# taz.de -- Biopsychologe über Crans-Montana: „Es liegt nahe, zu spät zu reagieren“
> Beim Brand in Crans-Montana filmen einige die Katastrophe, andere fliehen
> sofort. Peter Walschburger ist Biopsychologe und erklärt die Reaktionen.
(IMG) Bild: In der Bar Le Constellation in Crans-Montana ereignete sich in der Silvesternacht ein verheerender Brand
taz: Im Schweizer Skiort Crans-Montana sind bei einem [1][Brand in einer
Bar an Silvester] 40 Menschen gestorben. Im Internet finden sich zahlreiche
Videos davon, wie Wunderkerzen die Decke in Brand setzten. Sie zeigen auch,
dass mindestens eine Person direkt versuchte, den Brand zu löschen, während
andere weiter tanzten. Warum reagieren einzelne Menschen in
Gefahrensituationen geistesgegenwärtig und andere nicht?
Peter Walschburger: Menschen reagieren unter Gefahr normalerweise mit einer
von drei Verhaltensweisen: Entweder sie bewegen sich von der Gefahr weg,
auf sie zu, oder sie erstarren.
taz: Fight, flight or freeze.
Walschburger: Bei massiver Bedrohung ist das so. Nun kann man davon
ausgehen, dass viele in der Bar nicht wussten, dass die Situation
hochgefährlich sein würde. Das Hirn analysiert die Lage zunächst in weniger
als einer Sekunde. Dabei handelt es sich aber um eine ganz grobe,
schematische Bewertung. In diesem Moment kann erst einmal eine Faszination
einsetzen, ein Staunen, bevor dann der Schrecken kommt, mit einer der drei
typischen Reaktionen.
Solche, die vielleicht verkopfter oder intellektueller sind, wechseln meist
schneller vom ersten Erschrecken zu einem reflektierten Modus. Der ist für
normale Entscheidungen gut. Aber bei akuter Gefahr hindert die Reflexion
sie womöglich daran, rechtzeitig zu reagieren, weil sie herumüberlegen,
anstatt auf ihre Instinkte zu hören und sich einfach ganz schnell
rauszubewegen.
taz: Man sieht auf den Videos, dass einige Barbesucher im ersten Moment
ihre Smartphones in die Höhe halten und filmen, anstatt die Bar zu
verlassen. Warum, denken Sie, war das bei vielen die erste Reaktion?
Walschburger: Auch das passiert erst einmal intuitiv, gewohnheitsmäßige
Handynutzer denken nicht lange darüber nach. Auf Aufregendes reagieren sie
gern mit dem Griff zum Handy. Das ist weit verbreitet in der jungen
Generation mit vielen [2][Digital Natives]. In meinem Alter ist das nicht
so. Das liegt an den anderen Gewohnheiten. Vor allem Social-Media-User
wollen sich dann vielleicht auch wichtig machen, indem sie teilen, was sie
vielleicht für eine Sensation halten, oder das Geschehene ihren Freunden
zeigen.
taz: Auch als die Flammen schon meterhoch sind, filmen noch einige.
Überschreibt der Wunsch, ein solches Ereignis festzuhalten, den Instinkt,
sich vor einer Gefahr in Sicherheit zu bringen?
Walschburger: Das ist gut möglich. Aber danach setzt sich doch ein
instinktnahes Verhalten durch. Eine Reaktion mit starken, angeborenen
Komponenten, aktiviert von speziellen Strukturen, die etwas tiefer im
Gehirn liegen. Diese Strukturen bewerten, ob eine Situation harmlos ist
oder gefährlich. Aber dieses grobe Auswerten ist sehr fehleranfällig, weil
es ja ganz schnell gehen muss. Es ist ein gemischter emotionaler Prozess
der Faszination, gefolgt vom Schrecken und der Reaktion: weglaufen.
Ob man im ersten Moment in Staunen oder Schrecken verfällt, ist auch stark
persönlichkeitsabhängig. Besonders junge Männer tendieren zum Staunen. Ich
vermute, dass Frauen schneller rauslaufen.
taz: Warum?
Walschburger: Evolutionsbiologisch gesehen sind Frauen – als Gruppe gesehen
– eher besorgt und ängstlich. Weil sie für die Fortpflanzung größere
Investitionen tätigen als Männer, sind sie traditionell mehr mit ihren
Babys verbunden, verhalten sich auch fürsorglicher, aufmerksamer und mehr
bedacht auf den Schutz des Lebens.
Deswegen würde ich erwarten, dass in der Wahrnehmung von Frauen Situationen
wie diese in der Bar schneller kippen. Die Realisierung, dass Gefahr
besteht, setzt schneller ein. Aber natürlich habe ich für diesen konkreten
Fall keinerlei Daten. Und man darf auch nicht zu sehr verallgemeinern.
taz: Spielt das Alter eine Rolle im Umgang mit akuten Gefahren?
