# taz.de -- Proteste in Iran: Auf die Straße für fundamentalen Wandel
> In Iran protestieren Menschen weiter gegen Regierung und hohe
> Lebenshaltungskosten. Erstmals seit Langem fordern viele wieder die
> Rückkehr des Schahs.
(IMG) Bild: Nach einem Protest liegen an Neujahr Mülltonnen und brennender Müll auf einer Straße in Hamedan, Iran
[1][Nach acht Tagen Protesten] sind in Iran 3 Tote offiziell bestätigt.
Iranische Medien und NGOs sprechen von mindestens 23 Toten. Dutzende wurden
zudem angeschossen, 582 Personen festgenommen. Aber auch an diesem Sonntag
formieren sich in Teheran immer neue kleine Protestgruppen. Viel
allgegenwärtiger allerdings ist die Präsenz von Sicherheitskräften.
Luftgewehre, Tränengas, Farbgeschosse, Taser, Schlagstöcke – das ganze
Arsenal unterhalb direkten Schusswaffengebrauchs kommt zum Einsatz, ebenso
Massenfestnahmen. Am Samstag erklärte der Polizeichef in einem
Videointerview, man werde Protestführer gezielt festsetzen.
Es ist dasselbe Muster wie bei jeder iranischen Protestwelle. In den ersten
paar Tagen versucht das herrschende Establishment, die Lage unter Kontrolle
zu bringen, ohne die oberste Führungsebene zu involvieren. Wenn die
Proteste eskalieren, tritt Ali Chamenei auf und hält eine Rede, in der er
Sicherheitskräften indirekt die Erlaubnis zu einem härteren Vorgehen
erteilt. Darauf folgen Direktiven hoher Militärkommandanten, in deren
Konsequenz die Repression gewaltsamer wird. Die Zahlen der Toten,
Verletzten und Festgenommenen steigen stark an und es wird praktisch
unmöglich, in großer Zahl friedlich zu demonstrieren.
Am Freitag veröffentlichte US-Präsident Donald Trump eine Botschaft der
Unterstützung des iranischen Volkes, dem er versprach, „zur Rettung zu
kommen“, wenn die Regierung auf sie schießt. Gleichzeitig rief Kronprinz
Reza Pahlavi, Sohn des 1979 gestürzten Schahs von Iran, das iranische Volk
dazu auf, auf die Straße zu gehen und den Kampf nicht aufzugeben.
Es ist nun das erste Mal in einem Jahrzehnt, dass Demonstranten in Iran
geeint einen einzelnen Namen rufen und ausdrücklich eine Alternative zur
Islamischen Republik fordern, nämlich Pahlavi. „Dies ist die letzte
Schlacht, Pahlavi kommt zurück“, riefen sie, oder „Lang lebe der Schah“ und
„Reza Schah, möge deine Seele in Frieden ruhen“.
## Lebensmittel und Medikamente werden unbezahlbar
Ausgelöst wurden die Proteste von der scharfen Abwertung der Landeswährung
und einer in die Höhe schießenden Inflation. Schnell aber fokussierten sich
die Protestparolen auf den Sturz der Islamischen Republik. Die
Protestierenden fordern den Rücktritt von Ali Chamenei und ein Ende seiner
Religionsdiktatur. Seit Jahrzehnten haben die Iraner versucht, das System
an der Wahlurne zu reformieren.
Vor 16 Jahren markierte die „Grüne Bewegung“ die erste große landesweite
Protestbewegung. Sie war still und friedlich, aber wurde brutal
niedergeschlagen. Weitere Proteste, vor allem 2017 und 2019, begannen
ebenfalls friedlich aus ökonomischen Gründen, aber richteten sich dann
gegen das klerikale Regime. [2][Die „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste] von
2022 spiegelten ebenfalls einen Freiheitswunsch wider.
Heute geht es um mehr: das Überleben der Menschen. Viele Iraner haben
weniger zu essen als früher. Ihre Gesundheit, ihre Arbeit und ihre Chancen,
ihren Alltag zu bewältigen, lassen sie an existenzielle Grenzen gestoßen.
Für die Regierung ist das kein Thema. Seit der Aktivierung des
internationalen „Snapback“-Mechanismus im Sommer 2025, der Sanktionen gegen
Iran wieder in Kraft setzt, kann die Islamische Republik praktisch kein Öl
mehr exportieren und damit nicht mehr die Devisen erwirtschaften, die sie
für ihr System regulierter Wechselkurse braucht.
In Teheran verloren die Proteste schnell ihren Schwung, aber Kleinstädte
und Dörfer traten in den Aufstand ein und halten die Flamme am Leben.
## Der Wunsch nach fundamentalem Wandel
Die [3][Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro] durch
die USA schürt nun neue Hoffnung. Der junge politische Gefangene Kiarash in
Teheran, mit dem die taz via Telegram kommunizieren konnte, sagt: „Wenn wir
davon ausgehen, dass ein Dominoeffekt um die Welt geht und am Ende zum
Zusammenbruch der Islamischen Republik führen könnte, dann haben die
Ereignisse in Venezuela zumindest Verzweiflung unter Irans
Repressionsorganen gesät und sie demoralisiert.“
Er fügt hinzu: „Die Intensität der Proteste dürfte jetzt zunehmen, denn die
Inflationsspirale ist chronisch geworden. Selbst wenn der Mindestlohn
angehoben wird, reicht es nicht für die Grundbedürfnisse. Die meisten
Firmen sind pleite. Alltagsgüter wie Speiseöl werden knapp, andere
Lebensmittel wie Fleisch sind faktisch vom Speiseplan gestrichen. Der Staat
ist gescheitert, die Regierung ist bankrott. Zugleich sind die Benzinpreise
eine Falle. Wenn sie niedrig bleiben, geht der Staat weiter pleite. Wenn
sie erhöht werden, steht das Regime vor noch intensiveren Protesten.“
Mahnaz, die eine Bäckerei in Teheran führt, schreibt in einer
Sprachnachricht an die taz: „Am Ende wird die Islamische Republik fallen,
da gibt es keinen Zweifel.“ Sie meint: „Die Repressionsmethoden der
Regierung haben sich nicht verändert. Beim Töten und Unterdrücken kennen
sie keine roten Linien. Davor haben die Leute Angst und sie bezahlen mit
ihrem Leben, so oder so: Entweder sie werden auf der Straße getötet oder
sie werden ärmer und die Islamische Republik zerstört Iran.“
Sie weist darauf hin, dass es diesmal schon seit dem ersten Tag keine
ökonomischen Protestparolen gegeben hat. „Die Leute verlangen fundamentalen
Wandel. In 47 Jahren haben die Menschen verstanden, dass die Islamische
Republik nicht reformierbar ist. Es wird alles nur schlimmer.“
Die Autorin war 2024 Stipendiatin des [4][Auszeit-Programms Rest and
Resilience], das die taz Panter Stiftung jährlich ausrichtet.
4 Jan 2026
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