# taz.de -- Siedlergewalt: Wieder Schüsse im Westjordanland
> Am Wochenende gab es in mehreren palästinensischen Dörfern
> Auseinandersetzungen zwischen Siedlern und Einwohnern. Teilweise wurde
> scharf geschossen.
(IMG) Bild: Palästinenser kehren im Oktober 2025 nach Farkha zurück, nachdem sie von israelischen Soldaten an der Olivenernte gehindert wurden
Schreie in der Nacht, Männer in Steppjacken und Hoodies, die am Straßenrand
stehen oder wegrennen, ein Wagen mit roter Sirene, das grelle, blaue Licht
eines Scheinwerfers. Das alles dokumentieren Videoaufnahmen von der Nacht
von Freitag auf Samstag aus der Ortschaft Farkha, südlich von Nablus im
Westjordanland.
Fest steht, dass in dem palästinensischen Dorf Schüsse gefallen sind.
Israelische Staatsbürger haben sie abgefeuert, das ist ebenfalls klar. Die
Videos können nicht unabhängig überprüft werden, die palästinensische
Nachrichtenagentur Wafa schreibt jedoch, über 50 israelische Siedler hätten
am Abend das Gebiet am nördlichen Rand von Farkha gestürmt. Laut dem
Dorfvorsteher Mustafa Hammad seien die Siedler in das ländliche Gebiet
eingefallen und hätten auf Jugendliche scharf geschossen. Verletzte gab es
keine.
Auf Nachfrage der taz schreibt das israelische Militär, eine
Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern sei ausgebrochen,
bei der Steine geworfen wurden. Dabei habe ein israelischer Zivilist einen
Schuss in die Luft abgegeben, zur Abschreckung. Soldat*innen hätten die
Israelis dann aus der Gegend vertrieben.
Weitere arabische Medien haben über den Vorfall berichtet, etwa das
Nachrichtenportal Middle East Eye. Obwohl es keine direkte, physische
Konfrontation gab, werten die Einwohner*innen den Angriff als
Einschüchterungsversuch, um die israelischen Siedlungen in der Region
auszuweiten. Das 1.800-Seelen-Dorf befindet sich an einem Knotenpunkt
zwischen [1][den Gebieten A, B und C], den verschiedenen Sektoren der von
Israel besetzten Gebiete.
## Neue Siedlung soll nebenan entstehen
Gebiet A des Westjordanlands ist seit den Oslo-Abkommen unter
palästinensischer Kontrolle, im Gebiet B teilen sich die palästinensische
Autonomiebehörde und das israelische Militär die Sicherheitsverwaltung,
Gebiet C steht völlig unter israelischer Kontrolle. Siedlungen sind unter
internationalem Recht illegal, ebenso die israelische Besatzung des
Gebiets.
Farkha ist für sein demokratisches, gendergerechtes Verwaltungsmodell
bekannt. Und für ein innovatives Projekt, um das Dorf unabhängig zu machen,
was Energie, Nahrung und Infrastruktur betrifft. Die Gemeinde stand indes
mehrfach wegen Siedlergewalt in den Schlagzeilen, eine neue Siedlung soll
auf konfisziertem Land nebenan entstehen.
Der Angriff in Farkha war nicht der einzige Zwischenfall mit Feuerwaffen am
Wochenende. In dem Dorf Kisan nahe Bethlehem hat ein israelischer Mann das
Feuer auf einen palästinensischen Teenager eröffnet und ihn am Becken
verletzt. Laut Wafa hatten am Samstag Dutzende Siedler das Dorf gestürmt,
Felder verwüstet, Razzien in Häusern durchgeführt und dabei scharf
geschossen.
## Tägliche Angriffe
Younes Arar, Mediendirektor der palästinensischen Kommission für Widerstand
gegen die Kolonisierung, einem Organ der Palästinensischen
Autonomiebehörde, sagt, die Einwohner*innen hätten sich ohne
Schusswaffen verteidigt und seien unter Beschuss geraten. Tagtäglich
passierten seit dem 7. Oktober Angriffe, man wolle die Menschen aus dem
Dorf vertreiben, jetzt sogar mit Schusswaffen. „Und wenn sich
Palästinenser*innen wehren, werden sie verhaftet“, so Arar. Eine
gesamte Familie wurde am Samstag festgenommen.
Das israelische Militär schrieb hingegen, die Palästinenser hätten
israelische Hirten mit Steinen attackiert, drei Reservist*innen hätten
interveniert und seien ebenfalls mit Steinen beworfen worden, daraufhin
hätten sie das Feuer eröffnet. Zwei Israelis und ein Palästinenser wurden
verletzt.
Im Jahr 2025 sind laut Vereinten Nationen [2][etwa 240
Palästinenser*innen] im Westjordanland von Israelis getötet worden,
die große Mehrheit von Streitkräften. Ein Viertel davon waren noch Kinder.
[3][Fast 1.800 Siedlerangriffe] gab es demnach vergangenes Jahr, eine
deutliche Steigerung im Vergleich zu noch vor drei Jahren. Zehn
palästinensische Gemeinden sind jetzt komplett verwaist, mehr als 1.600
Palästinser*innen wurden durch Siedlergewalt vertrieben.
5 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Serena Bilanceri
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