# taz.de -- Opposition in Russland: Bis zu zwölf Jahre Gefängnis
       
       > Ein Gericht in St. Petersburg verurteilt sechs Aktivist*innen wegen
       > Terrorismus und Extremismus. Sie hatten den Ukrainekrieg kritisiert.
       
 (IMG) Bild: Polizeibeamte nehmen einen Demonstranten während einer Antikriegs-Kundgebung 2022 in Saint Petersburg fest
       
       Haftstrafen zwischen sechs und zwölf Jahren: So lautet ein Urteil des St.
       Petersburger Stadtgerichts gegen sechs junge Leute, das am Mittwoch
       ergangen ist. Die Verurteilten haben alle eins gemeinsam: [1][Sie hatten
       sich gegen Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgesprochen].
       
       Mit diesen harten Urteilen gegen vermeintliche Mitglieder der Bewegung
       Vesna (Frühling) geht einer der aufsehenerregendsten politischen Prozesse
       der vergangenen Kriegsjahre zu Ende. Er hatte sich seit Sommer 2024 in die
       Länge gezogen.
       
       Fast hundert im Zuge der Ermittlungen als Beweislast zusammengestellte
       dicke Ordner sollen die Schuld der Angeklagten im Alter zwischen 24 und 30
       dokumentieren. Würde der vorliegende Text in einem russischen Medium
       erscheinen, wäre er gespickt mit Sternchen und Erklärungen zur Markierung
       und korrekten Einordnung der genannten Zusammenhänge und Personen aus
       staatlicher Sicht.
       
       Denn Vesna ist als [2][ausländischer Agent] und extremistische Organisation
       gelistet, die Namen von fünf der sechs nun frisch Verurteilten finden sich
       in einer „Terrorismus- und Extremismusliste“. Wer dort aufgeführt ist,
       sieht sich fundamentaler Rechte beraubt. Bankkonten werden gesperrt, eine
       legale Arbeitsaufnahme ist dadurch praktisch unmöglich, das passive
       Wahlrecht ist ausgesetzt, Immobilienkauf oder -verkauf sind untersagt.
       
       ## Völlig harmlos
       
       Vesna entstand im Februar 2013 in Russlands zweitgrößter Stadt Sankt
       Petersburg als gewaltfreie Jugendbewegung. Damalige Mitglieder hatten sich
       zuvor meist bei der liberalen Partei Jabloko engagiert. 2015 stellten sich
       fünf junge Leute mit Plakaten auf die Straße, auf denen stand: „Schreibt
       der Ukraine ein paar nette Worte.“ Vesna fiel durch künstlerische
       Straßenaktionen auf – alles in allem völlig harmlos.
       
       Seit dem 24. Februar 2022 gilt die Regel nicht mehr, dass man einfach so
       davonkommt. In Moskau rief die Gruppe zu einer der letzten großen
       Antikriegsdemonstrationen auf. Für den 9. Mai, den Tag des Sieges, war eine
       Aktion unter dem Motto „Sie haben nicht dafür gekämpft“ geplant. Es folgten
       erste Festnahmen – auch der ehemalige Vesna-Koordinator Valentin
       Choroschenin verschwand hinter Gittern – sowie ein Strafverfahren wegen
       Gründung einer Nichtregierungsorganisation, die gegen Bürgerrechte
       verstößt.
       
       Weil sich Vesna nicht einschüchtern ließ, wurden im Juni 2023 neue
       Ermittlungen eingeleitet – dieses Mal wegen Gründung und Teilnahme an einer
       extremistischen Vereinigung, Verbreitung von „Falschnachrichten“ und
       Aufrufen zu Handlungen, die die Sicherheit des Staates gefährden.
       
       Choroschenin entschied sich dafür zu kooperieren, machte umfangreiche
       Aussagen, kassierte jedoch trotzdem sechs Jahre Haft. Von ihm soll auch der
       Satz stammen: „Letztendlich kommt es nicht darauf an, wie es wirklich war,
       sondern darauf, wie der Ermittler es niedergeschrieben hat.“ Das zumindest
       berichtete eine Mitangeklagte aus der Untersuchungshaft.
       
       ## Gesinnungsprüfung anstatt Tatsachen
       
       Anna Archipowa, die einzige Frau auf der Anklagebank, wurde zu zwölf Jahren
       Haft verurteilt. Sie gehörte, wie andere auch, Vesna zum Zeitpunkt ihrer
       Festnahme nicht mehr an. Aber das Verfahren baute nicht auf Tatsachen auf,
       sondern einer Gesinnungsprüfung. Wesentliche Beweismittel hatten die
       Ermittler in sozialen Netzwerken aus der Zeit gesammelt, als Vesna nicht
       als extremistisch eingestuft war. Um persönliche Zuordnungen von
       Blogeinträgen scherten sie sich ebenfalls nicht.
       
       Bei ihrem letzten Auftritt vor Gericht im Februar sagte Archipowa, das
       Schlimmste in dem Verfahren sei für sie, politischen Hasses bezichtigt zu
       werden, denn sie hasse niemanden. Nach der Schule habe sie überlegt, eine
       Militärkarriere einzuschlagen – bis zu einer Schlüsselbegegnung mit dem
       Mann der Freundin ihrer Mutter. Er sei Soldat im Tschetschenienkrieg
       gewesen und habe sie unter Tränen angeschrien, dies nicht zu tun. Denn was
       wäre, wenn es Krieg gebe?
       
       Wasilij Neustrojew, der als vermeintlicher Rädelsführer zehn Jahre Haft
       bekam, gab sich vor Gericht als historischer Optimist: „Russland wird alle
       Tyrannen und Diktatoren überstehen, so wie es dies schon früher getan hat.“
       
       8 Apr 2026
       
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