# taz.de -- Selbsthilfe-Gründer über Obdachlosigkeit: „Was Merz sagt, ist Quatsch“
> Swen Huchatz hat nach langer eigener Obdachlosigkeit eine
> Obdachlosenselbsthilfe in Hildesheim gegründet. Er möchte das bestehende
> Hilfesystem ändern.
(IMG) Bild: Wenn keine Notunterkunft hilft: obdachloser Mensch in der Hamburger U-Bahn-Station Stephansplatz im Januar 2025
taz: In der Öffentlichkeit ist mal die Rede von „Wohnungslosen“ und mal von
„Obdachlosen“. Wie gehen Sie mit den beiden Begriffen um?
Swen Huchatz: „Wohnungslose“ und „Obdachlose“ benutze ich fast nicht mehr,
sondern „wohnungslose Menschen“ und „obdachlose Menschen“. Außerdem benutze
ich „Erfahrungsexpert*innen in eigener Sache“ oder „Peers“. Mittlerweile
bevorzuge ich „wohnungssuchende Menschen“ oder „Wohnungssuchende“, weil so
alle genannt werden, also zum Beispiel auch geflüchtete Menschen, die keine
Wohnung haben.
taz: Sie waren selbst jahrelang wohnungslos und haben 2024 die
Obdachlosenselbsthilfe „Randnotiz Hildesheim“ gegründet. Worum geht es
dabei?
Huchatz: Meine Erfahrungen helfen mir, Wohnungssuchende mit Rat und Tat und
auf Augenhöhe zu unterstützen. Es ist wichtig, dass diese Unterstützung nur
in dem Umfang stattfindet, wie sie gewünscht wird, damit zu keinem
Zeitpunkt Druck aufgebaut wird. Wir informieren auch mehrsprachig für
Menschen mit Sprachbarrieren darüber, welche Hilfen für Wohnraum beantragt
werden können. Außerdem mischen wir uns politisch ein.
taz: Wer ist wir?
Huchatz: Momentan sind wir in Hildesheim nur zu fünft. Die Arbeit wird
erschwert, weil viele Unterstützer*innen selbst in extremen
Lebenssituationen stecken und nicht die Energie haben, sich zu engagieren.
Trotzdem sind wir oft laut polternd. Das nervt viele Leute in Hildesheim
mehr, als dass sie davon genervt sind, dass Menschen [1][bei Minusgraden
draußen schlafen müssen].
taz: Müssen sie das? Gibt es für akute Fälle keine [2][Notunterkunft] in
Hildesheim?
Huchatz: In der Theorie schon. In der Praxis werden obdachlose Menschen
auch in Hildesheim abgewiesen. Das betrifft vor allem Menschen ohne
deutsche Staatsangehörigkeit, die kein Recht auf Hilfe nach dem
Sozialhilfegesetzbuch haben. Die Stadt und die Notunterkünfte entscheiden
anhand der Herkunft und des Status der obdachlosen Person, ob und wie diese
untergebracht wird. Es wird nach finanziellen Aspekten entschieden. Denn
Übernachtungen in Notunterkünften sind sehr teuer.
taz: Aber die Stadt hat nach dem Ordnungsrecht und nach dem UN-Sozialpakt
eine Unterbringungspflicht.
Huchatz: Die Einweisungen für die Notunterkünfte stellt zwar der
Fachbereich Soziales FB 50 aus, aber die Stadt Hildesheim ist nicht die
Betreiberin der Notunterkünfte. Wohnungslose Menschen hätten zwar
unabhängig von Herkunft und Aufenthaltsstatus ein Recht auf körperliche
Unversehrtheit und auf eine Unterbringung. Aber das wird ihnen oft verwehrt
in der Annahme, dass sie das nicht wissen und sich nicht wehren werden.
taz: In einer Ihrer letzten Mails haben Sie dem System Rassismus
vorgeworfen. Warum?
Huchatz: In Deutschland bekommen nur Menschen mit deutscher
Staatsangehörigkeit finanzielle Hilfe und damit die Möglichkeit, Herbergen
der Wohnungslosenhilfe zu nutzen. Das ist Rassismus, weil diese
diskriminierenden Entscheidungen aufgrund von Herkunft und Zuschreibungen
getroffen werden.
taz: 2022 hat der Hildesheimer Stadtrat beschlossen, in Hildesheim das
Konzept [3][Housing First] einzuführen, [4][wenn das Land Niedersachsen
dafür Mittel freigibt]. Was ist daraus geworden?
Huchatz: Bisher ist nichts passiert. Wie die Stadt intern weiter mit dem
Beschluss umgeht, wird nicht kommuniziert. Abgesehen davon ist das
Hildesheimer Housing-First-Konzept diskriminierend und ausgrenzend.
taz: Inwiefern?
