# taz.de -- Diplomat über Israels Regierung: „Ohne eine glaubwürdige Lösung bleibt Israel isoliert“
> Der israelische Ex-Diplomat Jeremy Issacharoff kritisiert den
> strategielosen Gazakrieg. Und fordert eine realistische Lösung mit den
> Palästinensern.
(IMG) Bild: Menschen gehen in Gaza nach dem Abzug israelischer Truppen durch zerstörte Straßen, Oktober 2025
taz: Herr Issacharoff, über zwei Jahre nach dem Terrorangriff am 7. Oktober
2023, dem Krieg in Gaza und mitten in einer sehr fragilen Waffenruhe ist
Israel international isoliert wie nie zuvor. Als ehemaliger Diplomat: Wie
sehr schmerzt Sie das?
Jeremy Issacharoff: Es beunruhigt mich sehr. Ich habe von 1980 bis 2022 im
Außenministerium in Jerusalem gearbeitet und habe gesehen, wie wir
Beziehungen mit Ägypten und auch mit Jordanien aufgenommen haben, ich denke
an Oslo und die Friedensverhandlungen. Ich erinnere mich an die Zeit von
Rabin, als wir bereit waren, für den Frieden Risiken einzugehen. Damals
haben die Menschen Israel ganz anders gesehen als heute.
taz: Wie konnte es dazu kommen?
Issacharoff: Das war unsere Verantwortung: Selbst die Länder, die uns
unterstützen wollten, wussten irgendwann keine Antwort mehr auf die Frage,
wohin wir mit diesem Krieg eigentlich wollen. Was das „Day-After-Szenario“
ist.
taz: Also Krieg um des Kriegs willen?
Issacharoff: Der Krieg hätte viel früher enden müssen, spätestens aber mit
dem Waffenstillstand Anfang 2025. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die
geopolitische Lage massiv verändert: Israel hatte die Hamas empfindlich
geschlagen, die Hisbollah geschwächt, zwei massive Raketenangriffe Irans
hatten ihr Ziel verfehlt und in Syrien war Assads Regime gefallen. Das wäre
der Moment gewesen, um militärische Gewinne in politische umzuwandeln: Wir
hätten damals den Deal durchziehen und die Geiseln nach Hause holen sollen.
Unsere Position in der Welt wäre nicht perfekt gewesen – aber auch nicht so
schlecht, wie sie es jetzt ist.
taz: Und sehr viele Menschen hätten nicht ihr Leben verloren.
Issacharoff: Da haben Sie unzweifelhaft recht, und das gilt neben
Palästinensern auch für Israelis: Mehrere Geiseln wären noch am Leben,
ebenso viele israelische Soldaten. Was sagt man deren Familien? Dass sie
ihren Sohn oder ihre Tochter verloren haben, weil dieser Krieg weitergehen
musste – aber warum?
taz: Sie sagen, damals hätte man die militärischen Gewinne in Politik
umwandeln müssen. Was meinen Sie?
Issacharoff: Sehen Sie, mit der Hamas wird es niemals Frieden geben. Die
Agenda dieser Terrororganisation schließt die Existenz Israels aus. Die
Hamas hat Israel am 7. Oktober 2023 nicht angegriffen, weil sie eine
Zweistaatenlösung will, im Gegenteil: Sie wollte jede Aussicht auf
israelisch-palästinensische Aussöhnung zerstören. Aber wie geht man damit
um? Der Weg geht über Diplomatie. Und dazu gehört, eine Alternative zur
Hamas möglich zu machen.
taz: Eine Alternative wofür?
Issacharoff: Mit dem 7. Oktober haben die Dinge sich radikal verändert.
Vorher konnte Israel die Frage eines palästinensischen Staats immer weiter
vor sich herschieben. Das geht jetzt nicht mehr: Eine politische Lösung mit
den Palästinensern ist jetzt ein Schlüsselfaktor für Israels Zukunft. Das
Ende des Kriegs ist dafür ein Schlüsselmoment. Zuallererst musste er
natürlich enden, um die Geiseln nach Hause zu bringen und das Töten zu
beenden, auf beiden Seiten. Jetzt geht es darum, politische Stabilität
herzustellen. Erstens mit den Palästinensern selbst, nicht zuletzt, um
einen weiteren 7. Oktober zu verhindern. Aber wir müssen darüber hinaus
schauen.
taz: Inwiefern?
