# taz.de -- Brandkatastrophe von Crans-Montana: Wenn das Stammhirn übernimmt
       
       > Wie verhalten sich Menschen in Gefahrensituationen, wie bei einem
       > Ausbruch von Feuer? Eine persönliche Beobachtung und eine psychologische
       > Erklärung.
       
 (IMG) Bild: Wo lang, wenns’s brennt?
       
       Vor zehn Jahren machte ich zum ersten Mal die Bekanntschaft mit einem
       unkontrollierten Feuer. Ich war bei meinen Eltern zu Besuch und bereitete
       Mittagessen zu. Beim Vorheizen des Ofens übersah ich, dass darin noch ein
       Backblech mit altem Backpapier und ordentlich Öl lag.
       
       Als ich die Ofentür öffnete, blitzte eine kleine Flamme auf, sofort wurde
       sie größer, aus dem Inneren schlugen Flammen gegen die Drehknöpfe des
       Gasherds. „Hilfe!“, schrie ich. „Feuer!“ Und als sich für mein Gefühl im
       Haus nichts schnell genug regte, noch mal: „Es brennt. Schnell!“ Ansonsten
       stand ich nur entsetzt da und beobachtete reglos, was vor mir passierte.
       
       Das brennende Backpapier knüllte sich zu einem kleinen Feuerball zusammen,
       der sich vom Backblech erhob und durch die Küche flog. Und dann verpuffte
       er in null Komma nichts, Asche sank zu Boden. Als meine Eltern in die Küche
       stürzten, war das Feuer weg. Alles hatte sich innerhalb ein paar Sekunden
       abgespielt.
       
       Unnormal war mein Verhalten nicht. Denn wenn wir Menschen mit
       unkontrolliertem Feuer konfrontiert sind, können wir nicht mehr rational
       denken. In einer Gefahrensituation schüttet der Körper die Stresshormone
       Adrenalin und Cortisol aus. Im Gehirn wird die Aktivität des Neokortex, dem
       jüngsten und größten Teil der Großhirnrinde, den wir für logisches Denken,
       Planen, Verhaltensreflexion, soziale Interaktion und komplexe
       Entscheidungsfindung benutzen, heruntergefahren. Das Stammhirn übernimmt,
       ein evolutionäres Stressverhalten zum Zweck des Überlebens: Kämpfen
       (Fight), Fliehen (Flight) oder Erstarren (Freeze). In der Küche war ich im
       Freeze-Modus.
       
       ## Routine für rationales Verhalten
       
       Damit so etwas nicht passiert, gibt es [1][Brandschutztrainings]. Dabei
       geht es darum, Routinen zu erlernen, um unsere instinktiven Impulse
       auszubremsen und so wieder für rationales Verhalten zu sorgen.
       
       In meiner Grundschule wurde deswegen genau geprobt, was im Brandfall zu tun
       ist: in Ruhe aufstehen, alles liegenlassen, die Jacke bleibt über der
       Stuhllehne hängen, ja, auch im Winter, jedes Kind nimmt sein:e
       Sitznachbar:in an die Hand, dann gehen alle in einer ordentlichen Reihe
       zum Klassenzimmer hinaus, rechts den Flur entlang zur Fluchttür, draußen
       sammeln.
       
       Im Erwachsenenalter begegnen einem dagegen nur noch selten Probealarme.
       Vielleicht, weil sie zu sehr als (Arbeits-)Zeitfresser und Kostentreiber
       gesehen werden?
       
       ## Arbeitszeit vor Sicherheit
       
       Dass Arbeitszeit bisweilen vor Sicherheit geht, zeigte sich bei einem
       Feueralarm bei einem früheren Arbeitgeber. Es war kurz vor
       Redaktionsschluss, als das Alarmzeichen ertönte, und es herrschte
       Ratlosigkeit. War das ein unangekündigter Probealarm? Sollten wir
       rausgehen? Oder lieber weiterarbeiten angesichts der Deadline? Letztlich
       verließen die meisten Kolleg:innen das Gebäude, aber nicht alle.
       
       Dieses Verhalten zeigt den Nachteil, den zahlreiche Probealarme zu
       Übungszwecken paradoxerweise nach sich ziehen: [2][Wenn ein Alarm ertönt,
       denkt man zunächst, dass dies eine Probe oder ein Fehlalarm sei] – weil es
       schlicht in den meisten Fällen so ist, man also ihre Irrelevanz gelernt
       hat. Dies wird von dem Psychologen Shlomo Breznitz als
       Heulender-Wolf-Syndrom bezeichnet.
       
       ## Erstmal umschauen
       
       Ein paar Jahre später in einem Berliner Hotel: Es war kurz nach Mitternacht
       und ich im Halbschlaf, als ein Alarm ertönte. War das ein Feueralarm?
       Sollte ich das Zimmer verlassen? Was taten die übrigen Hotelgäste? Ich
       lugte in den Hotelflur.
       
       Dieses Verhalten bezeichnen Psycholog:innen als Bystander-Effekt (zu
       Deutsch: Zuschauereffekt), ein Gruppenphänomen, das in Gefahrensituationen
       häufig auftritt und fatal werden kann. Konkret beschreibt der Effekt:
       Menschen wissen nicht, was sie tun sollen – und ob sie überhaupt etwas tun
       sollen. Daher gucken sie, was die anderen machen. Nur: Die anderen denken
       genauso und warten erst mal ab. Die Konsequenz: Niemand tut etwas.
       
       All meine Begegnungen mit dem Feuer haben gemeinsam, dass letztendlich
       nichts Ernstes passiert ist. Doch wenn zufällig oder fahrlässig mehrere
       Umstände zusammenkommen, sind [3][schlimme Katastrophen] wie [4][an
       Silvester im schweizerischen Crans-Montana] die Folge. Bilder zeigen, dass
       viele der Feiernden die Gefahr wohl nicht sofort erkannt haben. Wir
       Menschen sind der Welt nicht so überlegen, wie wir gerne denken. Schon gar
       nicht, wenn es plötzlich brennt.
       
       5 Jan 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eva Fischer
       
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