Huchatz: Es werden Bedingungen gestellt, die es beim [5][Original-Konzept
des Psychologen Sam Tsemberis] nicht gibt. Im Original-Konzept steht, dass
obdachlose Menschen berücksichtigt werden, die bisher keinen Zugang zu
Hilfen und Wohnungen hatten. In der deutschen Variante werden aber nur
Menschen berücksichtigt, die sich selbst um die Mietzahlungen kümmern
können, entweder durch ein eigenes Einkommen oder durch Sozialleistungen.
taz: Bundeskanzler Friedrich Merz sagt, der Sozialstaat in seiner heutigen
Form [6][sei nicht mehr finanzierbar]. Das klingt, als wären Mittel für
Housing First völlig außer Sichtweite.
Huchatz: Was Merz sagt, ist Quatsch. Man müsste schlicht alles daran
setzen, dass die Ausgaben auch da ankommen, wo sie benötigt werden. Statt
Wohnraum werden Ersatzunterkünfte geschaffen, die sehr teuer sind und nicht
helfen, die Obdachlosigkeit einzudämmen. Der Staat unterhält lieber ein
teures Hilfesystem, anstatt langfristig das Problem zu lösen.
taz: Warum sind die Ersatzunterkünfte die teurere Lösung?
Huchatz: Die Einrichtungen möchten von dem Geld, das sie bekommen,
möglichst wenig ausgeben. Sie leisten die Hilfe nicht, die sie leisten
müssten. Das ist schlimmer geworden, seit viele dieser Einrichtungen
privatisiert wurden. Das System ist sehr intransparent. Die finanziellen
Interessen der Einrichtungen stehen klar im Vordergrund.
taz: Können Sie ein Beispiel nennen?
Huchatz: Die Zimmer haben oft eine Größe zwischen zehn und 15 Quadratmeter.
Dort sind mindestens zwei bis vier Menschen untergebracht. Für ein Bett in
einem Mehrbettzimmer der Notunterkünfte werden zwischen 385 und 500 Euro in
Rechnung gestellt. Damit können die Einrichtungen einen riesigen Reibach
machen.
taz: Was wäre die bessere Lösung?
Huchatz: Das Geld müsste für die einzelnen Personen und für Wohnungen
ausgegeben werden. Die wohnungssuchenden Menschen brauchen erst mal ohne
Vorbedingungen eine Wohnung, um sich zu organisieren und sich mit
finanziellen Angelegenheiten beschäftigen zu können, denn während der
Obdachlosigkeit entstehen aufgrund fehlender Erreichbarkeit oft Schulden.
Der Staat würde selbst dann Geld einsparen, wenn er die Mieten für
Wohnungen vollständig übernehmen würde, weil langfristig die
Obdachlosigkeit und ihre Kosten zurückgehen würden.
taz: Sie waren selbst fast drei Jahrzehnte lang obdachlos. Was ist Ihre
Geschichte?
Huchatz: Ich bin mit 17 zum ersten Mal aus meiner familiären Situation
geflohen. Der Lebensgefährte meiner Mutter wollte, dass ich eine Ausbildung
zum Elektriker mache. Dagegen habe ich rebelliert, weil mein Wunsch, weiter
zur Schule zu gehen, nicht beachtet wurde. So brach ich die Ausbildung kurz
vor Ende ab und bin abgehauen. Später ist mir klar geworden, dass auch die
Erfahrungen von Gewalt und Alkoholismus in meiner Kindheit eine Rolle
gespielt haben und dass das der tatsächliche Grund meiner Obdachlosigkeit
ist.
taz: Was war das Erste, was Sie auf der Straße gelernt haben?
Huchatz: Ich habe herausgefunden, wo es Herbergen gibt für durchreisende
Menschen ohne Wohnung, und durch Kontakte zu anderen obdachlosen Menschen
erfuhr ich, welche Unterstützung ich bekommen kann.
taz: Das heißt, Sie waren viel unterwegs?
Huchatz: Ich war viel in Deutschland unterwegs, aber auch in Italien, den
Niederlanden und Polen. Dort habe ich Hilfsarbeiten gemacht, um zu
überleben. Auch mit künstlerischen Aktivitäten auf der Straße und durch
Verkauf von Obdachlosenzeitungen habe ich Geld verdient. Oder ich habe
Privatpersonen nach Hilfe gefragt.
taz: Wie sind Sie nach Hildesheim gekommen?
Huchatz: Ich ging im Juli 2021 nach Hildesheim und arbeitete auf Baustellen
und in Kulturbetrieben, wurde aber entgegen vorheriger Versprechungen nicht
angemeldet. Es passiert oft, dass wohnungslose Menschen ausgebeutet werden.
Ich habe erst zweieinhalb Monate in einer Notunterkunft in Hildesheim
verbracht. Dann ist es mir gelungen, bei einem kommunalen Wohnungsgeber
eine Wohnung zu bekommen. Am 1. Januar 2022 bin ich eingezogen und habe
angefangen, mich zu vernetzen.
25 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Klaus Irler
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