Issacharoff: Wir haben Friedensverträge mit Jordanien und Ägypten. Die
Beziehungen mit beiden Ländern sind für Israels nationale Sicherheit
essenziell, aber sie haben unter zwei Jahren Krieg und dem Fehlen einer
politischen Lösung massiv gelitten. Es geht außerdem darum, die Abraham
Accords zu stabilisieren und auszuweiten, zum Beispiel auch Saudi-Arabien
an den Tisch zu bringen – und den Einfluss von Ländern wie Katar, Iran oder
der Türkei in der Region zu schwächen. Beides ist in der jetzigen Situation
nicht mehr denkbar ohne einen vereinbarten und vor allem glaubwürdigen Weg
hin zu einer Zweistaatenlösung. Niemand kann mit dem Finger schnippen und
es gibt einen palästinensischen Staat. Es wird Zeit brauchen. Aber wir
müssen Stabilität zwischen Israel und den Palästinensern aufbauen.
taz: Wie soll das gehen, nach all dem Leid auf beiden Seiten?
Issacharoff: Es ist schwierig. Der Schrecken des 7. Oktobers wird viele
Israelis für den Rest ihres Lebens begleiten. Menschen haben ihre Söhne
verloren, ihre Töchter, ihre Eltern. Sie werden die Brutalität dieses
Angriffs nicht vergessen. Auch auf der palästinensischen Seite ist viel
Schmerz. Beide Völker sind tief traumatisiert. Und wenn man im Trauma
steckt, dann denkt man nicht, man fühlt. Und trotzdem ist es etwas, das wir
für eine bessere und tragfähige Zukunft überwinden müssen.
taz: Sie halten das also wirklich für realistisch?
Issacharoff: Wenn man mit Israelis heute über eine Zweistaatenlösung
spricht, dann sagen viele: Damit belohnt ihr die Hamas. Was sie nicht
verstehen: Die Hamas bekommt genau das, was sie vom 7. Oktober wollte, wenn
es keine Lösung mit den Palästinensern gibt. Aber auch bei den
Palästinensern muss sich etwas bewegen. Beide Seiten sind desillusioniert
von ihren Führungen und haben gerade kaum Bestrebungen, auf eine Lösung
hinzuarbeiten. Aber es ist nötig, und dafür müssen wir vor allem jene
zivilgesellschaftlichen Kräfte auf beiden Seiten stärken, die das bereits
erkannt haben.
taz: Sollten mehr europäische Länder einen palästinensischen Staat
anerkennen?
Issacharoff: Was würde das nutzen? Frankreich und Großbritannien haben das
getan, aber es hat weder den Krieg beendet noch die Lage der Palästinenser
verbessert. Ich finde, Deutschland hat vieles richtig gemacht. Keine Waffen
zu liefern, die in Gaza eingesetzt werden können, war eine wohlüberlegte
und gezielte Entscheidung, die nicht grundsätzlich die Beziehung beider
Länder geschädigt hat. Es wurden Maßnahmen gegen Israel erwogen, etwa
bezüglich des Eurovision Song Contests oder in wirtschaftlichen und
wissenschaftlichen Bereichen. Diese wären jedoch sehr schädlich, da sie
nicht nur die Regierung treffen, sondern auch die israelische Gesellschaft
insgesamt entfremden würden. Und zwar insbesondere die Liberalen, die man
für eine Lösung braucht. Am Ende stärkt man so die rechten Kräfte im Land
noch.
taz: Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat gerade erst wieder
einen palästinensischen Staat kategorisch abgelehnt.
Issacharoff: Ja, es gibt kaum Aussichten auf Verhandlungen zwischen dieser
Regierung und der Palästinensischen Autonomiebehörde. Um das zu lösen und
um Israel aus der internationalen Isolation zurückzuholen, muss sich
entweder die Politik der israelischen Regierung ändern. Oder die
Zusammensetzung der Regierung muss sich ändern. Parallel muss es auch auf
der palästinensischen Seite eine Veränderung geben.
taz: Wäre es nach der Regierung gegangen, gäbe es bis heute keinen
Waffenstillstand.
Issacharoff: Den Waffenstillstand und den Friedensplan verdanken wir den
Bemühungen von US-Präsident Donald Trump. Das Ziel war richtig. Aber ich
hätte es bevorzugt, [1][den Krieg zu beenden,] wäre eine israelische
Entscheidung gewesen. Die Entschlossenheit, die Geiseln zu befreien, hätte
von Israel kommen sollen. Eine Vision, wie wir mit den Palästinensern
vorankommen, hätte von Israel kommen sollen.
taz: Ein Wunsch, der an einem Benjamin Netanjahu scheitert.
