# taz.de -- Nach dem Brand in Crans-Montana: Die dröhnende Stille
> Die meisten der Brandopfer aus der Silvesternacht waren noch sehr jung.
> Zwei Wochen danach wird die Frage nach den Verantwortlichen immer lauter.
(IMG) Bild: Passant:innen in Crans-Montana einen Tag vor der Trauerfeier, im Hintergrund die Bar Le Constellation
Ein junger Mann, vielleicht 16 oder 17 Jahre alt, steht ohne Jacke im
Schneegestöber. Er trägt eine Trainingshose, einen angesagten Hoodie,
Sneaker, alles in Schwarz. Vor der Brust hält er einen Strauß roter Rosen.
Der Junge wird nass und nasser, je länger die Trauerfeier auf dem großen
Bildschirm dauert: Am vergangenen Freitag hat die Schweizer Regierung einen
Trauertag für die Opfer von Crans-Montana ausgerufen, für jene 156
Menschen, die in der Silvesternacht bei einem Brand in einer Bar in dem
Skiort starben oder schwer verletzt wurden.
Die Feier findet unterhalb des Dorfs im Tal statt, Frankreichs
Staatspräsident Emmanuel Macron und Italiens Staatspräsident Sergio
Mattarella nehmen teil. In Crans-Montana selbst gibt es zwei Public
Viewings. Im Kongresszentrum war nicht genügend Platz, deshalb stehen noch
zwei große Bildschirme auf dem Platz vor der Kirche.
Dort steht der Junge nun im Schneegestöber, und er steht da und rührt sich
nicht. Nicht, als die Menschen um ihn herum das Gewicht von einem Bein aufs
andere zu verlagern beginnen, um die Kälte etwas aus den Muskeln zu
vertreiben. Nicht, als gegen Ende der Feier fast alle seine Freunde schon
gegangen sind. Erst als ihn sein letzter noch verbleibender Begleiter
mehrfach am Arm zupft und auf dem Bildschirm die meisten
Regierungsabgesandten ihre weiße Rose schon niedergelegt haben, lässt er
sich schließlich mit von dannen ziehen.
Funkenflug, wohl von Feuerwerk, hatte Schallisolierung aus Schaumstoff in
Brand gesetzt. So haben es die Ermittlungsbehörden bisher rekonstruiert.
Innerhalb kürzester Zeit brannte die Bar Le Constellation lichterloh. 40
junge Menschen starben, und 116 sind zum Teil schwer verletzt. Am Montag
wurde bekannt, dass [1][für den französischen Besitzer der Bar
Untersuchungshaft angeordnet wurde]. Die leitende Staatsanwältin begründete
das mit Fluchtgefahr wegen seines französischen Passes.
Seit Silvester befindet sich die Schweiz unversehens in Aufruhr. Bei der
Trauerfeier am Freitag stehen die Menschen trotz Minusgraden und Schneefall
in Crans-Montana vom Kirchplatz bis auf die angrenzende Straße. Es gibt
zwei Gruppen, die auffällig stark vertreten sind: junge Menschen und wir
Journalist:innen.
Der Silvesterbrand von Crans-Montana ist für die Schweiz ein Unglück von
gigantischem Ausmaß. Es ist viele Jahre her, dass auf einen Schlag an einem
Ort so viele Menschen starben. Aber was die Schweiz in diesem Land
vielleicht gerade kollektiv lernt, ist, dass sich Schrecken auch nicht nur
in der Anzahl von Toten messen lässt.
## Laxe Ausweiskontrollen
Schrecken ist, wer diese Opfer sind: In Crans-Montana waren es vor allem
Teenager, die Hälfte der Toten war noch minderjährig. Die Bar war offenbar
für laxe Ausweiskontrollen bekannt.
Schrecken ist der Umstand, dass aktuell niemand weiß, wie viele noch
dazukommen werden. Von den 116 Verletzten sind viele weiterhin in
kritischem Zustand. Sie haben teils schwerste Verbrennungen am ganzen
Körper. Allein die Niederlande haben 9,3 Quadratmeter Spenderhaut
geliefert.
