# taz.de -- Russlands Überfall auf die Ukraine: 20 Tote pro erobertem Quadratkilometer
> Russlands Verluste und Kosten im Ukrainekrieg sind kolossal. Erstmals
> räumt nun der Verteidigungsminister die direkten Kriegskosten ein.
(IMG) Bild: Patrouille in Donezk. Das Foto wurde auf einer vom russischen Verteidigungsministerium organisierten Reise aufgenommen
Zwei Tage vor Neujahr nahm [1][Russlands Herrscher Wladimir Putin] im Kreml
die Erfolgsmeldungen seiner Generäle entgegen: 6.640 Quadratkilometer
Territorium und 334 Ortschaften hätten seine Truppen innerhalb eines Jahres
eingenommen, teilten die Epaulettenträger mit. Nur: Diese Zahlen sind, wie
auch die von russischen Kommandeuren behauptete Einnahme stark umkämpfter
ukrainischer Städte, nicht wahr.
2025 waren die Verluste für den Kreml so hoch wie nie [2][seit Beginn der
Vollinvasion] am 24. Februar 2022: Da statt Panzern jetzt Soldaten zu Fuß
eingesetzt werden, und dies unter gegenseitiger intensiver Beobachtung
durch Drohnen, ist der Blutzoll ungleich höher. Mindestens 100.000
russische Soldaten wurden im vergangenen Jahr getötet, wie von dem
oppositionellen russischen Portal Mediazona ermittelt wurde. Sie werteten
Todesanzeigen und Daten von Nachlassgerichten aus.
Die makabre Berechnung ergibt demnach mindestens 20 getötete russische
Soldaten pro erobertem Quadratkilometer ukrainischen Landes. Denn die
renommierten Analysten von Deep State, die täglich genaue Karten mit dem
Kriegsverlauf publizieren, haben detailliert das russische Vordringen
dokumentiert. Demnach sind die russischen Streitkräfte auf 4.810
Quadratkilometer vorgerückt im vorigen Jahr, inklusive der knapp 500
Quadratkilometer betragenden Rückeroberung der von der [3][Ukraine] zuvor
eingenommenen russischen Gebiete um Kursk.
Und der vom Kreml immer wieder, [4][vor allem bei den laufenden Gesprächen
über eine Waffenruhe betonte] angeblich erdrückende Vormarsch ist klein im
Vergleich: Nach dem Überfall 2022 hatten russische Soldaten bis zur
ukrainischen Gegenoffensive fast 62.000 Quadratkilometer erobert.
## Die Kosten des Krieges sind für den Kreml kolossal
Der Kreml kontrolliert nach wie vor nur eine der vier ukrainischen
Regionen, die im Oktober 2022 als Subjekte der Russischen Föderation in die
russische Verfassung aufgenommen wurden, nämlich 99,6 Prozent von Luhansk.
Die Oblaste Donezk, Saporischschja und Cherson sind weiter zu einem
erheblichen Anteil unter ukrainischer Kontrolle.
Die menschlichen und fiskalischen Kosten des Krieges sind für den Kreml
kolossal. Die Gesamtzahl der seit Februar 2022 getöteten Menschen wird auf
190.000 bis 480.000 geschätzt. Laut der russischen
Vizeverteidigungsministerin Anna Ziwiljowa haben 48.000 russische Soldaten
zudem den Status „vermisst“.
Auch das dürfte stark untertrieben sein: Vertreter des ukrainischen
Projekts „Ich möchte finden“ gaben bekannt, dass sich seit Anfang 2024 mehr
als 152.200 Angehörige vermisster russischer Soldaten an sie gewandt haben.
Wöchentlich kämen 2.000 Anfragen hinzu. Nur 2 Prozent der Gesuchten würden
lebend als Kriegsgefangene gefunden.
Russland zahlt nur an die Angehörigen der als „Grus 200“ zurückgebrachten
Leichen die versprochen hohen Prämien. Als „Grus 200“ werden getötete
Soldaten im Moskauer Militärjargon bezeichnet, übersetzt „Fracht 200“.
Umgerechnet 170.000 Euro hatte Putin 2022 den Hinterbliebenen Gefallener
versprochen. Unklar ist, wie viel tatsächlich noch gezahlt wird. Inzwischen
würden immer mehr vermutlich gefallene Militärangehörige als „vermisst“
registriert, berichten russische Menschenrechtsorganisationen.
## Jede Anwerbung kostet im Durchschnitt 24.000 Euro
Denn allein die Rekrutierung neuer Soldaten kostet den Kreml laut den
Anwerbungsbüros für Rekruten umgerechnet 24.000 Euro. Pro Monat werden
30.000 bis 35.000 Männer angeworben.
Klarer werden indes erstmals die wahren Kosten des Krieges:
Verteidigungsminister Andrej Belousow räumte Mitte Dezember ein, dass die
Kosten, die „in direktem Zusammenhang mit der speziellen Militäroperation
stehen“, 5,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betrügen, das sind 11,1
Billionen Rubel, umgerechnet 120 Milliarden Euro. Das gesamte Militärbudget
betrüge 172,4 Milliarden Euro.
Das oppositionelle russische Internetmagazin The Insider hat noch eine
makabre Rechnung: „Allein in der Region Donezk bleiben noch etwa 6.000
Quadratkilometer unter der Kontrolle ukrainischer Truppen. Geht es voran
wie 2025, würde ihre Eroberung etwa 1,5 Jahre und 120.000 Soldatenleben
kosten.“
12 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Mathias Brüggmann
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