# taz.de -- Proteste in Iran: Verleumdung gegen Herausgabe des Leichnams
> Das iranische Regime setzt Angehörige eines getöteten Demonstranten unter
> Druck, über dessen Todesursache zu lügen. Doch die Familie weigert sich.
(IMG) Bild: Teheran, 6. Januar: Propagandaplakat mit den Konterfeis des verstorbenen Ayatollah Ruhollah Khomeini
Als der Name Amir-Hesam Khodayari in der Nacht zum 1. Januar 2026 in den
sozialen Netzwerken kursierte, dauerte es keine 24 Stunden, bis das
iranische Regime eine eigene Version seines Todes präsentierte. Der
21-Jährige aus Kuhdasht sei [1][kein Demonstrant gewesen], der von
Sicherheitskräften erschossen wurde, hieß es plötzlich, sondern ein
Mitglied der Basidsch-Miliz – getötet von Protestierenden. Staatliche
Medien verbreiteten ein Foto Khodayaris in Militärkleidung, die
Revolutionsgarde erklärte ihn zum „Märtyrer“. Auch in Deutschland machte
diese Meldung Schlagzeilen.
Zeug:innen widersprechen dieser Darstellung entschieden. Nach Recherchen
von Menschenrechtsorganisationen wurde Khodayari während der [2][Proteste
Ende Dezember] durch direkten Beschuss von Sicherheitskräften getötet.
Mehrere Augenzeug:innen identifizieren den Schützen als einen
pensionierten Angehörigen der Revolutionsgarde, der als Zivilbeamter im
Einsatz war. Khodayari habe zuvor an Sprechchören gegen das Regime
teilgenommen.
Seit Khodayaris Tod steht seine Familie unter massivem Druck. Lokale und
nationale Behörden, darunter Kommandeure der Revolutionsgarde, Vertreter
der Provinzregierung und ein Parlamentsabgeordneter, sollen die Angehörigen
wiederholt aufgesucht haben – teils mit Kamerateams. Sie drängten darauf,
öffentlich zu bestätigen, Amir-Hesam sei Mitglied der Basidsch gewesen,
einer paramilitärischen Freiwilligenmiliz, die unter dem Kommando der
Revolutionsgarden steht.
Weil sich die Familie weigert, wurde sein Leichnam bislang nicht
herausgegeben. In einem Video, das sich in den sozialen Netzwerken
verbreitet hat, sagt der Vater vor einer Menschenmenge: „Mein Sohn war kein
Basidsch.“ Die Behörden halten dennoch an ihrer Version fest.
## Bekanntes Muster
Was sich derzeit im westiranischen Kuhdasht abspielt, folgt einem Muster,
das die Islamische Republik seit Jahren anwendet. Bereits während der
[3][Protestbewegung „Frau, Leben, Freiheit“] 2022 wurden Familien getöteter
Protestierender unter Druck gesetzt, alternative Todesursachen zu
bestätigen, die in das Narrativ des Regimes passen. Nach dem Tod der
16-jährigen Nika Shakarami behaupteten Behörden, sie habe Suizid begangen.
Eine Recherche der BBC deckte später auf, dass sie nach einer Kundgebung in
Teheran von Regimekräften verfolgt, misshandelt und getötet worden war.
Ein Angehöriger eines damals getöteten Jugendlichen schildert der taz, was
das konkret bedeutet. Er möchte anonym bleiben. Artin Rahmani war 17 Jahre
alt, als er am 16. November 2022 in Izeh von Sicherheitskräften mit drei
Kugeln erschossen wurde. „Nach der Tötung von Artin wurden wir massiv unter
Druck gesetzt“, sagt der Angehörige. „Uns wurde gesagt, wir müssten den
staatlichen Medien Interviews geben und erklären, es habe sich um einen
'terroristischen Anschlagʼ gehandelt und Artin sei ein 'Märtyrer der
Islamischen Republikʼ in Rahmani gewesen. Andernfalls würden sie uns seinen
Leichnam nicht übergeben.“
Die Behörden hätten Artins Körper faktisch als Geisel gehalten. Ohne
Zustimmung der Familie organisierten sie eine staatliche Zeremonie, über
die regimenahe Medien berichteten. Auch der ehemalige Revolutionsgardenchef
Mohsen Rezaei nahm teil. „Wir lehnten diese Zeremonie vollständig ab“, sagt
der Angehörige. Trotz Drohungen und Einschüchterung habe sich die Familie
geweigert, die offizielle Version zu bestätigen. „Von Beginn an haben wir
klar gesagt: Artin wurde von der Islamischen Republik getötet.“
## Erzwungene „Geständnisse“
Die iranische Menschenrechtsorganisation Hengaw berichtet, dass es sich
nicht um Einzelfälle handelt. Auch bei den aktuellen Protesten, die seit
mehr als einer Woche andauern, mehren sich Hinweise auf systematischen
Druck auf Angehörige. „In zahlreichen Fällen wurden die Familien der
Getöteten unter massivem Druck dazu gezwungen, im staatlichen Fernsehen
Erklärungen abzugeben, die die politischen Aktivitäten ihrer Kinder
delegitimieren sollten“, erklärt Zhila Mostajer, Leiterin von Hengaw, der
taz. „Ziel dieser Inszenierungen ist es, die Verantwortung des Staates zu
verschleiern und den Protest moralisch zu diskreditieren.“
Immer häufiger kommt es jedoch, wie im Fall der Familie Khodayari, zum
Widerstand. „Viele Familien sind inzwischen nicht mehr bereit, selbst im
Austausch für die Herausgabe der Leichname ihrer Kinder, zu schweigen oder
die offizielle Darstellung der Islamischen Republik zu akzeptieren. Sie
verweigern sich den staatlichen Narrativen und bestehen auf Wahrheit und
Aufklärung“, so Mostajer.
Parallel dazu versucht das Regime, die öffentliche Wahrnehmung zu
beeinflussen. Staatsmedien strahlten zuletzt erzwungene „Geständnisse“
junger Festgenommener aus, die erklärten, sie seien vom Ausland bezahlt
worden. Menschenrechtsgruppen dokumentieren seit Jahren, dass solche
Aussagen unter Folter oder massivem Druck entstehen.
Währenddessen gehen die Proteste weiter. Laut der
Menschenrechtsorganisation HRANA wurden bislang rund 2.000 Menschen
festgenommen, mindestens 34 Protestierende getötet, darunter auch
Minderjährige.
7 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Daniela Sepehri
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