Der Schrecken sitzt auch in der Überforderung: Die Versorgung dieser
Verletzten ist ein logistisches Problem, dem die Schweiz nicht gewachsen
ist. Das Land hat nur einen Bruchteil der aktuell nötigen Kapazität zur
Behandlung von schweren Verbrennungsopfern. Die Betroffenen wurden auf
Spitäler in ganz Europa verteilt. Die Schweiz ist auf das Entgegenkommen
all dieser Länder angewiesen, komplizierte Fälle unkompliziert zu
übernehmen. Denn bisher hat sie es unterlassen, dem Europäischen
Katastrophenschutzverfahren beizutreten, der solche Kooperationen anderswo
geregelt und institutionalisiert hat. Ein Beitritt war zwar geplant, wurde
aber erst im November nochmals verschoben.
Während die Kamerateams auf die Menschen auf dem Kirchplatz in
Crans-Montana blicken, blickt Manon auf die Kamerateams. Der
Tourismusverband hat ganz hinten ein kleines Zelt aufgebaut, hier steht die
junge Frau in einem bunten Skianzug, die braunen Haare lugen unter ihrer
Mütze hervor. Während der Feier gehört sie zu den ehrenamtlichen
Helfer:innen, die heißen Tee ausschenken. Sie sagt, sie sei froh,
wenigstens irgendetwas tun zu können. Seit dem Brand sei es, abgesehen von
den vielen Journalist:innen, still geworden im Ort.
Inzwischen wird mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen, dass nicht nur
das leicht entflammbare Dämmmaterial ein Problem war, sondern dass es
darüber hinaus weitere gravierende Brandschutzmängel gab. Im Raum steht
auch eine Mitschuld der Behörden: Auf einer Pressekonferenz bestätigte der
Gemeindepräsident von Crans-Montana, dass das Lokal Le Constellation
zuletzt vor sechs Jahren einer Brandschutzkontrolle unterzogen wurde.
Eigentlich wären jährliche Kontrollen vorgeschrieben. Der Kanton Wallis, in
dem Crans-Montana liegt, ist einer von wenigen, in dem der Gemeinde die
Verantwortung für diese Kontrollen obliegt.
## Politische Konsequenzen
Neben strafrechtlichen Folgen dürfte die Brandkatastrophe auch politische
Konsequenzen haben. Die nationale Brandschutzgesetzgebung wird gerade
überarbeitet, die neuen Regeln hätten eigentlich Lockerungen vorgesehen.
[2][Es sollte mehr auf „Eigenverantwortung“ gesetzt werden], jenem Wort,
das die Schweiz sehr liebt und in dem aber immer auch ein wenig Arroganz
mitschwingt. Die Revision wurde nun auf Eis gelegt; es ist
unwahrscheinlich, dass die Brandschutzvorgaben nun so liberalisiert werden
wie eigentlich vorgesehen.
Für die Zeit zwischen dem 1. und 10. Januar liefert die Schweizerische
Mediendatenbank für den Suchbegriff „Crans-Montana“ über 18.000 Treffer.
Die Kolleg:innen haben sprichwörtlich jeden Berichtswinkel
ausgeleuchtet, jede einigermaßen relevante Person porträtiert. Es wurden
Menschen interviewt, die in der Vergangenheit schwere Verbrennungen
erlitten haben. Angehörige, Anwält:innen und Trauerexpert:innen
wurden befragt. Das Wesen des Kantons Wallis war Gegenstand von
psychologisierenden Analysen. Man konnte sich 3D-Rekonstruktionen der
Innenräume von Le Constellation anschauen und erfahren, wie wichtig Haut
für den Körper ist.
Man lernte, [3][dass ein „Flashover“ entsteht, wenn alle leicht
entzündlichen Materialien in einem Raum wegen der Hitze und wegen Gasen
quasi gleichzeitig in Flammen aufgehen]. Die wichtigste Politsendung des
Landes widmete Crans-Montana eine Sendung, in der die Spitzen der Parteien
des Landes diskutierten. Der Chefarzt eines Spitals beklagte, dass ein
Journalist versucht habe, zu einem Patienten vorzudringen. Mittlerweile hat
der Schweizer Presserat interveniert und dazu aufgerufen, rücksichtsvoll zu
berichten.
