# taz.de -- Nacktheit und Sex in „Die Sims“: „Bei sexuellen Inhalten herrscht ein Doppelstandard“
> Bei „Sims 4“ ist Sex nicht sichtbar. Der Programmierer Turbodriver hat
> das geändert. Dank ihm können die Sims auch menstruieren – und abtreiben.
(IMG) Bild: Sprengt die Grenzen des Zeigbaren für Electronic Arts: ein nackter Hintern
Die Figuren im Game „Sims 4“ haben Sex. Zu sehen ist das aber nicht.
Stattdessen wird Sex von Duschdampf, Decken und ähnlichem versteckt. Der
Programmierer Turbodriver hat deswegen eine Mod, also eine
Spielerweiterung, geschaffen, die den Akt sichtbar macht. Dank ihm können
die Sims außerdem menstruieren. Und auch Abtreibungen sind endlich möglich.
taz: Turbodriver, wie kamst du dazu, eine Sex-Mod für [1][„Die Sims 4“] zu
programmieren?
Turbodriver: Die „Sims“-Reihe ist eine Lebenssimulation. Da Sex zum Leben
dazugehört, liegt es nahe, entsprechende Inhalte zu machen.
taz: Wie viele Menschen nutzen deine Mod?
Turbodriver: Im Schnitt 400.000 Menschen am Tag. So häufig wird jedenfalls
mein Server angepingt, weil jemand das Spiel startet und die Mod
installiert hat.
taz: Das ist ziemlich viel. 2024 hat der [2][Hersteller Electronic Arts]
angegeben, dass „Die Sims 4“ 80 Millionen Spieler:innen hat – von denen
aber nur ein Bruchteil täglich spielt.
Turbodriver: Ich kann es selbst kaum glauben. Aber es kommt schon hin.
Meine Mod können auch Spieler:innen installieren, die mit gebrannten
Versionen spielen. Und das werden einige sein, denn die Erweiterungspacks
sind sehr teuer. Das kann sich nicht jeder leisten.
taz: Deine Mod kann man sich kostenlos herunterladen. Warum? Du würdest mit
einer Paywall bestimmt mehr verdienen.
Turbodriver: Das denke ich nicht – im Gegenteil. In der Modding-Community
besteht ein sozialer Druck, Inhalte für alle zugänglich zu machen. Das
schafft Respekt und Vertrauen. Gerade wenn es um sexuelle Bedürfnisse geht,
die Menschen mit der Mod ausleben, möchte ich mir nicht vorwerfen lassen,
ich würde aus diesen Bedürfnissen Profit schlagen. Eine Paywall würde mich
vermutlich viele Unterstützer:innen kosten.
taz: Außerdem würde das dem Hersteller nicht gefallen, oder?
Turbodriver: Genau. Modding ist eine rechtliche Grauzone. Electronic Arts
hat nichts dagegen, aber nur solange die Mods kostenlos verfügbar bleiben.
taz: Menschen können dich aber über [3][die Plattform Patreon] freiwillig
unterstützen. Wie viel verdienst du?
Turbodriver: Bei Patreon habe ich aktuell 15.800 zahlende Mitglieder. Ich
sage lieber nicht, wie viel ich genau verdiene. Aber wenn man davon
ausgeht, dass alle meinen Standardbeitrag von 4,50 Euro pro Monat zahlen,
verdiene ich netto um die 60.000 Euro im Monat.
taz: Und möchtest du nicht die Lorbeeren einheimsen? Warum trittst du
anonym auf?
Turbodriver: Meine Arbeit zählt als Pornografie und ist damit ein
kontroverses Thema. Ich habe Angst vor den Konsequenzen, wenn ich meinen
Namen preisgebe. Dass ich mich beruflich schwerer umorientieren kann, wenn
ich die Mod eines Tages nicht mehr machen will.
taz: Musst du dich für deine Arbeit rechtfertigen?
Turbodriver: In meinem privaten Umfeld noch nie. Im Netz kriege ich vor
allem positives Feedback. Vereinzelt schreit mal jemand einen Hate-Post in
die Weite der sozialen Medien hinaus. Aber direkte Kritik bekomme ich
selten.
taz: Wenn man „WickedWhims“ herunterladen will, muss man angeben, über 18
Jahre alt zu sein. Aber solche Fenster kann man einfach wegklicken. Weißt
du, wie viele Minderjährige deine Mod nutzen?
Turbodriver: Nein, keine Ahnung.
taz: Sollte die Politik härtere Vorgaben bezüglich des [4][Jugendschutzes]
machen?
Turbodriver: Die sind ja schon in Arbeit. In Großbritannien müssen
Plattformen mit expliziten Inhalten seit Mitte 2025 das Alter erfassen.
Grundsätzlich finde ich das gut. Aber für mich wird das nicht leicht
umzusetzen sein.
taz: Warum?
Turbodriver: Bisher war ich mit meiner Website unabhängig von
Drittanbietern. Das wird sich ändern, wenn ich das Alter verifizieren
lassen muss. Diese Dritten bekommt dann erstens Daten der Spieler:innen.
