# taz.de -- Wachstumsideologie in Games: Friedrich Merz würde dieses Spiel hassen
       
       > In vielen Games ist Wachstum Voraussetzung für Erfolg. Das Cozy Game
       > „Tiny Bookshop“ ist postkapitalistisch und damit erfolgreich. Wie geht
       > das?
       
 (IMG) Bild: Die beiden Studiogründer David Zapfe-Wildemann und Raven Rusch
       
       [1][„Tiny Bookshop“ ist ein grausames Cozy Game]. Wie jeder gute Kapitalist
       wollte ich in Bookstonbury, einem fiktiven Küstenstädtchen, Mieter:innen
       aus ihren Wohnungen werfen. So hätte ich mit neuen Buchläden mehr Bücher
       und anderen Kram verkaufen können, um aus meinem Geschäft irgendwann Amazon
       zu machen. Doch „Tiny Bookshop“ lässt mich nicht.
       
       Dort darf ich nicht expandieren. Ich darf nicht einmal Untergebene anheuern
       und ausbeuten, um schneller reich zu werden. Stattdessen fahre ich in „Tiny
       Bookshop“ mit meinem Anhänger durch Bookstonbury, gebe Büchertipps und
       verkaufe gebrauchte Exemplare. Und dann habe ich noch eine Menge Freizeit,
       um Freundschaften zu schließen. Es ist „Lifestyle“-Teilzeit par excellence.
       Friedrich Merz würde dieses Spiel hassen.
       
       „Tiny Bookshop“ entlarvt mich als Spieler, wie sehr ich in Wachstumslogiken
       gefangen bin. Denn in Games bin ich meist Blackrock-Heini statt
       Teilzeit-Freund. Abbauen, ausbeuten und grenzenloses Wachstum ist meine
       Power Fantasy. [2][In der Aufbauspiel-Reihe „Anno“] verwandle ich mein Dorf
       in eine Metropole. In Rollenspielen wiederum steigere ich Charakterwerte
       meiner Spielfigur und suche nach seltenen Schwertern, die ich für Geld
       verkaufe, um mir davon bessere Ausrüstung zu kaufen. Wachstum ist die
       leckere Karotte, die man mir als Spieler vor die Nase hält.
       
       „Tiny Bookshop“ wirkt auf den ersten Blick wie ein x-beliebiges Cozy Game.
       In niedlicher Comic-Grafik umhüllt es Spieler:innen mit seiner
       idyllischen Welt und entspanntem Gameplay. Doch selbst die knuddelig
       aussehenden Cozy Games sind voller kapitalistischer Machtfantasien, [3][wie
       Forscher:innen nachgewiesen haben]. In Games wie „Stardew Valley“ dient
       die Natur lediglich dazu, gebändigt, kontrolliert und ausgebeutet zu
       werden.
       
       ## Wachstumskritisch und trotzdem erfolgreich
       
       „Tiny Bookshop“ aber vermengt das Cozy Game mit – und das ist neu –
       Postkapitalismus. In dem Gesellschaftsmodell gibt es weniger
       Privateigentum, dafür mehr Kooperation und Gemeinwohl statt Konkurrenz und
       Profit.
       
       „Für uns stand von Anfang an fest, dass es in ‚Tiny Bookshop‘ kein
       grenzenloses Wachstum geben soll“, sagt David Zapfe-Wildemann. Der
       27-Jährige hat 2021, noch während des Studiums, zusammen mit Raven Rusch
       das Studio Neoludic Games gegründet. „Wir haben uns überlegt, wie ein
       Buchladen in einer postkapitalistischen Welt aussehen könnte.“ Die Chancen
       für einen Verkaufs-Flop waren hoch.
       
       Doch im Dezember 2025 kommt die Überraschung: „Tiny Bookshop“ gewinnt beim
       Deutschen Entwicklerpreis in drei Kategorien, darunter als „Bestes
       deutsches Spiel“. Es ist nicht nur Kritiker:innenliebling, sondern verkauft
       sich für ein kleines Indie-Spiel auch sehr gut: Mehr als 500.000 Menschen
       griffen zu, auf der Vertriebsplattform Steam ist es sehr gut bewertet.
       Offenbar wünschen sich viele eine Auszeit vom Kapitalismus. Wie baut man
       aber ein Spiel ohne grenzenloses Wachstum?
       