Schon Stunden vor der eigentlichen Feier suchen wir Journalist:innen
Crans-Montana nach den wichtigsten Schauplätzen ab, um uns dort an diesem
Balanceakt zu versuchen. Einer installiert sich vor dem Kongresszentrum und
fragt, wie man denn bei diesem Schnee und Nebel bitte ein brauchbares Bild
bekommen soll. Die Akkreditierungsliste, die vor der Kontrolle am
Medieneinlass liegt, ist fast endlos. Mehrere Kamerateams bitten mich um
Statements, die meisten lassen ab, wenn ich sage, ich sei auch
Journalistin. Eine Kollegin eines deutschen Fernsehsenders zögert, als sie
meinen Schweizer Akzent hört. Vielleicht kann man mich ja trotzdem
befragen, solange ich quasi von hier bin?
Crans-Montana, dieser aus vier Dörfern bestehende Skiort, schien ein paar
Tage lang fast ausschließlich in Artikeln und Sondersendungen zu
existieren. Die Trauer der Menschen dort, die Schicksale, sie erschienen
seltsam unwirklich, all der emotionalen Berichterstattung zum Trotz.
Crans-Montana war nicht mehr ein Ort in den Walliser Bergen, sondern
existierte vor allem als Nachrichtenphänomen in den großen Medienhäusern.
Nach der Silvesternacht traf ich einen Freund zum Abendessen, er hatte
Augenringe, ich fragte, wie es ihm gehe. Nicht so gut, sagte er, er sei am
Abend der Katastrophe dort gewesen. Er kannte drei der Toten, sie standen
ihm nicht nahe. Er entschuldigte sich fast für seine Traurigkeit. Da spürte
ich plötzlich wieder, dass Crans-Montana tatsächlich existiert und
Menschen, die ich mag, wegen des Brandes nicht mehr schlafen, und Menschen,
die andere mochten, tot sind oder im Koma liegen.
## Wem gibt man die Schuld?
Natürlich wird jetzt diskutiert, wer die Verantwortung trägt. Wem man die
Schuld geben kann an der kollektiv empfundenen Trauer. An der
Bushaltestelle, die zwischen den Ortsteilen liegt, verstecken sich kurz vor
der Feier zwei Männer vor dem garstigen Wetter und versuchen sich darin zu
bestärken, dass jemand für den Brand geradestehen wird. Aber damit halten
sie sich nur kurz auf. „Alles ist heute sehr schlecht“, sagt der eine, „vor
allem für die jungen Leute.“ Der andere Mann pflichtet ihm bei, ja, die
jungen Leute, man dürfe sich das kaum vorstellen.
Von der Bushaltestelle, an der sie sitzen, führt eine Straße runter ins
Dorf. Die Läden und Restaurants sind verriegelt, auch jene der Luxusmarken,
die hier Filialen haben. Selbst die Supermarktkette schließt an diesem
Freitag für zwei Stunden mitten am Nachmittag, das entsprechende Infoschild
klebt unter der grellen Tafel, die dafür wirbt, dass man hier eigentlich an
7 von 7 Tagen einkaufen kann. Auch einer der wenigen Läden, die geöffnet
haben, bekundet Anteilnahme und hat auf einer Schiefertafel vor der Tür
statt Produktwerbung folgende Weisheit platziert: „Si la vie est limitée,
l’amour est infini“, auf Deutsch etwa: Während das Leben begrenzt ist, ist
die Liebe unendlich.
Nur der Wintertourismus, von dem dieser Ort lebt, geht auf Sparflamme
weiter. Der Übungslift summt für eine einzige Benutzerin. Eine Gruppe
Kinder in Skianzügen rennt, Schneebälle werfend, in Richtung des
Kongresszentrums. Ein Ball saust nah am Kopf eines älteren Mannes vorbei,
der denselben Weg weinend geht. Der Mann und die Kinder scheinen sich
gegenseitig nicht zu bemerken. Auf der anderen Seite des Kongresszentrums
wird einer Frau im Miet-SUV freundlich klargemacht, dass die Straße
gesperrt ist.
