# taz.de -- Hasskommentare im Internet: Anonym verurteilt
       
       > Auf Instagram beleidigt „profdrcn“ seit Jahren Frauen und queere
       > Menschen. Steckt dahinter ein hochrangiger Richter, der auch an einer Uni
       > lehrt?
       
       Seit über zwei Jahren kommentiert ein Mensch mit dem Account „profdrcn“ auf
       Instagram. Bei mehreren mehrgewichtigen Frauen schreibt er unter ihre
       Fotos: „Whale Watching Season has started“. Bei einer Frau, die sich
       darüber beschwert, dass sie wegen ihres Aussehens von Männern angestarrt
       wird, schreibt „profdrcn“: „So, wie man bei einem Verkehrsunfall starrt“.
       Bei einer Frau, die ihre Krebserkrankung öffentlich gemacht hat,
       kommentiert er unter einem Post: „Da hat die Chemo wohl Hirn weggeballert“.
       
       Es sind misogyne Aussagen, wie sie jeden Tag tausendfach anonym in den
       sozialen Netzwerken gepostet werden. Häufig ist es nahezu unmöglich, die
       Menschen hinter diesen Hassnachrichten zu ermitteln. In diesem Fall
       allerdings sprechen zahlreiche, voneinander unabhängige Hinweise dafür,
       dass hinter dem Account keine unbekannte Privatperson, sondern ein
       hochrangiger Jurist aus Niedersachsen stecken könnte.
       
       Der Präsident des Verwaltungsgerichts Osnabrück kommt aus dem
       niedersächsischen Rinteln, ist 60 Jahre alt, Vorsitzender des Verbands der
       niedersächsischen Verwaltungsrichter und Honorarprofessor an der Gottfried
       Wilhelm Leibniz Universität Hannover: Gert Armin Neuhäuser.
       
       Auf eine taz-Anfrage lässt Gert Armin Neuhäuser einen Anwalt antworten. Der
       will weder bestätigen noch dementieren, dass Neuhäuser den Account
       betreibt, schreibt aber: „Unser Mandant hat sich nicht in der von Ihnen
       insinuierten Weise geäußert.“
       
       ## Die häufigsten Opfer sind Frauen
       
       Sollte sich die Zuordnung von „profdrcn“ zu Neuhäuser bestätigen, stellt
       sich eine rechtliche Frage von öffentlichem Interesse. Unter Paragraf 39
       des Deutschen Richtergesetzes heißt es: „Der Richter hat sich innerhalb und
       außerhalb seines Amtes, auch bei politischer Betätigung, so zu verhalten,
       dass das Vertrauen in seine Unabhängigkeit nicht gefährdet wird.“ Der
       Richter muss sich also auch abseits der Arbeit so verhalten, dass in der
       Öffentlichkeit keine Zweifel entstehen, dass er gerecht und unabhängig
       urteilt.
       
       Aber kann ein Richter, der sich mutmaßlich mit seinem Privataccount so
       abfällig über Menschengruppen äußert, gerecht und unabhängig über diese
       urteilen?
       
       Das häufigste Opfer der Hasskommentare von „profdrcn“ sind Frauen. Mal
       trifft es die bekannte Musikerin Jennifer Rostock, ein anderes Mal kleine
       Accounts mit rund 2.000 Follower:innen. Bei unterschiedlichen Musikerinnen
       kommentiert „profdrcn“ immer wieder: „Optisch und musikalisch dramatisch
       schlecht“. Besonders stört sich „profdrcn“ daran, wenn Frauen Tattoos oder
       Piercings haben. Bei einer gepiercten Frau kommentiert er: „Du hast dich
       sehr unästhetisch verunstaltet, insbesondere die Ohren. Tragisch“.
       
       Bei einer anderen Frau schreibt er: „Die altenpfleger bekommen in fünfzig
       Jahren hoffentlich eine ekelzulage“. Die meisten Hasskommentare richten
       sich aber gegen – in seinen Augen – mehrgewichtige Frauen, bei denen er
       sich zum Beispiel über Cellulite lustig macht oder sie mit Walen
       vergleicht. Die österreichische Musikerin Schwesta Ebra beschimpft er als
       „presswurst, du hast meine augen beleidigt“. Dahinter fügt er vier weinende
       Lachsmileys ein. Wie fühlt sich eine mehrgewichtige Frau, wenn sie im
       Gerichtssaal vor einem Richter sitzt, der sich online vermutlich so äußert?
       
