# taz.de -- Erinnerung an NS-Verbrechen: Tötungsanstalt an der Havel
> In Brandenburg (Havel) stand eine Vernichtungsanstalt des
> NS-„Euthanasie“-Programms. Heute führen Menschen mit Behinderungen durch
> die Gedenkstätte.
(IMG) Bild: Mario Sommer, Mike Poller, Carola Breuer und Alf Düsterhöfft bei der Führung durch die Gedenkstätte
Das beklemmende Gefühl reist mit von Berlin nach Brandenburg an der Havel.
Auch meine Schwester ist im Geiste dabei, ich muss oft an sie denken, seit
der Termin in der Gedenkstätte für [1][die Opfer der Euthanasiemorde]
ausgemacht ist. Meine Schwester lebt in einer Wohnstätte für Menschen mit
Behinderungen. Sie wäre damals zur Nazizeit womöglich in so einer
Tötungsanstalt umgebracht worden, spukt es mir durch den Kopf.
In Brandenburg an der Havel gibt es inklusive Führungen: Menschen mit
Behinderungen führen durch [2][Gedenkstätte und Ausstellung]. Christian
Marx, Historiker und pädagogischer Mitarbeiter der Gedenkstätte, sagt, dass
Gedenkstättenleiterin Sylvia de Pasquale 2015 den Wunsch nach Inklusion
geäußert habe. „Wir hatten von Inklusion keine Ahnung“, erzählt Marx
freimütig. Und so wurde Kontakt zur [3][Lebenshilfe-Werkstatt in der Stadt]
aufgenommen, zu Carola Breuer – sie sitzt auch heute in der Runde.
Anfangs waren es zwölf Menschen mit Lernschwierigkeiten – „das ist der
Begriff, den wir benutzen“, sagt Christian Marx –, die sich 2016 für den
Job des Guides qualifizierten. [4][Ein Jahr später ging es mit den
inklusiven Führungen los.] „Wir waren damit die Ersten in Deutschland“,
sagt Marx.
Nicht alle sind bei der Stange geblieben, sieben sind bis heute dabei.
Carola Breuer war jahrelang Sozialarbeiterin in der Werkstatt und hat
zusammen mit Marx das Projekt aufgebaut. Nun in Rente macht sie weiter,
weil ihr die Führungen Spaß machen – und bedeutend erscheinen: „Mir ist
wichtig, dass diese Menschen gesehen werden und Bestandteil der
Gesellschaft sind. Inklusion passiert doch nur durch das
In-Kontakt-miteinander-Kommen. Man hat immer Angst vor dem Fremden, das ist
mit den Ausländern so, das ist mit den Behinderten so – das ist
Unwissenheit.“
Zu Beginn stellen sich die Guides vor. Alf Düsterhöfft, Katrin König, Mike
Poller, Christel Kindel und Mario Sommer arbeiten in verschiedenen
Bereichen der Lebenshilfe-Werkstatt und bieten allen das Du an. „Und
übrigens“, sagt Mario dann noch, „haben wir nächstes Jahr ein Jubiläum, wir
sind dann zehn Jahre Guides.“ Christian Marx greift das auf: „Dann machen
wir eine große Party.“
Doch hier und jetzt geht es erst mal um die Macht der Worte. Alf steht vor
einem leeren Clipchart und fragt die Gäste der Führung, „wie die Nazis
behinderte Menschen nannten“, und gibt sogleich Beispiele: „Sinn-los“, sagt
er – Christel hält dazu ein Papier in die Luft, auf dem ebendieses Wort
(mit Bindestrich) zu lesen ist, und pinnt es an. Die Nazis behaupteten,
behinderte Menschen wären „un-nütz, minder-wertig, erb-krank – und nun
kommt das schwierigste Wort: lebens-unwert“, sagt Alf. „Da fehlen den
meisten Leuten die Worte.“
Die Guides führen die Gruppe nach draußen vor die lang gestreckte, hellgrau
verputzte Hausfassade. Sie haben laminierte Unterlagen dabei und halten
alte Fotos vor der Brust, damit wirklich alle an der Führung Teilnehmenden
die Bilder gut sehen können: So hat es hier also früher ausgesehen, nicht
alle Gebäudeteile von einst haben den Krieg überstanden.
Katrin liest dazu einen Text in großen Druckbuchstaben ab. „Hier“– und sie
zeigt dabei mit dem Arm auf die Wand hinter sich – „sperrten die
Nationalsozialisten ab 1933 politische Gegnerinnen und Gegner ein. 1939
wurde es eine Euthanasieanstalt. Das heißt: Menschen wurden hier getötet.
Heute befindet sich in dem Gebäude die Stadtverwaltung“, sagt Katrin und
hält das Foto von damals wieder hoch.
## Mitten in der Stadt
Das Gelände mitten in der Stadt am Nicolaiplatz – von den Einheimischen
liebevoll „Nico“ genannt – war ursprünglich ein Landarmen- und
Invalidenhaus, ab 1820 wurde es als Zuchthaus genutzt. 1933 richtete die
Polizeiverwaltung Brandenburgs dort eines der ersten Konzentrationslager
auf reichsdeutschem Gebiet ein, das bis Ende Januar 1934 Bestand hatte.
