# taz.de -- SPD-Politiker zur Aktienrente: „Aktien verteufele ich nicht“
       
       > SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf findet private Altersvorsorge gut. Er
       > kann sich auch staatliche Pensionsfonds vorstellen – mit klaren Regeln.
       
 (IMG) Bild: „Die gesetzliche Rente ist und bleibt das Herzstück der Altersvorsorge in unserem Land“: Tim Klüssendorf im Willy-Brandt-Haus
       
       taz: Herr Klüssendorf, die Koalition will die private Altersvorsorge
       stärker fördern. Menschen sollen für ihre Rente frühzeitig Aktien kaufen.
       Ist das endlich die Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen, wie
       Friedrich Merz im besten marxistischen Sinne verkündet hat? 
       
       Tim Klüssendorf: Es ist auf jeden Fall ein richtiger Schritt. Denn es ist
       eine Frage der Gerechtigkeit und verringert die Gefahr der Altersarmut,
       wenn wirklich alle besser fürs Alter versorgen können. Wir schaffen Anreize
       dafür, dass sich auch Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen während
       des Erwerbslebens am Kapitalmarkt etwas ansparen können. Das Ziel ist, dass
       man schon mit ein paar Euro pro Monat starten kann.
       
       taz: Die SPD galt bislang als Bewahrerin der gesetzlichen Rente und hatte
       immer Vorbehalte gegen die Aktienrente. Ein Missverständnis? 
       
       Klüssendorf: Die gesetzliche Rente ist und bleibt das Herzstück der
       Altersvorsorge in unserem Land. Wir kämpfen weiterhin hart dafür, dass sie
       stark bleibt und die Menschen sich weiterhin auf ein stabiles Rentenniveau
       verlassen können. Das konnte jeder in den letzten Wochen sehen. Richtig ist
       aber auch, dass die Altersvorsorge in Deutschland historisch gewachsen aus
       mehreren Säulen besteht. Dazu gehören auch betriebliche und private
       Altersvorsorge. Entscheidend ist, dass sie die gesetzliche Rente ergänzen
       und nicht ersetzen.
       
       taz: Sie haben also gar nichts gegen Aktien? 
       
       Klüssendorf: Aktien verteufele ich nicht. Es handelt sich am Ende um die
       Aufteilung von Unternehmen in unterschiedliche Eigentümer. Ich wünsche mir
       aber deutlich mehr Transparenz. Viele Leute wissen doch heute nicht, in
       welche Produkte sie investieren und wie der Finanzmarkt genau funktioniert.
       Dieses Wissen ist oft denen vorbehalten, die ohnehin viel Geld haben. Das
       ist ehrlich gesagt ein großer Missstand.
       
       taz: Eine Grundregel lautet, wer in Aktien investiert, sollte Geld übrig
       haben, denn es besteht immer die Gefahr, dass das Geld weg ist oder der
       Wert der Aktie zumindest sinkt. Wieso sollen jetzt auch Menschen, die jeden
       Cent umdrehen müssen, dieses Risiko eingehen? 
       
       Klüssendorf: Uns geht es bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge um
       Verlässlichkeit. Die Idee der Reform ist, über einen langen Zeitraum mit
       einem breit gestreuten Portfolio risikoarm in die Rente zu investieren. Es
       geht eben nicht um die Rekord-Rendite und den kurzfristigen Gewinn, sondern
       um langfristige Stabilität.
       
       taz: Selbst die gern als Vorbild für Verlässlichkeit zitierten schwedische
       Pensionsfonds sind dem Risiko der Kursverluste ausgesetzt. 2023 machte der
       größte [1][Pensionsfonds Alecto 1,7 Milliarden Euro Verlust.] Wäre das Geld
       der Menschen nicht besser aufgehoben im gesetzlichen System? 
       
       Klüssendorf: Ein staatlicher Pensionsfonds unterscheidet sich von einer
       privaten Altersvorsorge. Aus meiner Sicht sind übrigens vor allem
       Investitionen sinnvoll, die auch dem Gemeinwohl dienen, wie zum Beispiel
       Breitbandausbau, Energieversorger oder Infrastrukturprojekte.
       
       taz: Ist eine solche Gemeinwohlorientierung auch vorgesehen bei den
       Produkten, die der Staat für die private Altersvorsorge bezuschussen will? 
       
       Klüssendorf: Denkbar ist vieles, die genaue Ausgestaltung liegt im
       Bundesfinanzministerium und wird dann im parlamentarischen Verfahren
       finalisiert.
       
       taz: Die [2][schwedischen Pensionsfonds investieren auch in den Berliner
       Wohnungsmarkt] und kaufen Wohnungen auf. Für die einen steigen die Renten,
       für die anderen die Mieten. Das heißt, irgendwer zahlt am Ende drauf, oder? 
       
       Klüssendorf: Auch Pensionsfonds sollten sich ihrer sozialen Verantwortung
       bewusst sein. Wenn der Staat in großem Umfang am Kapitalmarkt investiert,
       braucht es sehr klare Regeln. Ein solcher Pensionsfonds ist jedoch im
       aktuellen Gesetz nicht vorgesehen.
       
       taz: Wären Sie dafür? Das wäre das Generationenkapital reloaded, welches
       die FDP in der Ampel wollte. 
       
       Klüssendorf: Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass der Staat eine
       zweistellige Milliardensumme am Aktienmarkt investiert, um die gesetzliche
       Rente aus den Erträgen zu stabilisieren – allerdings nur unter sehr klaren
       Vorgaben.
       
       taz: Der letzte Versuch einer staatlich geförderten privaten Altersvorsorge
       gilt als gescheitert. Die Riesterrente war vor allem ein Geschenk für die
       Versicherungswirtschaft, die hohe Gebühren kassierte. Wieso jetzt ein neuer
       Anlauf? 
       
       Klüssendorf: Das ist [3][der Kern des neuen Vorschlags, dass Gebühren und
       Nebenkosten gedeckelt werden]. Dadurch sollen die Erträge für die Anleger
       am Ende höher ausfallen.
       
       taz: Für Menschen, die keine 30 oder 40 Euro am Monatsende übrig haben,
       wäre eine private Altersvorsorge keine Option. Und das sind doch genau die,
       die später sehr wahrscheinlich auch in Altersarmut leben werden. 
       
       Klüssendorf: Deshalb sind ja die drei Säulen so zentral. Für die, die heute
       von Armut betroffen sind und sehr niedrige Renten haben werden, brauchen
       wir dringend Verbesserungen in der gesetzlichen Rente. Denkbar wäre, sehr
       niedrige Einkommen stärker zu berücksichtigen, in dem zum Beispiel dort
       Rentenpunkte mehr wert sind oder kleinere Renten stärker wachsen als
       größere. Auch das ist ein Vorschlag, den die Rentenkommission mutig
       diskutieren sollte. In die Kommission setze ich große Hoffnungen.
       
       29 Dec 2025
       
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