# taz.de -- Angriff der USA auf Venezuela: Eskalation ohne eindeutige Erklärung
       
       > Luftschläge in Venezuela, die Entführung von Maduro und eine verwirrende
       > Pressekonferenz: Am Ende fragt man sich: Was hat Donald Trump dazu
       > getrieben?
       
 (IMG) Bild: Nach Angriffe auf Venezuela: Eine zerstörte Flugabwehr-Einheit auf dem Militärflugplatz La Carlota
       
       In der Nähe des US-Verteidigungsministeriums in Arlington, Virginia, gibt
       es eine Pizzeria namens „Pizzato Pizza“. Kurz nach Mitternacht am Samstag
       zeigte Google Maps dort ungewöhnlich viel Betrieb. Normalerweise ist das
       ein Zeichen, dass im Verteidigungsministerium viele Leute eine Nachtschicht
       schieben. Und so war es auch heute: Die Nachtschicht im Pentagon war mit
       dem Krieg gegen Venezuela befasst, den die Trump-Regierung in der Nacht
       eskaliert hat.
       
       Videos von Augenzeugen zeigen Luftschläge auf verschiedene Ziele in dem
       Land an der Nordküste Südamerikas. Die venezolanische Regierung sprach von
       Angriffen in der Hauptstadt Caracas und in den nördlichen Küstenstaaten
       Miranda, Aragua und La Guaira. Trump erklärte in einem Post auf seiner
       Plattform Truth Social, die USA hätten Präsident Nicolás Maduro und seine
       Frau gefangen genommen und beide außer Landes geflogen.
       
       Der großflächige Angriff und die Entführung Maduros folgen einer Politik
       der schrittweisen Eskalation durch die USA in den vergangenen Monaten. Seit
       August verlegte das US-Militär Kriegsschiffe, Kampfflugzeuge und Truppen in
       die Region. Bald darauf bombardierten die USA kleine Boote in der Karibik
       und im Ostpazifik, die laut Trump-Regierung Drogen schmuggelten. Dabei
       starben mindestens 115 Menschen.
       
       Vor etwa einem Monat begannen die USA, [1][Öltanker vor der Küste
       Venezuelas festzusetzen]. Ende Dezember berichteten Regierungskreise, der
       Auslandsgeheimdienst CIA habe einen Militärschlag auf eine Hafenanlage in
       Venezuela ausgeführt – der erste Angriff auf das Festland. Nichts davon,
       versteht sich, ist vom Völkerrecht gedeckt. Trump bezichtigte Maduro, in
       den Drogenhandel involviert zu sein, und forderte ihn mehrmals zum
       Rücktritt auf, wobei die USA ihm freies Geleit zugesichert hätten.
       
       ## Eine Pressekonferenz und viele offene Fragen
       
       Mit der Eskalation scheint Trump auf den gewaltsamen Sturz eines Regimes zu
       setzen – ein Widerspruch zu seinem früheren Image als Kritiker von
       Regimewechsel-Kriegen. Doch er hat bereits bewiesen, dass er Luftangriffe
       gegen unliebsame Regierungen oder Terrorgruppen nicht scheut. Im Juni ließ
       er iranische Atomanlagen bombardieren, an Weihnachten griff er mutmaßliche
       IS-Zellen in Nigeria an.
       
       Eine Pressekonferenz am Samstag, bei der neben Trump auch Außenminister
       Rubio und Verteidigungsminister Hegseth sprachen, sorgte jedoch für
       Verwirrung und ließ viele Fragen offen. Trotz der Ankündigung, die USA
       würden das Land regieren, blieb Trump vage, wie diese Führung konkret
       aussehen soll. Offenbar hat seine Regierung kein Problem damit, Chavistas
       wie Delcy Rodríguez, die nach Maduros Entführung als Vizepräsidentin
       aufrückte, vorübergehend an der Macht zu lassen – sofern sie kooperieren.
       Das deutet auf keinen klassischen Regimewechsel hin. Vielmehr sollen
       Drohungen mit weiteren Angriffen und Bodentruppen die Machthaber zu
       Zugeständnissen bewegen, damit US-Konzerne Venezuelas Ölreserven
       erschließen können.
       
       Trump erwähnte keine Zusammenarbeit mit der venezolanischen Opposition. Auf
       die Friedensnobelpreisträgerin und Oppositionspolitikerin Maria Machado
       angesprochen, äußerte er sich abschätzig: „Es wäre sehr schwer für sie, die
       Anführerin zu sein.“ Sie habe weder die nötige Unterstützung noch den
       Respekt in Venezuela. Diese Einschätzung überraschte nicht nur
       Lateinamerika-Experten, sondern auch Exil-Venezolaner. Laut dem Economist
       reagierten viele in Miami ungläubig und vermuteten, Trump habe sich
       versprochen. Bemerkenswert: Das Wort „Demokratie“ fiel auf der
       Pressekonferenz kein einziges Mal.
       
       ## Esklationspläne im Oval Office
       
       Schon in seiner ersten Amtszeit erwog Trump einen Angriff auf Venezuela.
       Sein damaliger Sicherheitsberater John Bolton, der das Maduro-Regime
       zusammen mit Kuba und Nicaragua als „Troika der Tyrannei“ bezeichnete,
       drängte darauf. Doch Trump überwarf sich mit Bolton, und der Krieg blieb
       aus. Die Idee aber überlebte.
       