       ## Spieler:innen wollen Wachstum, ein bisschen zumindest
       
       Indem man das Sammeln und Horten begrenzt. In Bookstonbury können
       Spieler:innen nur eine begrenzte Anzahl von gebrauchten Büchern und
       Möbeln aus Kleinanzeigen kaufen. Dazu zählen Gegenstände wie Blumenkästen
       und Kerzen, die den Buchladen verschönern und Vorteile mit sich bringen.
       Welche genau das sind, wollte Zapfe-Wildemann ursprünglich vor den
       Spieler:innen verstecken – damit man nicht auch in „Tiny Bookshop“ nach
       ständiger Optimierung strebe. Doch darauf hatten die Spieler:innen
       offenbar keine Lust.
       
       Während der laufenden Entwicklung, bei denen Spieler:innen Mechaniken
       testen und Feedback geben, waren viele von den fehlenden Zahlen frustriert.
       Deshalb haben die Entwickler:innen Zugeständnisse gemacht und die
       Zahlenwerte wieder eingebaut. Nun zeigt das Spiel an, dass ein Fischernetz
       die Verkaufschancen von Reisebüchern um zwei Prozent erhöht. Wodurch man
       mehr verkaufen kann. „Tiny Bookshop“ ist hier doch wie die meisten anderen
       Games: Spieler:innen können den kleinen Buchladen optimieren und
       möglichst viel Geld verdienen. Auch lässt sich der Bauwagen mit weiteren
       Bücherregalen ausstatten, um mehr zu verkaufen.
       
       Gleichzeitig schubst Neoludic Games Spieler:innen sachte in Richtung
       Postkapitalismus. Wer mehr als 100 Bücher vorrätig hat, verkauft insgesamt
       weniger. Irgendwann können sich Spieler:innen von ihrem Geld nichts mehr
       kaufen. Erfolge feiert man durch die Begegnungen mit anderen
       Bewohner:innen. Irgendwann verliert Geld seine Funktion, und das ist erst
       sehr ungewohnt und dann sehr befreiend.
       
       Von dieser Befreiung waren die Spiele-Publisher, die „Tiny Bookshop“
       finanzieren und vertreiben sollten, offenbar nicht so begeistert. „Anfangs
       waren wir ziemlich blauäugig“, sagt Zapfe-Wildemann. „Die Menschen mit
       Geld, denen wir unser Spiel vorstellten, konnten mit Postkapitalismus nicht
       so viel anfangen. Sie verstanden nicht, dass man im Spiel nicht expandieren
       kann.“
       
       Bislang ist es so: Große Studios investieren lieber in bekannte
       Spielkonzepte und Marken, um das Risiko von Flops zu minimieren. Innovation
       geht dabei oft verloren, und auch große Marken kämpfen um die
       Aufmerksamkeit und Zeit der Spieler:innen.
       
       Zwar wurde Neoludic Games von der deutschen Gamesförderung mit 100.000 Euro
       unterstützt, doch das allein hätte nicht gereicht, damit „Tiny Bookshop“
       erscheinen kann. Die Rettung kam schließlich aus den USA. Der Publisher
       Skystone Games nahm das deutsche Indie-Team unter Vertrag und unterstützte
       es mit umgerechnet circa 400.000 Euro.
       
       „Sie haben uns sehr viele Freiheiten gelassen. So ein Vertrauensvorschuss
       ist ungewöhnlich für die Industrie“, sagt Zapfe-Wildemann. Dass Cozy Games
       seit mehreren Jahren einen Boom erfahren, half dem Publisher sicherlich
       auch bei der Entscheidung.
       
       Durch den Erfolg von „Tiny Bookshop“ haben die Entwickler:innen viel
       Geld eingenommen. Laut Zapfe-Wildemann ist man durchfinanziert, das nächste
       Spiel könne man sogar ohne Hilfe selbst veröffentlichen. Hoffentlich wieder
       ohne Ausbeutung und Blackrock-Heinis.
       
       7 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Cozy-Games-Indoktrination-per-Palme/!6112228
 (DIR) [2] /Videospiel-Anno-117-Pax-Romana/!6131043
 (DIR) [3] https://czasopisma.uni.lodz.pl/Replay/article/view/23168
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Denis Gießler
       
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