# taz.de -- Gefangennahme des Präsidenten Venezuelas: Maduro ist weg, die Unsicherheit nicht
       
       > Die USA holen in einer Spezialoperation mitten in der Nacht Präsident
       > Maduro aus Venezuela heraus. Ein Großteil des Landes verschläft den
       > historischen Moment – und erwacht in Ungewissheit.
       
 (IMG) Bild: Viele Menschen in Venezuela reagieren öffentlich mit Empörung auf die Gefangennahme Maduros durch die USA
       
       Die meisten Venezolaner:innen haben den historischen Moment wohl
       verschlafen. Als die [1][Flugzeuge über Caracas flogen und die ersten
       Explosionen zu hören waren], war es mitten in der Nacht. Dass
       US-Elitesoldaten danach den venezolanischen autoritären Präsidenten Nicolás
       Maduro samt Ehefrau aus seinem Haus in einem Militärkomplex holten, wohl
       hochrangige venezolanische Militärs dabei starben – das bekamen sie dann
       aus dem Internet mit.
       
       Selbst am Stadtrand von Caracas erfuhren viele es erst durch Anrufe von
       Verwandten, Bekannten und Freunden im Ausland, die sie wach klingelten.
       Teils fielen Internet und Strom aus. Die gesicherten Informationen sind
       auch Stunden und eine Pressekonferenz von Präsident Donald Trump in Palm
       Beach später spärlich – wie bei allem, was die USA in den vergangenen
       Monaten in der Karibik vor Venezuela unternommen haben.
       
       „Es ist alles ruhig, die Menschen bleiben zu Hause“, sagt ein Kontakt im
       Bundesstaat Lara der taz, der anonym bleiben möchte. „Der Chavismo ruft
       seine Unterstützer auf, auf die Straßen zu gehen.“ Aber dem folge niemand.
       Seine Frau sei auf die Straße zum Einkaufen gegangen und habe lange
       Schlangen an Tankstellen und Supermärkten gesehen. „Alles ist kollabiert.“
       
       Ähnliche Szenen berichten Menschen der taz aus der Hauptstadt telefonisch:
       Während es an manchen Orten geradezu totenstill ist und sich nichts regt,
       alle daheimbleiben, bilden sich an anderen vor Supermärkten und Tankstellen
       lange Schlangen. Venezolaner:innen versuchen, zumindest noch
       Trinkwasser zu kaufen. Denn es ist ungewiss, was kommt.
       
       Militärbewegungen soll es nur im Hauptstadtdistrikt Caracas, im Bundesstaat
       La Guaira (wo sich der Flughafen von Caracas befindet) und
       Nachbarbundesstaat Miranda geben. Auf den Straßen in der Hauptstadt
       patrouillieren Colectivos mit ihren Motorrädern, paramilitärische
       regierungstreue Gruppen.
       
       Stundenlang lief im Staatsfernsehen überhaupt nichts dazu – bis es eine
       Audiobotschaft von Vizepräsidentin Delcy Rodríguez sendete, die klarmachte:
       Sie wusste nicht, wo Maduro und seine Frau waren, geschweige denn, ob am
       Leben. Denn sie forderte ein Lebenszeichen. Und bis jetzt ist unklar, ob
       sich Rodríguez wirklich in Moskau befindet, wie manche Medien schreiben.
       Und wenn ja: Wann sie das Land verließ. Wusste sie von dem US-Plan?
       
       Nach allem, was aktuell bekannt ist, wurden in der Nacht nur militärische
       Ziele angegriffen – wobei sich im [2][Militärkomplex Fuerte Tiuna] neben
       Ministerien und Einrichtungen der Armee auch mehrere zivile Wohnbauten
       befinden.
       
       ## Ein Diktator, gefesselt und vorgeführt
       
       Es kursierten gesichert von KI generierte Bilder am Samstag, wie
       Factchecking-Portale belegten, die erst einmal wie Lauffeuer die sozialen
       Medien und Chats fluteten.
       