Knapp sechs Jahre später, Anfang Dezember 1939, wurde ein Großteil des
Strafanstaltkomplexes zur Mordstätte für [5][das nationalsozialistische
Euthanasieprogramm „Aktion T4“] hergerichtet. Zwischen Februar und Oktober
1940 tötete das Personal dort mehr als 9.000 Menschen. In den insgesamt
sechs T4-Tötungsanstalten im Deutschen Reich wurden zwischen Januar 1940
und August 1941 etwa 70.000 Menschen umgebracht.
„Die Ermordung von Menschen durch Giftgas begann hier in Brandenburg an der
Havel“, sagt Marx. Die meisten Ermordeten waren Menschen mit
psychiatrischen Krankheitsbildern und Behinderungen sowie soziale
Außenseiter.
Die Guides erinnern im Lauf der Führung auch an die politischen Gefangenen
des Konzentrationslagers. Mario berichtet an der nächsten Station zum
Beispiel vom Schicksal von Gertrud Piter, einer „Gegnerin der Nazis. In
diesem Gebäude wurde sie 1933 ermordet. Sie war eine
Wiederstandskämpferin“, sagt Mario, und Katrin ruft in die Runde hinein:
„Sie hat etwas gegen Hitler gehabt!“
Christian Marx hat Zahlenmaterial parat: „Aus verschiedensten Parteien und
Organisationen sind 1933/1934 hier Menschen eingesperrt worden, es waren
rund 1.200, viele aus der Stadt Brandenburg. Drei Häftlinge kamen ums Leben
und einige 1934 ins KZ Oranienburg.“
Mike treibt die Gruppe an. Er erklärt dabei, wie das hier vor dem Krieg
aussah, wo früher die Busse mit den „Patienten“ auf den Hof durch ein heute
nicht mehr existierendes Tor fuhren. „Da hinten“, deutet er mit dem Arm in
Richtung Nicolaiplatz.
Christian Marx berichtet, wer hier getötet wurde: „Männer, Frauen, Kinder.
Das älteste Opfer war ein 87 Jahre alter Mann, die Jüngsten waren
zweijährige Kinder.“ Von den mehr als 9.000 Opfern in Brandenburg an der
Havel wurden rund 8.000 identifiziert. „Von ungefähr 1.000 Menschen wissen
wir also nicht, wer sie waren.“
Mike übernimmt es, die Gruppe wieder nach drinnen in die Ausstellung zu
lotsen. Alf berichtet währenddessen, dass sich in diesem Gebäude früher
womöglich die Kantine befand. „Hier wurde gegessen, und nebenan wurden
Menschen ermordet, wie eklig.“
Der Rundgang durch die Ausstellung macht an ausgewählten Punkten Station.
Da geht es etwa um die Meldebögen. Ein Exemplar ist zu sehen, in dem einer
Frau als Diagnose „Idiotie“ angedichtet wurde. Das Schreiben hat in der
linken Ecke ein freies weißes Feld und den Vermerk „Dieser Raum ist frei zu
halten“ – aber wozu?
Ein Rollenspiel verdeutlicht die monströse Bürokratie hinter dieser
Tötungsanstalt. Christian Marx spielt dafür einen Mitarbeiter der
Euthanasiemordaktion aus Berlin, Alf den Direktor der Anstalt, der für das
Ausfüllen der Meldebögen verantwortlich war. Beide tun so, als ob es sich
um ein normales Krankenhaus handeln würde: „Bitte alles ordentlich
ausfüllen!“ – nur eben die eine Stelle nicht. Ohne es auszusprechen, wofür
das weiße Feld diente, wird mit der Zeit deutlich (und dann am Ende auch
erklärt): Es diente der Selektion, dem Todesurteil.
Christel liest aus einem „Trostbrief“ an die Angehörigen, der die traurige
Nachricht vom Tod überbringt, die wahre Todesursache aber verschleiert. In
diesem Brief ist von einer „septischen Angina“ die Rede und davon, dass
„trotz aller Bemühungen unserer Ärzte die Versuche, die Patientin am Leben
zu erhalten, erfolglos blieben“.
„Lügen über Lügen“, macht Alf weiter. Das ging schon mit dem Namen der
Einrichtung los. „Landespflegeanstalt Brandenburg an der Havel – hier wurde
nie jemand gepflegt, hier stand kein einziges Bett, Menschen, die hier
ankamen, wurden sofort getötet.“ Die Namen der unterzeichnenden Ärzte waren
erfunden, oft auch die Orte des Todes. Die Todesursachen sowieso. „Alles,
um die Mordtaten zu verschleiern“, fasst Alf entrüstet zusammen.
Die Gruppe bleibt vor einer riesigen Kopie eines Familienfotos von 1912
stehen. Es zeigt die Feier der silbernen Hochzeit von Auguste und Samuel
Scheuer; dazu sind alle Abgebildeten der jüdischen Familie mit den
Lebensdaten aufgelistet. Einige konnten nach Argentinien fliehen. Lina
Caroline Stern, geborene Scheuer, hatte nicht das Glück. Sie wurde am 1.
