praesident/!6135211
(DIR) [5] /Umgang-mit-synthetischen-Drogen/!5961253
(DIR) [6] /Kriminologin-zu-Drogenhandel-in-Belgien/!6124600
(DIR) [7] /Gewalteskalation-in-Ecuador/!5984156
(DIR) [8] /Proteste-in-Ecuador/!6122918
(DIR) [9] https://www.spiegel.de/panorama/ecuador-polizei-findet-menschliche-koepfe-an-strand-von-puerto-lopez-a-3575e242-ffc6-4f7d-a771-845cc54da09b
(DIR) [10] https://eduardomoncada.com/
(DIR) [11] /Drogenkartelle-in-den-Niederlanden/!6014600
## AUTOREN
(DIR) Ambros Waibel
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