       Ein weiteres beliebtes Ziel von „profdrcn“ sind queere Menschen. Im Juli
       2025 postet der queere Comedian Tobias Born ein kurzes Video, in dem er ein
       Schild hochhält: „Wer das liest ist queer!“ Darunter kommentiert
       „profdrcn“: „Wer das hält ist krank“. Bei einem Musiker, der für ein
       lesbisch-schwules Stadtfest in Berlin, das „Motzstraßenfest“, wirbt,
       schreibt er: „Kotzstrassenfest“. Bei einer trans Frau kommentiert er: „Du
       bist und bleibst ein Mann“. Wie fühlt sich ein queerer Mensch, wenn er im
       Gerichtssaal vor einem Richter sitzt, der sich online vermutlich so äußert?
       
       ## Vielfältige Hinweise auf wahre Identität
       
       Verwaltungsrichter Gert Armin Neuhäuser ist auch politisch aktiv. Er ist
       Vorsitzender der Fraktion „Rintelner Interessen“ im Stadtrat von Rinteln.
       Vor wenigen Wochen verkündete er erfreut, dass zukünftig auch Anthony Lee
       seine Fraktion unterstützen werde. Lee ist Landwirt, aber vor allem
       [1][bekannt als rechtspopulistischer Influencer], der offen für eine
       Koalition zwischen der CDU mit der AfD geworben hat. „Wir brauchen wieder
       Politik für die Bürger und Bürgerinnen, und weniger rote und grüne
       Ideologie!“, formulierte Neuhäuser in der Pressemitteilung.
       
       Auf Instagram wählt „profdrcn“ deutliche Worte. So beschuldigt er die SPD,
       einen Stellvertreterkrieg gegen Russland vorzubereiten. Und:
       „Unkontrollierte Migration. Danke, SPD“, schreibt er in einem anderen
       Kommentar. Unter dem Post der Grünen Dortmund kommentiert er: „Nie wieder
       die grüne Sekte“. Aktivisten, die im Dezember des vergangenen Jahres gegen
       die Gründung der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“
       protestiert haben, bezeichnet er als „Linksfaschisten“.
       
       Die Hinweise darauf, dass hinter dem Profil Gert Armin Neuhäuser stecken
       könnte, sind vielfältig: In der Instagram-Biografie von „profdrcn“ steht
       „GAN“, die Initialen von Gert Armin Neuhäuser. Der Account hieß bis zur
       Umbenennung im vergangenen Jahr „profdrgan“. Weil Instagram bei einer
       Umbenennung des Accounts die Markierungen in Kommentarspalten aber nicht
       verändert, lassen sich die beiden Namen unter dem Account zusammenführen.
       Das Profilbild zeigt mittlerweile weiße Weintrauben an einer Rebe. Zuvor
       nutzte der Account noch ein Foto von einem Mann, der Gert Armin Neuhäuser
       sehr ähnlich sieht.
       
       In Diskussionen in Kommentarspalten hatte eine andere Instagram-Nutzerin
       „profdrcn“ ihrerseits im Herbst 2024 als „Gert-Armin Neuhäuser“
       angesprochen. Er hatte darauf geantwortet: „bitte ohne Bindestrich“.
       Tatsächlich schreibt sich Gert Armin Neuhäuser ohne Bindestrich. Außerdem
       empörte sich „profdrcn“ im Dezember 2025 auf Instagram, dass sein
       Dienstwagen, ein Volkswagen ID 4, wegen der fehlenden Ladestruktur „in der
       norddeutschen Tiefebene“ unbrauchbar sei. Der Dienstwagen am Gericht in
       Osnabrück ist ein Volkswagen ID 4, Rinteln liegt in der norddeutschen
       Tiefebene.
       
       Und einen weiteren Hinweis lieferte eine Fleischerei: Am 14. Mai 2023
       postete die Fleischerei Rauch eine Bildergalerie mit Informationen zu ihrem
       Neubau im niedersächsischen Haste. Die Fleischerei Rauch hat sonst
       Standorte in Rinteln und Lauenau. Unter dem Post kommentierte „profdrcn“
       (damals als profdrgan): „Viel Erfolg euch“. Die Fleischerei antwortete mit
       „Danke Gert-Armin – Dir herzlichen Glückwunsch zum beruflichen Erfolg“.
       Zwei Tage vorher, am 12. Mai 2023, hatte Gert Armin Neuhäuser seine
       Ernennungsurkunde zum Präsidenten des Verwaltungsgerichts Osnabrück
       erhalten. Und – wie ausgeführt – kommt Neuhäuser aus Rinteln.
       
