# taz.de -- Medizingeschichte: Als gegen Malaria ein Kraut gewachsen war
       
       > Die Chinesin Tu Youyou isolierte als Erstes einen Wirkstoff gegen
       > Malaria. Die Erkenntnisse erschienen anonym, ihren Nobelpreis erhielt sie
       > nachträglich.
       
 (IMG) Bild: Die chinesische Pharmakologin Tu Youyou in den 1980er-Jahren
       
       Sie ist Medizinnobelpreisträgerin, hat aber keinen Doktortitel. Die
       Chinesin Tu Youyou hat nie im Ausland geforscht, hat keine große Karriere
       im westlichen Wissenschaftsbetrieb gemacht, und doch hat sie Millionen
       Leben gerettet. Ihr war es gelungen, Artemisinin zu isolieren: einen
       Wirkstoff gegen Malaria, gewonnen aus dem Einjährigen Beifuß, einer
       Pflanze, die in der traditionellen chinesischen Medizin seit Jahrhunderten
       verwendet wird.
       
       Als Tu Youyou [1][2015 den Nobelpreis für Medizin erhielt], war sie 84
       Jahre alt. Ihren Anfang nahm Tus Geschichte bereits Ende der 1960er-Jahre:
       Während des [2][Vietnamkrieges] erkranken immer mehr nordvietnamesische
       Soldaten an Malaria. Der damalige Präsident Ho Chi Minh bittet den
       Verbündeten, die Volksrepublik China, um Hilfe. Mao Zedong reagiert und
       ruft ein geheimes Militärprojekt ins Leben: Projekt 523, benannt nach
       seinem Startdatum, dem 23. Mai 1967.
       
       Forschung ist ein schwieriges Unterfangen zu dieser Zeit in China, denn
       [3][im Land wütet die Kulturrevolution]. Universitäten sind geschlossen,
       Intellektuelle und Wissenschaftler:innen werden verfolgt. „Fast jedes
       Institut war betroffen und Projekte wurden angehalten“, wird Tu Youyou 2015
       auf der Nobelpreis-Webseite zitiert. Trotz der Umstände wurden Hunderte
       Forschende für das Projekt 523 rekrutiert. Letztlich beauftragt die
       Regierung die Chinesische Akademie für traditionelle chinesische Medizin in
       Peking, wo Tu seit 1965 arbeitet.
       
       Gemeinsam mit ihrem Team durchforstet sie alte medizinische Schriften nach
       Hinweisen auf mögliche Malariaheilmittel. Zu diesem Zeitpunkt ist sie
       alleinerziehend, ihr Ehemann wurde im Zuge der maoistischen Kampagnen in
       ein Arbeitslager geschickt. Um sich auf die Forschung zu konzentrieren,
       muss Tu ihre vierjährige Tochter in ein Kinderheim geben, während die
       einjährige Tochter bei ihren Eltern bleibt.
       
       ## „Eine Handvoll Qinghao in zwei Liter Wasser einweichen“
       
       Der medizinische Durchbruch erfolgt 1971. Im „Handbuch der Notfallrezepte“,
       verfasst im 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus von dem chinesischen
       Alchemisten Ge Hong, stößt Tu auf einen unscheinbaren Satz: „Eine Handvoll
       Qinghao in zwei Liter Wasser einweichen, den Saft auspressen und
       vollständig trinken.“
       
       Qinghoa ist die chinesische Bezeichnung für die Pflanze Einjähriger Beifuß.
       Das Projekt-523-Team hatte die Pflanze wie üblich erhitzt und dabei nur
       mäßige Erfolge erzielt. Tu Youyou ändert nun das Verfahren und senkt die
       Temperatur. Der Wirkstoff bleibt stabil. Die Extrakte zeigen erstmals eine
       hohe Wirksamkeit gegen den Malariaerreger.
       
       Die Ergebnisse werden zunächst nur intern weitergegeben, die Forschung
       unterliegt militärischer Geheimhaltung. Klinische Tests erfolgen zuerst an
       Tieren. Tu Youyou und zwei weitere Forscher:innen nehmen das Mittel
       freiwillig selbst ein, um den menschlichen Versuch zu starten.
       
       So wurde [4][Artemisinin zur Grundlage] der heute weltweit eingesetzten
       Malariatherapien. Tu Youyous Name aber blieb lange unbekannt. Die
       Veröffentlichungen erschienen anonym, individuelle Leistungen spielten im
       kommunistischen China keine Rolle. Erst Jahrzehnte später, als Artemisinin
       längst Leben rettet, rückt die Frau hinter dem Wirkstoff ins Licht. Der
       Nobelpreis wirkt da fast wie eine nachträgliche Korrektur.
       
       11 Jan 2026
       
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