Auf dem Kirchplatz in der Dorfmitte finden sich die Menschen überpünktlich
ein. Offensichtlich weiß niemand so genau, was die richtige Etikette für
ein Trauerfeier-Public-Viewing sein könnte, aber zu spät kommen sollte man
sicher nicht. Kaum jemand spricht, kaum jemand schlürft vom heißen Tee, den
die Helferin Manon ausgibt, kaum jemand tippt auf seinem Telefon. Alle
stehen nur da und starren schon während des Vorgeplänkels gebannt auf die
Bildschirme. Ungefähr eine Stunde wird diese fast komplette Stille halten,
dann wird es so kalt, dass erste Besucher:innen herumzuhampeln beginnen
oder doch noch am Tee nippen.
Als die Feier vorbei ist und die letzten Gruppen aus Richtung des
Kongresszentrums kommen, eilt ein Mann mit Blumenstrauß aus der anderen
Richtung herbei. Er sei in Martigny gewesen, unten im Tal, um an der
Trauerfeier teilzunehmen. Er hatte nicht mitbekommen, dass dort nur
geladene Gäste willkommen waren. Er sei abgewiesen worden und habe sich
stattdessen auf den Weg nach Crans-Montana gemacht. Für die Feier sei er ja
zu spät, sagt er, es tue ihm schrecklich leid. Aber seine Blumen wolle er
trotzdem noch niederlegen.
## Die Stille hat eine Schwere
Das Verstörendste dieser Tage in Crans-Montana sind wohl die Halbwüchsigen,
die in Grüppchen durchs Dorf ziehen. Teenagergruppen sind für gewöhnlich
nicht für ihre Stille bekannt. Ihre Stille gibt der Ruhe im Ort eine
Schwere. Die Jugendlichen stehen in kleinen Grüppchen im Kreis vor einem
Meer an Kerzen und Blumen – manche sind schon dabei zu verdorren – die von
einer weißen, etwa mannshohen Plastikkuppel vor dem Wetter geschützt
werden.
Viele der Jugendlichen legen die mitgebrachten Blumen nicht gleich dort ab,
sondern tragen sie den ganzen Tag mit sich herum. Manche geben vor einer
der Kameras oder in ein Notizbuch Auskunft, viele schütteln müde den Kopf,
wenn sie gefragt werden. Einer wirft genervt die Hände in die Luft, als er
zum dritten Mal innerhalb kürzester Zeit von einer Person mit Mikrofon
angesprochen wird, bleibt aber stumm.
Ich stehe daneben und schaffe es nicht, die Jugendlichen anzusprechen,
obwohl das eigentlich auch mein Auftrag wäre, als Reporterin. Aber ich
verstehe ihn, der die Hände in die Luft wirft: Ist das hier wirklich noch
von der Berichtspflicht, vom öffentlichen Interesse gedeckt?
Ich beschließe, die Jugendlichen nicht in ihrer Trauer zu stören. Offenbar
sehe ich so verloren aus, dass mich schließlich eine ältere, elegante Frau
namens Heidi anspricht und sagt, sie glaube nicht, dass sich dieser dumpfe
Schleier so bald wieder vom Dorf heben werde. Diese Stille sei ein
seltsamer Kontrast zum Lärm der Rettungshelikopter, der sie und ihren Mann
in der Neujahrsnacht aus dem Schlaf gerissen habe.
Der junge Mann im schwarzen Hoodie, der während der Feier so ruhig im
Schneegestöber gestanden hat, kommt später auf dem Weg vom Kirchplatz an
einer Gruppe Teenager-Frauen vorbei. Der Körper einer jungen Frau bebt
unkontrolliert. Der junge Mann bleibt kurz vor ihnen stehen, und für einen
Moment sieht es aus, als wolle er die Rosen gleich hier, vor diesen etwa
Gleichaltrigen, niederlegen. Dann geht er weiter und verschwindet zwischen
den Häuserzeilen von Crans-Montana.
14 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Xenia Klaus
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