       In mehreren Kommentaren beruft sich „profdrcn“ auf seine berufliche
       Erfahrung. So kommentiert er bei einer jungen Frau, die sich über Böllern
       an Silvester aufregt: „Ich bin Jurist und du kannst den Chirurgen wegen der
       misslungenen Lippen OP auf Schadensersatz verklagen lassen. Klassischer
       kunstfehler“. An einer anderen Stelle kommentiert er bei einer
       Bildungsforscherin, die zu Diskriminierung an der Hochschule forscht: „Ich
       bin selber Hochschullehrer, und ich kenne keinen diskriminierungsfreieren
       Raum als die Universität“. An der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität
       Hannover wurde Neuhäuser 2020 zum Honorarprofessor ernannt. Dieses
       Wintersemester gibt Neuhäuser die Vorlesungen „Kommunalrecht II“ und
       „Öffentliches Dienstrecht“.
       
       Neuhäuser schaltet nach der Anfrage der taz einen Anwalt ein. Die Frage, ob
       Neuhäuser der Verantwortliche für den Account ist, beantwortet der nicht.
       In einem Schreiben an die Redaktion erklärt er, es gebe „keine belastbaren
       Beweistatsachen“, die seinen Mandanten mit dem Account in Verbindung
       brächten. Eine Berichterstattung verletze die journalistische
       Sorgfaltspflicht.
       
       ## Neuhäuser urteilte über Polizisten in rechter Chatgruppe
       
       Nach Eingang der taz-Anfrage an Neuhäuser wurden zahlreiche der
       beanstandeten Kommentare des Accounts gelöscht. Der Anwalt weist darauf
       hin, dass daraus keine Rückschlüsse auf die Identität des Nutzers gezogen
       werden dürften. In einem weiteren Schreiben erfahren wir von dem Anwalt:
       Die von uns angeführten Indizien seien in ihrer Dürftigkeit kaum zu
       überbieten. Dass anonyme Profile im Internet reale Biografien,
       Dienstwagenmodelle oder berufliche Eckdaten imitieren, um Authentizität
       vorzutäuschen, sei ein triviales Phänomen des digitalen
       Identitätsmissbrauchs. Jede unserer „Erkenntnisse“ lasse sich zwanglos
       durch die gezielte Konstruktion eines Fake-Profils durch Dritte erklären,
       die Herrn Neuhäuser diskreditieren wollen.
       
       Die „Indizienkette“ sei nichts weiter als eine Ansammlung von
       Korrelationen, die wir mangels echter Belege zu einer Kausalität
       aufzublasen suchen. Sein Mandant müsse sich zu der Frage der
       Verantwortlichkeit für den Account folglich nicht äußern. Und der Anwalt
       sagt: Unsere Anfrage löst keine sekundäre Beweislast aus, Neuhäuser muss
       sie daher nicht beantworten. Und er wird uns verklagen, wenn wir das
       berichten.
       
       Auf Nachfrage der taz antwortet die Universität Hannover, die Inhalte des
       Social-Media-Auftritts von „profdrcn“ berührten „nicht die
       wissenschaftliche Kompetenz, sondern persönliche Inhalte“. Sie seien
       darüber hinaus für die Universität „in ihrer Zuordnung nicht zu
       verifizieren“.
       
       Das Verwaltungsgericht Osnabrück will sich zu Fragen nach dem
       Social-Media-Account von „profdrcn“ nicht äußern.
       
       Die oberste Dienstaufsichtsbehörde für Richter wie Neuhäuser ist das
       niedersächsische Justizministerium. Das schreibt auf Anfrage der taz: „Dem
       Justizministerium liegen keine Erkenntnisse dazu vor, ob der betreffende
       Account von Herr Prof. Dr. Neuhäuser betrieben wird.“ Die Behörde habe
       Neuhäuser aber um eine Stellungnahme gebeten.
       
       Mit Blick auf die letzten Urteile des von Neuhäuser geleiteten
       Verwaltungsgerichts Osnabrück [2][fällt besonders eins aus dem Januar 2025
       auf]. Dabei ging es um einen Polizeihauptkommissar, der sich in rechten
       Chatgruppen beteiligt hatte. Die Polizeidirektion hatte beantragt, ihn
       wegen des Versands sowie des Empfangs von rassistischen,
       ausländerfeindlichen oder die NS-Zeit verharmlosenden Dateien aus dem
       Dienst zu entfernen.
       
       Die 9. Kammer des Verwaltungsgerichts Osnabrücks unter dem Vorsitz von Gert
       Armin Neuhäuser stellte zwar ein Dienstvergehen des Polizisten fest, hielt
       aber die Entfernung aus dem Dienst für unverhältnismäßig und stufte ihn in
       das Amt eines Polizeioberkommissars zurück. In der Begründung des Gerichts
       heißt es, dass der Beamte zwar gegen seine Pflicht zur Verfassungstreue
       verstoßen habe. Aber: „Im Rahmen einer Gesamtabwägung müsse allerdings
       beachtet werden, dass auch ein Beamter ein Recht auf ein Privatleben habe.“
       
       16 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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