# taz.de -- Verhütung: Als das Kondom zur Massenware wurde
> Ein Zigarettenverkäufer erfindet 1912 in Berlin das erste nahtlose Kondom
> - und profitiert bei der Verbreitung vom Ersten Weltkrieg.
(IMG) Bild: Heute gibt es Kondome in allen Farben, Geschmacksrichtungen und auch Größen
Die Schwimmblasen von Fischen bestehen aus einer sehr dünnen und reißfesten
Membran. Perfekt also, um sie vor dem Sex über den Penis zu ziehen und mit
einer Schleife festzuschnüren. [1][„Fischblasen sind den Gummis insofern
vorzuziehen, als dieselben bedeutend haltbarer und feiner, also weniger
fühlbar beim Gebrauch als Gummi sind und eine Gefühlsbeeinflussung fast
vollständig ausgeschlossen ist“, heißt es in einem Kondom-Verkaufskatalog
aus dem Jahr 1908]. Gummikondome waren damals schon erfunden, allerdings
waren sie zur Mehrfachbenutzung stabile zwei Millimeter dick und hatten
eine Naht an der Seite. Feiner gings nicht.
Das änderte sich 1912, als der ehemalige Zigarettenverkäufer Julius Fromm
einen penisförmigen Glaskolben in Kautschuklösung tauchte und damit das
nahtlose Kondom erfand. Fromms Lebensweg vom bitterarmen jüdischen
Migranten zum wohlhabenden Unternehmer hätte [2][eine schillernde
German-Dream-Geschichte werden können]. Aber wie viele solcher Geschichten
schrieben die Nazis sie gewaltvoll um.
Fromm wurde 1883 in einem damals russisch besetzen Teil des heutigen Polens
geboren. Seine Familie lebte in Armut und zog, als er 10 Jahre alt war, ins
Berliner Scheunenviertel, nördlich des Alexanderplatzes. Eine
heruntergekommene Gegend, in der viele mittellose jüdische Migrant*innen
aus Osteuropa wohnten. Die Fromms änderten ihre Vornamen, aus Israel wurde
Julius. Die große Familie lebte vom Zigarettendrehen. Als Fromm 15 Jahre
alt war, starb sein Vater, wenig später auch seine Mutter. Nun musste er
seine kleinen Geschwister versorgen. Neben dem Zigarettenverkauf studierte
er Chemie an der Abendschule. Denn er hatte ein Ziel: Bessere Gummikondome
machen. In seiner Ein-Mann-Firma experimentierte er mit verschiedenen
Zusammensetzungen und testete die Kondome durch Aufpusten und vertrieb sie
schließlich in Drogerien.
Es war nicht die [3][Empfängnisverhütung], sondern die Angst um die
Gesundheit von Soldaten, die dem Kondom zum Durchbruch verhalf. In den
Soldatenbordellen des Ersten Weltkriegs sollten sich die Kämpfenden nicht
mit Geschlechtskrankheiten anstecken, deswegen wurden Präservative
verteilt. Auch der gesellschaftliche Wandel der Weimarer Republik tat dem
Geschäft gut. Aus dem Ein-Mann-Betrieb war in Zwanzigern eine Firma mit
Fabriken gewachsen, die Millionen Kondome mit dem Namen „Fromms Act“
produzierte. Fromm, mittlerweile eingebürgert, erfand Kondomautomaten und
Werbesprüche wie: „Die Konkurrenz platzt“. Sein Marktanteil lag zeitweise
bei 95 Prozent.
Historiker*innen und Angehörigen zufolge hoffte Fromm lange, mit seiner
Firma unbeschadet durch den Nationalsozialismus zu kommen. Doch 1938 musste
er das Unternehmen, das geschätzt 8 Millionen Reichsmark wert war, für nur
200.000 Reichsmark verkaufen. Die Kondomfirma ging an die Patentante von
Reichsmarschall Hermann Göring. Fromm wanderte nach England aus und starb
dort unerwartet am 12. Mai 1945. Seine Familie sagt: Sein Herz blieb
plötzlich stehen vor Glück, dass der Krieg vorbei war und er bald nach
Deutschland zurückkehren könne.
Das nahtlose Kondom ist bis heute die neueste [4][marktfähige Erfindung]
auf dem Feld männlicher Verhütung. [5][Dass es in diesem Bereich langsam
vorangeht], hat Tradition: Vom Fischblasenkondom wird schon 1.200 vor
Christus im antiken Griechenland berichtet. Es hielt sich also etwa 3.000
Jahre auf dem Markt.
23 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Luise Strothmann
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