       Das, was US-Präsident Donald Trump dann teilte, wirkte ebenfalls wie aus
       einem schlechten Film: Diktator Nicolás Maduro, in einem dicken hellgrauen
       Jogginganzug, mit einer undurchsichtigen Brille oder Augenbinde, die Arme
       vor der Brust, womöglich gefesselt, mit einer Hand eine Plastikflasche
       zerquetschend. Es soll ihn an Bord der USS Iwo Jima zeigen. Kein Bild von
       seiner Ehefrau Cilia Flores, der blonden Strippenzieherin im Regime, die
       die Spezialkräfte auch mitgenommen haben.
       
       Dafür von dem Mann, der die Menschen im Land seit Jahren bis in die letzte
       Institution hinein kontrollieren, festnehmen, foltern und töten ließ –
       womöglich blind und gefesselt. Am Samstag ließen einige
       Venezolaner:innen ihrer Freude im Internet freien Lauf. Aber mit
       Vorsicht.
       
       In Miami feierte die venezolanische Community auf der Straße, in Venezuela
       herrschte Ruhe.
       
       Lissette Gonzalez von der Menschenrechtsorganisation Provea betont am
       Telefon, wie wenig bislang bekannt ist. „Dass Maduro außer Landes ist,
       bedeutet, dass jetzt ein neuer Präsident ernannt werden muss. Wir hoffen,
       dass diese Nachfolge im Sinne der Gesetze und Verfassung erfolgt – und dass
       ein Dialog mit allen Sektoren beginnt, um nach und nach alle öffentlichen
       Kräfte wiederherzustellen.“ Damit die Rechte der Venezolaner:innen
       wieder respektiert würden. „Doch wir wissen nicht, ob das jetzt passieren
       wird.“
       
       Für die politischen Gefangenen habe sich bislang nichts geändert. Niemand
       sei freigelassen worden. Die Gefängnisse würden weiter bewacht. „Wir warten
       ab, ob jetzt mehr Repression gegenüber vermeintlichen Dissidenten nach
       dieser Attacke erfolgt.“ Das Militär scheine sich stillzuhalten. „Meine
       größte Sorge ist, dass heute kein geordneter Übergang zu einer neuen
       Regierung erfolgt – und dass wir in Anarchie und Ungewissheit fallen, was
       die Bevölkerung weiter gefährden könnte.“
       
       ## „Die Ankunft der Stunde der Freiheit“
       
       Nach der Pressekonferenz von US-Präsident Donald Trump sagt sie: „Alles ist
       sehr verwirrend, es sieht nicht so aus, als würde es einen Übergang zu den
       demokratischen Kräften des Landes geben.“
       
       Tatsächlich hat US-Präsident Donald Trump spätestens auf Rückfrage von
       Reporter:innen klargemacht: „Wir werden das Land regieren.“ Bis es zu
       einem „sicheren, richtigen und besonnenen Übergang“ käme – zu einem auch
       auf Rückfragen ungenannten Zeitpunkt. „Wir werden damit beginnen, (mit
       Erdöl) Geld zu verdienen fürs Land (…) wir werden es an andere Länder
       verkaufen.“ Die venezolanische Opposition will er explizit nicht an der
       Macht sehen. Mit Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin María
       Corina Machado sei er nicht in Kontakt. Sie sei eine nette Frau, „aber in
       Venezuela unterstützt und respektiert man sie nicht“.
       
       Diese hatte vor der Pressekonferenz in einer Erklärung den Angriff begrüßt
       als „die Ankunft der Stunde der Freiheit“ und Trump zuvor einen Alliierten
       genannt. Der im [3][Juli 2024 gewählte Präsident Edmundo Gonzalez müsse
       jetzt die Macht übernehmen].
       
       Auch im Nachbarland Kolumbien blieb es erst einmal ruhig. In der Hauptstadt
       Bogotá riefen Gruppen kurzfristig zu Protesten vor der US-Botschaft und
       einer Solidaritätsdemo vor dem venezolanischen Konsulat auf. Sie waren
       spärlich besucht, wenn man sich die Bilder im Netz anschaut. Das mag am
       Schockzustand liegen – oder einfach daran, dass die Hauptstadt bis Mitte
       Januar wie ausgestorben ist. Es ist Haupturlaubszeit in Kolumbien.
       Nachmittags sammelten sich Menschen auf der Plaza Bolívar im Zentrum.
       