Issacharoff: Ich werde hier kein politisches Statement über Benjamin
Netanjahu abgeben, sondern etwas Grundsätzliches sagen: Ich wünsche mir
einen Premierminister, dessen Entscheidungen die nationale Sicherheit im
Blick haben und nicht seine politischen Interessen. Und ein Premierminister
sollte Entscheidungen nationaler Sicherheit auf Grundlage dessen treffen,
was sein Land braucht, und nicht wegen dem, was andere von ihm wollen. Es
kann vorkommen, dass diese beiden Bedürfnisse sich decken. Aber es sollte
immer und zuvorderst eine israelische Entscheidung sein.
taz: Das Land braucht auch eine Aufarbeitung des 7. Oktobers. Auch da
stellt sich die Regierung quer.
Issacharoff: Wir brauchen eine staatliche Untersuchungskommission. So sieht
es das Gesetz vor, und so verlangt es die Mehrheit der Israelis. Menschen
müssen wissen, warum diese Katastrophe passieren konnte. Dazu gehört auch,
wer dafür verantwortlich ist. Da geht es nicht nur darum, das Militär und
die Geheimdienste zu untersuchen, sondern insbesondere auch die politische
Ebene. Warum konnte Geld über Katar an die Hamas fließen? Warum wurde nicht
verstanden, was die Hamas vorhat, und warum wurde es nicht verhindert? Aber
ich habe keinen Zweifel, dass diese Regierung alles tun wird, um eine
solche Kommission zu verhindern. Denn sie wissen besser als jeder andere,
wer verantwortlich ist.
taz: Sie sind nicht besonders gut auf diese Regierung zu sprechen.
Issacharoff: Ich bin [2][Diplomat] und ich glaube an politische Lösungen.
Ich glaube, auch die Mehrheit der Israelis will eine politische Lösung. Ich
hoffe, nach den Wahlen in diesem Jahr werden wir eine gemäßigtere Regierung
haben. Denn die Krise, in der wir uns befinden, hat bereits vor dem 7.
Oktober begonnen.
taz: Wann?
Issacharoff: Mit dem Angriff auf die Fundamente der israelischen Demokratie
und jener Institutionen, die sie erhalten. Wäre ich noch Botschafter
gewesen, als die Regierung mit ihrer sogennanten Justizreform begonnen hat:
Ich hätte mein Amt niedergelegt.
taz: Ihr Nachfolger in Berlin, Ron Prosor, hat gerade wieder Schlagzeilen
gemacht. Immer wieder teilt er über die offiziellen Kanäle der Botschaft
gegen Journalisten und Engagierte aus, deren Meinung ihm nicht gefällt.
Issacharoff: Ich hätte es als Botschafter nicht gut gefunden, wenn mein
Vorgänger meine Arbeit kommentiert hätte. Ich werde also nur darüber
sprechen, wie ich gearbeitet habe. Als Botschafter hatte ich kein Problem
mit Kritik, die respektvoll und konstruktiv vorgetragen wurde. Und ich habe
es bevorzugt, Meinungsverschiedenheiten hinter verschlossenen Türen zu
diskutieren. Ich hatte das Gefühl, dass sich auf dieser Grundlage die
deutsch-israelischen Beziehungen damals zu einer engen und strategischen
Partnerschaft entwickelt haben, deren Aufrechterhaltung für beide Länder
von entscheidender Bedeutung wäre.
7 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Friedensplan-fuer-Gaza/!6138465
(DIR) [2] /Diplomat-ueber-deutsche-Haltung-zu-Gaza/!6103789
## AUTOREN
(DIR) Dinah Riese
## TAGS
(DIR) Israel
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Gaza
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Waffenruhe
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Trotz Waffenruhe-Abkommen: Israel greift Hisbollah und Hamas in Libanon an
Die Hisbollah soll ihre bewaffneten Verbände aus der Nähe der Grenze zu
Israel abziehen. Kurz vor einem wichtigen Termin greift Israel dort an.
(DIR) Siedlergewalt: Wieder Schüsse im Westjordanland
Am Wochenende gab es in mehreren palästinensischen Dörfern
Auseinandersetzungen zwischen Siedlern und Einwohnern. Teilweise wurde
scharf geschossen.
(DIR) „Friedensplan“ für Gaza: Die Waffen schweigen nicht
Aus Florida verkünden Donald Trump und Benjamin Netanjahu, nun die zweite
Phase des Gaza-Abkommens umsetzen zu wollen. Wie sieht es vor Ort aus?
(DIR) Diplomat über deutsche Gaza-Haltung: „Jetzt müssen Taten folgen“
Der frühere Botschafter Christian Clages fordert von Außenminister
Wadephul, den Druck auf Israel zu erhöhen – und Waffenlieferungen zu
suspendieren.