# taz.de -- Pionierin des Investigativjournalismus: Als eine Reporterin sich geisteskrank nannte
       
       > Nellie Bly ließ sich in eine Anstalt mit angeblich verrückten Frauen
       > einweisen. Damit begründete sie praktisch ein neues journalistisches
       > Genre.
       
 (IMG) Bild: Reiste im 19. Jahrhundert in 72 Tagen um die Welt: Elizabeth Jane Cochran, besser bekannt als Nellie Bly
       
       Wozu er Mädchen gebrauchen könne, fragte im Jahr 1885 ein Vater von fünf
       Töchtern in einer Kolumne der US-amerikanischen Zeitung Pittsburgh
       Dispatch: „What use can I make of girls?“ Außer Kochen, Putzen und Gebären
       fand er darauf keine Antworten.
       
       Der 20-jährigen Elizabeth Cochran fiel dagegen so einiges ein. In einem
       Leserbrief an die Redaktion schrieb sie, Frauen könnten sehr gut außer Haus
       arbeiten, wenn man sie ließe, weil sie mindestens genau so gut reden
       könnten wie Männer, ebenso klug seien und schneller lernten. „Frauenleben
       wären schöner, ihre Gesundheit besser, ihre Geldbörsen voller, es sei denn,
       ihre Arbeitgeber würden so handeln wie jetzt – ihnen nur den halben Lohn
       zahlen, weil sie Frauen sind.“
       
       Cochrans Argumente überzeugten offenbar, der Chefredakteur des Dispatch
       machte ihr direkt ein Jobangebot. Unter dem Pseudonym Nellie Bly – dass
       Frauen nicht unter ihrem echten Namen Artikel veröffentlichten, war gegen
       Ende des 19. Jahrhunderts üblich – sollte sie zunächst die Seiten für
       sogenannte Frauenthemen füllen.
       
       Doch Cochran alias Bly interessierte sich nicht für Mode oder Prominente.
       Sie wollte zu politischen Themen recherchieren und gesellschaftliche
       Missstände aufdecken. Das tat sie schlussendlich auch, sie ging dafür an
       Orte, an denen Straftaten begangen wurden, wenn nötig unter falscher
       Identität. Heute gilt Nellie Bly als eine Vorreiterin [1][des
       investigativen Journalismus].
       
       1887 ging sie nach New York und fand eine Anstellung bei [2][Joseph
       Pulitzers] Zeitung New York World. Für ihre erste Reportage verbrachte Bly
       zehn Tage undercover in einer Anstalt für angeblich verrückte Frauen auf
       Blackwell’s Island, einer Insel im East River, zwischen Queens und
       Manhattan, die heute Roosevelt Island heißt. Damals kämpften rund 1.600
       Frauen in der für die Öffentlichkeit verschlossenen Einrichtung um ihr
       Überleben.
       
       Bly gab alles dafür, in den Augen der Ärzte als geisteskrank zu gelten –
       mit Erfolg. Als sie schließlich in die Einrichtung auf Blackwell’s Island
       eingeliefert wurde, verhielt sie sich nach eigenen Angaben aber wieder wie
       gewöhnlich. Dass Ärzte und Schwestern sie dennoch bis zu ihrer Entlassung
       durch Joseph Pulitzer und seine Anwälte für krank hielten, erschien ihr
       später bezeichnend: „So merkwürdig es klingt: Je vernünftiger ich redete
       und handelte, für desto verrückter hielt man mich.“
       
       Nellie Bly hatte den Eindruck, dass auch viele der anderen Patientinnen
       nicht krank waren. Mehrere Einwanderinnen lebten dort, die nur nicht
       richtig sprechen konnten, weil sie die englische Sprache noch nicht
       beherrschten. Andere hatten nicht genug Geld und litten an
       Erschöpfungssymptomen.
       
       Zum Essen habe es an vielen Tagen verschimmeltes Brot oder zähe, kalte
       Fleischbrocken gegeben. Stundenlang hätten die Insassinnen reglos auf
       Holzbänken sitzen müssen. Wer widersprach, sei in ein sogenanntes Retreat
       verlegt worden. Frauen sprachen davon, dort gefesselt, geschlagen oder
       unter Wasser gedrückt worden zu sein, schrieb Bly in ihrem Artikel, der in
       zwei Teilen im Oktober 1887 und kurz darauf als Buch mit dem Titel „Ten
       Days in a Mad-House“ erschien.
       
       Nicht nur bei den New Yorker Bürger*innen sorgte der Text für viel
       Empörung, auch die Behörden wurden aktiv. Nur wenige Tage nach der
       Erscheinung sollte eine neu gegründete Kommission die Zustände auf
       Blackwell’s Island kontrollieren. In Folge wurden Einrichtungen
       modernisiert und mehr Geld für Essen und Personal investiert.
       
       Auch in anderen Texten beschäftigte sich Nellie Bly mit Themen wie Armut,
       die sie selbst als Kind und Jugendliche erlebte, Ausbeutung und Migration
       und gab sich dabei manchmal als Arbeiterin oder unverheiratete Mutter aus.
       Mit wachsendem Ruhm verschob sich allerdings ihr journalistischer Fokus.
       1889 schickte Joseph Pulitzer sie auf eine Reise, die sie weltbekannt
       machte. Bly hatte das Ziel, auf den Spuren von Jules Vernes Romanfiguren
       [3][die Welt in weniger als 80 Tagen] zu umrunden. Nach 72 Tagen war sie
       wieder zurück in New York.
       
       7 Feb 2026
       
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