       Ein gewisser Senator aus Florida, der auch damals schon [2][für einen
       Regimewechsel eintrat], ist in Trumps zweiter Amtszeit zu einem
       einflussreichen Fürsprecher der Lateinamerika-Falken geworden: der heutige
       Außenminister und Sicherheitsberater in Personalunion, Marco Rubio. Als
       Sohn kubanischer Einwanderer hegt Rubio einen Groll gegen linke Regime in
       Lateinamerika, wobei seine Augen nicht nur auf Venezuela, sondern vor allem
       auch auf die Diktatur in Kuba gerichtet sind. Rubio und den seinen geht es
       dabei aber nicht um eine Demokratisierung per se, sondern um die Einsetzung
       von konservativen bis rechten Regierungen.
       
       [3][Wie die New York Times vor einer Woche berichtete], kam es im Frühjahr
       zu Besprechungen im Weißen Haus, in denen Trump eine Eskalationsstrategie
       gegen das Maduro-Regime diskutieren wollte. Der Präsident stand zu dem
       Zeitpunkt unter Druck durch Lateinamerika-Hardliner im Kongress, härter
       gegen Venezuela vorzugehen. Sie forderten von Trump, die Öl-Geschäfte des
       US-Konzerns Chevron in Venezuela zu stoppen, doch Trump wollte den Zugang
       zu venezolanischem Öl nicht komplett verlieren. Um die Abgeordneten
       trotzdem zufriedenzustellen, musste Trump ihnen also die Aussicht liefern,
       Maduro von der Macht zu beseitigen.
       
       Anwesend bei dem Treffen war neben Rubio auch der extrem rechte Ideologe
       und Vizestabschef Stephen Miller. Miller war erpicht auf Militärschläge
       gegen Drogenlabore in Lateinamerika, die Trump schon während seines
       Wahlkampfs versprochen hatte. Rubio brachte demnach die Idee ins Spiel,
       Maduro als Anführer eines Drogenkartells darzustellen, um so die Angriffe
       zu rechtfertigen – obwohl Venezuela beim Drogenexport gen USA, wenn
       überhaupt, eine marginale Rolle spielt.
       
       Die Besprechung brachte letztlich verschiedene Ziele der Trump-Regierung
       zusammen: [4][Regimewechsel in Venezuela], Kampf gegen die Drogen, Zugang
       zu venezolanischem Öl, sowie eine Eindämmung der Migration. So ventilierte
       Miller offenbar auch die Idee, dass die US-Regierung sich im Kriegsfall mit
       Venezuela auf ein Gesetz aus dem 18. Jahrhundert berufen könnte, das die
       Deportation „feindlicher Ausländer“ erlauben würde – in diesem Fall
       hunderttausende sich in den USA befindliche Venezolaner.
       
       Denkbar ist, dass dieser konstruierte Fokus auf die wichtigen Trump-Themen
       wie Drogen und Migration auch helfen soll, einen Krieg gegen Venezuela auch
       vor denjenigen in der MAGA-Koalition zu rechtfertigen, die
       US-Auslandseinsätzen skeptisch gegenüberstehen: den
       America-First-Isolationisten. Sie haben vor allem im Vorfeld einflussreiche
       Fürsprecher. Da ist etwa der [5][Talk-Show-Host Tucker Carlson], der mit
       seinen Tiraden gegen Regime-Change-Kriege nicht nur in der republikanischen
       Basis Anklang findet, sondern auch bei Vizepräsident J.D. Vance zumindest
       auf ein offenes Ohr stößt.
       
       ## Eine riskante Ablenkung
       
       Gleichzeitig steht Trump innenpolitisch unter Druck, weshalb ihm ein
       bisschen außenpolitische Ablenkung ganz gelegen kommen dürfte: Der
       [6][Skandal um die Epstein-Files], sinkende Umfragewerte, ein offener
       Streit um Antisemitismus und die politische Linie der Republikaner, sowie
       Diskussionen um den Gesundheitszustand des Präsidenten – alles bald
       vergessen im Jahr der Midterm-Wahlen 2026? Wohl kaum, aber Trump wird ein
       neuer Nachrichten-Zyklus dennoch mehr als recht sein.
       
       Dabei birgt die Aggression gegen Venezuela auch viele Risiken für den
       US-Präsidenten. Trotz der Verlautbarungen über eine Gefangennahme Maduros
       ist aktuell nicht ausgemacht, dass es in Caracas zu einem echten
       Regimewechsel kommt. Von einer Kooperation wollte Vizepräsidentin Rodríguez
       am Samstag nichts wissen. Stattdessen bezeichnete den Angriff als
       „Barbarei“. In einem am gleichen Tag veröffentlichten Videozusammenschnitt
       äußerten sich zudem die Gouverneure verschiedener venezolanischer
       Bundesstaaten, posierend mit Soldaten. Die Botschaft: Wir haben weiter die
       Kontrolle.
       
       Das chavistische Regime könnte sich also trotz der Entführung Maduros
       halten, und auch ein chaotischer Bürgerkrieg unter der Beteiligung
       verschiedener in Venezuela ansässiger Guerillagruppen ist nicht
       ausgeschlossen. Spätestens dann müsste Trump eine breit angelegte
       Landinvasion in Betracht ziehen, und dafür in den USA für Unterstützung
       werben. Doch damit würde er das Risiko eingehen, sein Land in den nächsten
       langen Krieg zu ziehen.
       
       Und nach Freiheit für das venezolanische Volk klingt nichts davon.
       
       3 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Beschlagnahmter-Oel-Tanker-vor-Venezuela/!6137463
 (DIR) [2] /Das-Venezuela-Raetsel/!6135381
 (DIR) [3] https://www.nytimes.com/2025/12/27/us/politics/venezuela-trump-maduro-oil-boat-strikes-immigration.html
 (DIR) [4] /Die-USA-und-Lateinamerika/!6122068
 (DIR) [5] /Trumps-Wahlkampf/!6043002
 (DIR) [6] /Freigabe-der-Epstein-Akten/!6140572
       
       ## AUTOREN
       
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