# taz.de -- Adjayes Neubau fürs Studio Museum Harlem: Ein Statement aus schwarzem Beton
> In New York eröffnete der Neubau des Studios Museum Harlem, geplant von
> David Adjaye. Wofür steht das einst pionierhafte Museum für Schwarze
> Kunst heute?
(IMG) Bild: David Adjayes Neubau für das Studio Museum Harlem zwischen McDonald’s und New Yorker Gewerbe-Historismus
Ein eigenartiges architektonisches Ensemble begegnet dem Flaneur nun an der
zentralen Kreuzung von Harlem, dem African Square. Da ist an der Nordseite
des Platzes das brutalistische Ungetüm der New Yorker Verwaltung aus den
70er Jahren, benannt nach dem legendären schwarzen Senator Adam Clayton
Powell. Schräg gegenüber liegt das Art-déco-Hochhaus des einst glanzvollen
Theresa Hotel, in dem Prominenz von [1][Muhammad Ali] über Fidel Castro bis
zu Jimi Hendrix abgestiegen ist. Eine Platte im Bürgersteig davor gedenkt
des Besuchs von Nelson Mandela 1990 in der „Hauptstadt des schwarzen
Amerika“.
Auf der anderen Seit des A. C. Powell Boulevard ist seit Neuestem ein
eklektizistisches Trio an Gebäuden zu bewundern, das in seiner
Gebrochenheit den Charakter des Platzes spiegelt: Auf der Ecke ein
gesichtsloser Glaskubus für das Servicezentrum eines Mobilfunkanbieters,
etwas weiter eines der reich ornamentierten Lagerhäuser aus dem späten 19.
Jahrhundert und dazwischen drängt wie eine dunkle Festung das gerade neu
eröffnete Studio Museum of Harlem des britisch-ghanaischen Architekten
David Adjaye hervor, ganz in schwarzem Beton.
Die Schwere des Gebäudes, das der Architekturkritiker der New York Times,
Michael Kimmelman, als „muskulös“ bezeichnet, widerspricht beim ersten
Augenschein dem Anspruch des Museums, sich ganz dem Viertel zu öffnen und
ein Teil von Harlem zu sein. Dass sich die vielfach gebrochene und
verschachtelte Fassade wie „ein Essay über Blackness“ liest, wie Kimmelman
schreibt, erscheint eher abstrakt. Und ob wohl der Kniff Adjayes
funktioniert, die typischen Treppenaufgänge zu Harlemer Wohnhäusern – oft
Zentrum des sozialen Lebens des Viertels – ins Gebäudeinnere zu verlegen?
Mit dem Museum festigt Adjaye seine Reputation als der exponierteste
schwarze Architekt, der nicht nur wichtige Kulturinstitutionen wie [2][das
Museum für afroamerikanische Geschichte an der National Mall in Washington,
D. C., geplant hat], sondern auch der afrikanischen Diaspora eine eigene
architektonische Sprache verleiht. Sein Renommee aber erlitt einen schweren
Schlag, als 2023 Anschuldigungen sexueller Belästigung gegen ihn
vorgebracht wurden. Auch von der Arbeit am Studio Museum musste er
vorzeitig zurücktreten.
## Bescheidene Anfänge
Die Architektur des 160-Millionen-Dollar-Baus trägt weiterhin die
Handschrift Adjayes. Und sie ist ein Statement: Der Bau sticht heraus. Denn
trotz seiner bescheidenen Anfänge [3][ist das Studio Museum] zu einer
weltweit bedeutenden Institution für die Kultur der afrikanischen Diaspora
geworden.
Als es 1968 in einem Loft über einem Schnapsladen nahe dem heutigen
Standort eröffnete, sollte es den in traditionellen Institutionen
dramatisch unterrepräsentierten afroamerikanischen Künstlern einen Raum zum
Arbeiten und Ausstellen geben und dies möglichst nah an den Menschen des
Viertels. Sammeln gehörte damals nicht zur Mission des Museums. Heute
besitzt das Studio Museum mehr als 9.000 Werke schwarzer Künstler mit
großen Namen wie Jacob Lawrence, Romare Bearden, Jean-Michel Basquiat und
[4][Kehinde Wiley.] Der Wert seines Sammlungsbestands wird auf 300
Millionen geschätzt.
Es ist klar, dass die heutige Institution eine andere Rolle spielen muss
als das alte Studio Museum. Nicht nur das Museum ist stark gewachsen, auch
sein Kontext hat sich verändert: Harlem ist anders geworden, New York ist
anders geworden, und die amerikanische Kulturlandschaft ist anders
geworden.
Die USA waren 1968 auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung, Martin
Luther King war gerade ermordet worden, Harlem hatte die schlimmsten
Unruhen seiner Geschichte erlebt. Zugleich standen in New York 21
Mitglieder der Black Panthers vor Gericht. Im Studio Museum und auf den
Straßen des Viertels wurde darum gerungen, schwarzes Bewusstsein, eine
schwarze Sprache zu finden. Derweil war der Stadtteil selbst vernachlässigt
und verfallen.
2025 hat die amerikanische Kultur bewegte fünf Jahre hinter sich. Nach dem
Mord an George Floyd 2020 stolperten sich amerikanische Kunstinstitutionen
geradezu über die Füße, das zu tun, was das Studio Museum schon immer getan
hat: schwarze Kunst zu zeigen, zu fördern und zu sammeln. Dann kam Trump
erneut an die Macht und stellte die Kunsteinrichtungen unter Druck, ihre
Inklusionsbemühungen wieder einzustellen. Das schwarze Harlem wird
unterdessen von einer Gentrifizierungswelle überrollt.
## Querschnitt dessen, was schwarze Kunst sein soll
Direktorin Thelma Golden sieht ihr Museum in diesen Zeiten nach wie vor als
Fels in der Brandung: „Das Museum soll das sein, was es schon immer war –
ein Raum, der sich mutig und radikal durch die Stimmen und die Vision
schwarzer Künstler definiert.“ So zeigt die Eröffnungsausstellung in den
verschachtelten, vieldimensionalen Galerien des Adjaye Baus einen
beeindruckenden Querschnitt dessen, was schwarze Kunst seit 200 Jahren
alles sein kann – von Porträts aus dem frühen 19. Jahrhundert bis zur
Performance-Kunst von David Hammons.
[5][Welche Rolle schwarze Kunst] in einem sich verändernden politischen und
kulturellen Kontext spielen kann, bleibt jedoch ebenso unklar wie
diejenige, die das Museum in New York spielen wird. Thelma Golden möchte,
dass es ein Ort ist, der Hoffnung macht, an dem Auseinandersetzung mit
komplexen Ideen möglich ist. Gefährdet wird ihr Ansinnen freilich nicht nur
durch die feindselige Politik in Washington. Eher dadurch, dass schwarze
Kunst trotz Donald Trump weiterhin als schick gilt; das Studio Museum
könnte zur Pilgerstätte für Coolness-Jäger werden.
Dann würde das Museum mit seinem Stararchitekten-Bau unweigerlich die
Aufwertung Harlems vorantreiben. Zugleich ist es ohnehin als etablierte
Institution längst wie andere [6][New Yorker Museen Spielball eines
Interessengeflechts] aus Finanz und Politik. Es ist ein kompliziertes
Terrain, auf dem Thelma Golden da zu navigieren hat.
29 Dec 2025
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## AUTOREN
(DIR) Sebastian Moll
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