       „Das Volk ist wieder frei“, was Trump sagte – das will Felipe nicht
       glauben. „Aber ich bin unglaublich glücklich heute. Sie haben diesen Typen
       rausgeholt, das ist ein Anfang.“ Er klingt euphorisch. Seit 12 Jahren lebt
       der Venezolaner in Bogotá. Seine Eltern wurden noch unter Chavez aus der
       Ölfirma entlassen, weil sie die Opposition unterstützten – und migrierten
       nach Kolumbien. Der Sohn folgte später. „Chávez war nie so schlimm wie
       Maduro – das Schlimmste habe ich selbst nicht mehr erlebt“, sagt Felipe
       (42). Doch er weiß es von Freunden und Familie, die noch dort sind.
       Repressionen, Gefangene, Morde, stundenlange Stromausfälle, 2017 der
       Hunger, der die Massenemigration auslöste.
       
       „Die Amis sind keine Engel, das weiß ich. Die Situation könnte sich
       verschlechtern, weil jetzt die Colectivos und andere bewaffnete Gruppen,
       die zur Regierung halten, übernehmen könnten“, sagt Felipe. „Wenn kein
       schneller Übergang kommt, könnten wir wie der Nahe Osten enden, noch
       schlimmer als vorher.“ Wenn Innenminister Diosdado Cabello nachrückt,
       könnte das noch mehr Schaden verursachen. „Alle wissen, dass er ein
       Psychopath ist.“
       
       ## Trump droht Kolumbiens Präsidenten Petro
       
       Kolumbiens [4][Präsident Gustavo Petro hat die Attacken scharf verurteilt].
       „Die Sicherheitskräfte werden an der Grenze stationiert, alle verfügbaren
       Hilfskräfte werden für den Fall eines massiven Zustroms von Flüchtlingen
       bereitgestellt.“ Er verurteilte die Angriffe: „Die kolumbianische Regierung
       lehnt die Verletzung der Souveränität Venezuelas und Lateinamerikas ab.
       Interne Konflikte zwischen Völkern werden von den Völkern selbst friedlich
       gelöst. Das ist das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker, das die
       Grundlage des Systems der Vereinten Nationen bildet.“
       
       Am wichtigsten Grenzübergang in Cucutá blieb es vorerst ruhig. Die Grenze
       zu sichern – das ist bei mehr als 2000 Kilometern, die großteils von
       grenzüberschreitenden kriminellen Gruppen kontrolliert werden, eine
       unmögliche Aufgabe. In der Grenzregion Catatumbo ist der bewaffnete
       Konflikt zwischen ELN-Guerilla und Farc-Dissidenten aktuell wieder
       hochgekocht. Die ELN-Guerilla ist mittlerweile in beiden Ländern aktiv. Vor
       den Kämpfen um die Vorherrschaft um Drogen- und Schmuggelkorridore sind
       seit den Weihnachtstagen Hunderte Menschen geflohen. Im Jahr 2025 wurden
       über 87.000 Menschen dort vertrieben.
       
       Petro und Trump sind sich spinnefeind. In der Pressekonferenz wiederholte
       Trump auf eine Reporterfrage seine Drohung gegenüber dem Präsidenten des
       Nachbarlands: „Er muss auf seinen Arsch aufpassen.“
       
       3 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Angriff-der-USA-auf-Venezuela/!6142577
 (DIR) [2] https://www.eltiempo.com/mundo/venezuela/que-es-el-fuerte-tiuna-el-principal-complejo-militar-de-venezuela-punto-de-ataque-y-explosiones-3521498
 (DIR) [3] https://x.com/voceriavzla/status/2007480373626736837?s=20
 (DIR) [4] https://x.com/petrogustavo/status/2007387712454562220?s=20
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Wojczenko
       
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