Walschburger: Die Opfer hier waren sehr jung. Teils zwischen 14 und 21
Jahren. Das ist eine Entwicklungsphase, in der sich Menschen auf dem
Höhepunkt ihrer Unternehmungslust befinden. Das bedeutet, sie tolerieren
größere Risiken ohne größere Angst. Im Laufe des Lebens geht die
Unternehmungslust zurück, weil mehr negative Erfahrungen mit Risiko gemacht
wurden. Man wird zurückhaltender, die Faszination des Schrecklichen lässt
nach.
Aber ich will die Jugend hier keinesfalls anklagen. Es ist alles sehr
verständlich, wie es da abgelaufen ist. Sie waren alle praktisch arglos,
wie groß die Gefahr tatsächlich war. Denn nach derzeitigem Stand sieht es
ja so aus, als [3][hätte ein Flashover stattgefunden]. Da entwickeln sich
in wenigen Sekunden riesige Temperaturen von bis zu tausend Grad, und
alles, was brennbar ist, brennt. Hinzu kommt, dass jemand, der eine Skibar
besucht, grundsätzlich davon ausgeht, sich dort in einem sicheren Kontext
zu befinden.
taz: Wie sieht denn eine richtige Reaktion aus?
Walschburger: Eigentlich ist die Intuition, ohne großes Nachdenken zu
fliehen, richtig.
taz: Hier scheint sie zu spät eingesetzt zu haben.
Walschburger: Leider ist es naheliegend, auf einen Flashover zu spät zu
reagieren, weil so eine Situation in der freien Natur ja nur ganz selten
vorkommt.
taz: Hätten ältere Menschen vielleicht anders reagiert?
Walschburger: Sie hätten vielleicht schneller vom Staunen zum Schrecken
umgeschaltet und wären geflohen, aber ob es ihnen etwas gebracht hätte,
weiß ich nicht. Ob sich Ältere besser gerettet hätten, ist völlig offen.
Vor allem, weil es so schnell ging.
Und natürlich muss man auch zwischen alkoholisierten und nicht
alkoholisierten Personen in der Reaktion unterscheiden. Alkohol nimmt die
Angst, man ist längere Zeit fasziniert und schaltet so weniger schnell um,
um zu reagieren.
taz: Woher kommt das Staunen, die Faszination für die Katastrophe? Ich
denke da auch an Menschen, die bei Unfällen auf der Autobahn nicht
wegschauen können.
Walschburger: Das hat mit Sicherheit auch eine evolutionäre Komponente.
Menschen haben eine höhere Überlebenschance, wenn sie auf Gefahren im
Umfeld, die sie selbst berühren könnten, höchst aufmerksam reagieren.
Aber das kann unter unseren modernen Lebensbedingungen zu sehr negativen
Verhaltensweisen führen. Wenn zum Beispiel [4][Unfallopfer gefilmt] und
Retter behindert oder sogar attackiert werden.
7 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Brand-in-Crans-Montana/!6142714
(DIR) [2] /Digital-Natives/!t5286200
(DIR) [3] /Brandkatastrophe-in-Crans-Montana/!6142186
(DIR) [4] https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/schaulustige-gaffer-100.html
## AUTOREN
(DIR) Alice von Lenthe
## TAGS
(DIR) Crans-Montana
(DIR) Feuer
(DIR) Schweiz
(DIR) Psychologie
(DIR) Social Media
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Crans-Montana
(DIR) Schweiz
(DIR) Schweiz
(DIR) Schweiz
(DIR) Crans-Montana
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Schweizer Selbstbild: Wenn das Sterben nahe kommt
Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana stellen sich viele Fragen. Klar
ist, dass wir ein System brauchen, dass auf Liebe fußt statt auf Geld.
(DIR) Brandkatastrophe in Crans-Montana: Barbetreiber nach Verhör in U-Haft
In der Schweiz nehmen rund 1.000 Personen an der offiziellen Trauerfeier
teil, die aus Platz- und Wettergründen an einem anderen Ort stattfand.
(DIR) Brandkatastrophe von Crans-Montana: Wenn das Stammhirn übernimmt
Wie verhalten sich Menschen in Gefahrensituationen, wie bei einem Ausbruch
von Feuer? Eine persönliche Beobachtung und eine psychologische Erklärung.
(DIR) Brand in Crans-Montana: Zahlreiche Opfer waren Jugendliche
Mehrere Überlebende der Brandkatastrophe in der Silvesternacht kämpfen
weiter um ihr Leben. Die Schweiz plant einen nationalen Trauertag.
(DIR) Nach Katastrophe in Crans-Montana: 50 Schwerverletzte müssen ins Ausland
Mehr als 70 Prozent verbrannte Haut und schwere Lungenschäden: Viele junge
Opfer des Infernos in der Schweiz werden nun im Ausland behandelt.