# taz.de -- Spektakel im Berliner Zoo: Tiere, Bäume, Sensationen
> Im Berliner Zoo werden übrig gebliebene Weihnachtsbäume verfüttert.
> Medien lieben so was. Es läuft aber nicht ganz so wie geplant.
(IMG) Bild: Auch große Katzen spielen gern: ein Tiger und sein Weihnachtsbaum im Berliner Zoo
Sonja guckt neugierig, kommt aber keinen Schritt näher. Alice und Milo
stehen noch weiter hinten, und von Xena ist nicht mal etwas zu sehen. Für
die übrigen Anwesenden ist das jetzt etwas ungünstig. Denn sie sind
gekommen, um Sonja und Co beim Weihnachtsbaumverzehr zu fotografieren,
sauber aufgereiht stehen sie am Rentiergehege des [1][Berliner Zoos], ein
Teleobjektiv länger als das nächste. Aber die Tiere bleiben in sicherer
Entfernung. Dabei hatte Milo kurz zuvor, als die Bäume noch auf dem Gehweg
lagen, schon seine Schnauze durchs Geländer gestreckt.
Seit Jahrzehnten verteilt der Berliner Zoo nach Weihnachten unverkaufte
Christbäume an seine Tiere. Er bekommt sie von ausgewählten Händlern, die
ihre Bäume unbehandelt lassen. Mehrere Hundert sind so dieses Mal
zusammengekommen, laut Zoo bieten sie den Tieren mit ihren ungewohnten
Gerüchen, Oberflächen und Strukturen „eine besondere Form der
Anreicherung“. Manche Tiere fressen die Zweige, andere nutzen sie als
Spielzeug oder schubbern ihren Rücken daran. Viel Neues passiert in
Gefangenschaft ja sonst auch nicht.
Exotische Tiere, Weihnachten, Recycling – diese Kombination überrascht, ist
griffig, putzig und bildstark. Journalisten lieben so etwas. Entsprechend
viele Foto- und Filmanfragen erreichen den Berliner Zoo, der diese zu einem
Termin bündelt. Bei dem werden dann an mehreren Stationen Bäume frisch
ausgeteilt, auch wenn sie in anderen Tiergehegen längst stehen oder hängen,
wie etwa bei den Wisenten oder den Tigern.
Am ersten Montagmorgen des neuen Jahres stapft also eine kleine
Journalistenkarawane durch den Zoo. Es wird eifrig geplaudert, das große
Thema sind aber nicht die Tiere, sondern [2][der tagelange Stromausfall] im
Südwesten der Stadt. Eine Fotografin erzählt von ihrer frustrierenden
Motivsuche vor Ort. Längst nicht alle Straßenlaternen seien ausgefallen, in
den wenigen dunklen Straßen würden die Menschen nicht wie erhofft mit
Taschenlampen herumlaufen, und in die von Kerzenlicht erleuchteten
Wohnungen könne man nicht rein – die Klingeln würden ja auch nicht
funktionieren.
Denn darum geht es: Ein Ereignis, eine Erzählung in nur einem einzigen
Motiv festzuhalten. Auch hier im Zoo. Doch dafür müssten die Rentiere jetzt
mal zu den Bäumen gehen, die ein Tierpfleger schwungvoll ins Gehege
geworfen hat. Sie tun es nicht. Die Karawane zieht weiter, zu den
Elefanten. „Eine Bank“ seien die, verspricht die Pressesprecherin. Und
tatsächlich, kaum sind die feuerwehrtorgroßen Türen des Elefantenhauses
offen, trabt Anchali, mit 13 Jahren die Jüngste, los. Mit ihrem Rüssel hebt
sie nacheinander zwei Bäume hoch, danach ist eine mit Futter gefüllte Kugel
erst einmal spannender.
Auch gegenüber bei den Sibirischen Steinböcken werden nun ein paar Tannen
platziert. Der Bock mit den längsten Hörnern schaut sich das gleich mal an
– doch da hasten die Fotografen schon wieder zurück, denn Anchali hat sich
einen weiteren Baum geschnappt. Und Elefanten verkaufen sich einfach
besser, da kann der Steinbockhügel noch so pittoresk verschneit sein.
Weil das alles noch ein wenig unbefriedigend ist, improvisiert das
Presseteam flugs eine vierte Station: Ein weiterer Baum wird mit essbaren
Süßkartoffelscheiben geschmückt und bei den Pandas platziert. Bewacht von
ihrer Mutter toben, tapsen und hampeln [3][die Nachwuchsbärinnen Leni und
Lotti] um ihn herum, und die Fotografen drängeln sich am Geländer, das hier
ziemlich eng ist.
Inzwischen sind auch reguläre Besucher mit im Zoo und einer fragt, ob sein
Kind mal nach vorne darf. Aber keine Chance. Nicht, wenn das Motiv gerade
stimmt.
8 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Michael Brake
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