Oktober 1940 im Sammeltransport mit 125 jüdischen Patienten der Heil- und
Pflegeanstalt Gießen nach Brandenburg an der Havel verlegt – und dort mit
Kohlenmonoxid getötet. „Der jüdische Glaube reichte zum Töten“, liest
Christel vor. „Rund 800 Jüdinnen und Juden wurden hier ermordet.“
Alf berichtet davon, dass es zu Unruhen gekommen sein soll. Dass es da
hinter den Mauern am Nicolaiplatz nicht mit rechten Dingen zugegangen sei,
hätten viele wohl geahnt haben müssen, erzählt er. „Die Leute wurden
stutzig, weil es ordentlich gestunken hat und die Schornsteine auch im
Sommer rauchten. Und dann die vollen Busse, die wieder leer herausgefahren
sind.“
Die Euthanasieanstalt in Brandenburg an der Havel wurde im Herbst 1940
geschlossen. Das Morden aber, sagt Alf, ging weiter: in den Krankenhäusern,
den Pflegeanstalten, durch Verhungern, Medikamente, Spritzen. „Die erste
Form der Euthanasie war zu auffällig, deshalb wurde im Verborgenen
weitergemordet“, beendet Alf seinen kurzen Vortrag.
„Noch irgendwelche Fragen?“ Nein, keine. Es herrscht bedrücktes Schweigen.
## Seltsame schwarze Flecken
Jetzt, wo wir wieder nach draußen gehen, an den Ort des Tötens, wird es
noch stiller. Keiner muss, darauf wird ausdrücklich hingewiesen, aber alle
wollen sich das zumuten. Die Gruppe geht über eine asphaltierte Fläche (auf
der Autos parken) auf Stelen zu, auf denen Bilder und Lebensdaten von
getöteten Menschen aus verschiedenen Opfergruppen zu sehen sind. Dahinter
sind die Grundmauern eines nicht mehr existierenden Gebäudes zu erkennen,
auf dem Boden liegt Schotter: Hier stand die Scheune, auf alten Fotos ist
sie zu sehen. An der Grundstücksgrenze steht eine Ziegelmauer mit seltsamen
großen schwarzen Flecken.
Die Guides stellen sich, diese Mauer im Rücken, in Reihe auf. Mike ergreift
als Erster das Wort. „In der Scheune war die Gaskammer. Sie war klein, drei
Meter breit und fünf Meter lang. Dahinten“ – und er zeigt darauf –, „wo die
schwarzen Flecken sind, waren zwei Öfen.“
In der Gaskammer wurden die Menschen mit Giftgas getötet, sie mussten sich
ausziehen, ihnen wurde gesagt, „dass sie dort frische Luft einatmen oder
duschen, doch sie wurden schamlos belogen“, sagt Alf, der als Zweiter
spricht. Ein Arzt sah sich die Menschen kurz an, untersuchte sie aber
nicht, sondern dachte sich Todesursachen aus und „guckte auch nach
Goldzähnen – diese Menschen bekamen einen Strich auf die Schulter“, damit
man nach dem Tod die Goldzähne herausbrechen konnte, ohne lange danach zu
suchen. „In den Verbrennungsöfen wurden die Menschen verbrannt“, sagt Alf –
„mitten in der Stadt.“
Schweigen. „Will noch jemand was ergänzen?“, fragt Alf die anderen Guides.
„Nein“, sagt Katrin, „du hast alles gesagt“, um dann doch noch über Elvira
Hempel – Diagnose „schwachsinnig“ – zu sprechen, die als Achtjährige wie
durch ein Wunder kurz vor der Gaskammer vermutlich von einem Arzt den
Befehl bekam, sich wieder anzuziehen. Sie kam in die psychiatrische Anstalt
bei Magdeburg, aus der sie nach Brandenburg an der Havel – zum
Getötetwerden – gekommen war. „Dort erlebte sie das Kriegsende“, erzählt
Katrin.
Am Ende können alle Teilnehmenden einen Stein auf Fotos von Stationen der
Führung legen. Die meisten landen auf dem Foto des Richters Lothar Kreyssig
(1898–1986) aus Brandenburg an der Havel, der sich mit einer Strafanzeige
gegen das Töten gestellt hat. Kreyssig wurde zwangsbeurlaubt und im März
1942 in den Ruhestand versetzt. Michel, einer der Teilnehmenden, erklärt,
warum sein Stein auf dem Foto von Kreyssig liegt: „Das war mutig, was er
getan hat.“
Die Nachfrage nach den inklusiven Führungen ist groß. „Wir sind gut gebucht
von Auszubildenden, gerade denen in sozialen Berufen“, sagt Carola Breuer,
„und von Schulklassen aus Brandenburg an der Havel.“ Angefangen habe es
2017 mit über 20 Führungen, letztes Jahr seien es über 60 gewesen. „Diese
Woche sind wir drei Tage hier“, sagt sie und schiebt hinterher: „Wir sind
ein eingespieltes Team.“
14 Jan 2026
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