Und zweitens kostet das Geld. Ich werde mir das leisten können, aber das
können nicht alle Selbstständigen. Ich hätte mir gewünscht, dass
Großbritannien einen sicheren und kostengünstigen Service zur Verfügung
gestellt hätte.
taz: Neben Sex gibt es in deiner Mod auch [5][Abtreibungen], eine
[6][sexuell übertragbare Krankheit] und [7][Menstruation]. Siehst du dich
als Aufklärer?
Turbodriver: Nein, nicht absichtlich jedenfalls. Wer eine Lebenssimulation
spielt, will, dass diese möglichst realistisch ist. Den Anspruch verfolge
ich mit „WickedWhims“. Die Aufklärung ist eine Nebenwirkung. Beim Thema
Menstruation erreichen mich bis heute Nachfragen. Am meisten Verwirrung
stiftet, dass Sims je nach Zeitpunkt ihres Zyklus unterschiedlich fruchtbar
sind. Klar, dass ich mich als Mann einlesen musste, als ich diesen Teil des
Mods programmiert habe. Aber ich hätte gedacht, als Frau kennt man sich
damit aus.
taz: Siehst du dich als feministischen Aktivisten?
Turbodriver: Ich höre meiner Community zu und versuche ihre Wünsche
umzusetzen. Das hat nichts mit Aktivismus zu tun.
taz: Legale Abtreibung als Spieloption zur Verfügung zu stellen, ist heute
durchaus eine politische Entscheidung.
Turbodriver: Natürlich ist meine Mod ein Produkt meiner politischen
Überzeugungen. Auch feministische Einstellungen prägen meine Arbeit, aber
nicht nur. Jeder Bestandteil des Mods ist das Ergebnis individueller
Abwägungen.
taz: Sex und Nacktheit in Games sind umstritten. 2025 mussten
Spieleplattformen wie itch.io und Steam ihre nicht jugendfreien Inhalte auf
Druck von Zahlungsdienstleistern einschränken. Hast du das Gefühl, dass der
Widerstand gegen sogenannten Adult Content wächst?
Turbodriver: Nein, im Gegenteil. Spielehersteller werden offener für
explizite Inhalte. Ein Beispiel ist „Cyberpunk 2077“, in dem viel Nacktheit
zu sehen ist. In der Branche herrscht bei sexuellen Inhalten ein
Doppelstandard. Große Spielehersteller können Sexszenen in ihre Spiele
einbauen, ohne dass es Konsequenzen hat. Indie-Spiele werden dafür von den
Plattformen viel schneller abgestraft, indem sie als Adult-Spiele markiert
und weniger Menschen angezeigt werden.
taz: Wie bringst du deine Mod an die Menschen?
Turbodriver: Ich habe „WickedWhims“ auf der Website Loverslab gelauncht.
Dort werden viele Modifikationen geteilt, die als Adult Content gelten.
Mittlerweile versuche ich aber, mich von dem Forum wegzubewegen.
taz: Warum?
Turbodriver: Ich möchte nicht, dass Menschen Dinge sehen müssen, die sie
nicht sehen wollen. Loverslab erlaubt zum Beispiel die Darstellung
sexueller Übergriffe, Sodomie und teilweise auch physischer und psychischer
Gewalt. Das ist den meisten zu krass.
taz: Sollte ein Forum wie Loverslab überhaupt existieren?
Turbodriver: Ja. Loverslab ist einer der wenigen Orte im Internet, die auf
sexuelle Mods spezialisiert sind. Gerade weil sich das Internet auf immer
weniger Plattformen zentralisiert, die sexuelle Inhalte jeder Art
einschränken, müssen wir solche Foren schützen. Dass mich manche Dinge, die
man dort findet, nicht ansprechen, bedeutet nicht, dass sie nicht
existieren dürfen. Um eine Plattform zu haben, die mit meinen moralischen
Werten stärker auf einer Linie ist, habe ich vor einem Jahr meine Website
gelauncht. Dort können auch andere „Sims 4“-Modder:innen ihren Content
veröffentlichen.
taz: Machst du den Modder:innen Vorgaben?
Turbodriver: Zumindest habe ich Guidelines. Aber ich finde es schwierig.
Wenn es um Sexualität geht, will man einerseits Menschen die Freiheit
geben, sich auszudrücken. Andererseits gibt es so viel, was schockieren,
fehlleiten oder verletzen kann. Bevor ich die Creator:innen auf meine
Plattform einlade, schaue ich deswegen ganz genau: Wie treten sie auf? Wie
präsentieren sie ihre Inhalte? Wie ist der Umgangston?
taz: Was planst du als nächstes für „WickedWhims“?
Turbodriver: Eigentlich verrate ich nicht, woran ich arbeite. Dann hat die
Community nämlich direkt Erwartungen, die ich vielleicht nicht erfüllen
kann. Aber weil ich mit meinem jetzigen Projekt schon sehr weit bin,
spoilere ich mal: Ich arbeite an einem neuen Beruf: Camgirl.
21 Jan 2026
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## AUTOREN
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