# taz.de -- Psychologe über Euthanasie in Hamburg: „Sie wussten, was sie taten“
> Menschen mit Behinderung wurden von Alsterdorf in KZs geschickt. Michael
> Wunder sollte die NS-Verbrechen aufarbeiten. Warum das Jahrzehnte
> dauerte.
(IMG) Bild: Gedenkstein in Hamburg für die Opfer des NS-Euthanasie-Programms
taz: Herr Wunder, wie stark war [1][Hamburg an den Euthanasieverbrechen]
beteiligt?
Michael Wunder: Das Besondere an Hamburg ist, dass man lange behauptet hat:
Bei uns, in der weltoffenen Hansestadt, war alles nicht so schlimm. Deshalb
fiel es wohl schwer, bestimmte historische Zusammenhänge zu erforschen und
sich öffentlich dazu zu bekennen. Was die Euthanasiegeschichte betrifft,
ist ihre [2][Aufarbeitung in Alsterdorf], der damals größten Hamburger
„Heil- und Pflegeanstalt“ für Menschen mit Behinderung, im Vergleich zu
anderen Regionen relativ früh erfolgt: Anfang der 1980er Jahre. Aber auch
das war 40 Jahre nach den Verbrechen natürlich viel zu spät.
taz: Inwiefern war Hamburg Vorreiter der Euthanasie?
Wunder: Hamburg war in der NS-Zeit ein „Mustergau“: eine gerade in der
Sozial- und Gesundheitspolitik gut durchorganisierte Stadt mit einer schon
früh rassistisch und sozialhygienisch orientierten Politik. Dazu gehörte
die rabiate Erfassung von Opfergruppen. Hamburg beschleunigte die
Verfolgung der rassistisch Unerwünschten zudem durch die Einführung der
Kategorie des „moralischen Schwachsinns“ für die Zwangssterilisation. Auf
diese Weise wurden neue Opfergruppen definiert, etwa Prostituierte und
alleinerziehende Frauen, die weiter Kinder bekamen. Diese Methoden sind
dann schnell auch reichsweit angewandt worden.
taz: Was ist konkret in Alsterdorf passiert?
Wunder: Alsterdorf war führend an der Erfassung von Menschen mit
Behinderung oder psychischer Erkrankung beteiligt. Stammbäume ganzer
Familien, im NS-Jargon „erbkranker Sippen“, wurden in einer
„Erbgesundheitskartei“ erfasst und an die Gesundheitsämter gemeldet.
Alsterdorfer Ärzte haben in den Erbgesundheitsgerichten mitgearbeitet, also
beurteilt, wer zwangssterilisiert wurde. Außerdem herrschte in Alsterdorf
ein rigoroser Antisemitismus: Schon 1938 wurden vorauseilend 26 jüdische
Insassen der Anstalt verwiesen.
Die Anstaltsleitung behauptete, man könne die Gemeinnützigkeit verlieren,
wenn man sie gemeinsam mit „arischen“ Patienten versorgte. Diese Patienten
gehörten 1940 zu dem ersten Abtransport Hamburger Opfer ins Gas. Die
jüdischen Patienten waren die ersten Hamburger Euthanasie- und gleichzeitig
Holocaustopfer. Und dann natürlich die Alsterdorfer Mittäterschaft an der
Euthanasie in allen Phasen. 630 Menschen mit Behinderung wurden aus
Alsterdorf abtransportiert, 513 wurden nachweislich ermordet. Zu den
Meldebögen verfasste man übrigens ein Exkulpierungsmemorandum.
taz: Was stand darin?
Wunder: Die Anstaltsleitung beteuerte, man melde diese Menschen nur, weil
der Staat es verlange. Man lehne jede Verantwortung ab, wenn die Daten, die
offiziell der planwirtschaftlichen Erfassung dienten, für andere Zwecke
verwendet würden. Unsere Nachforschungen haben jedoch ergeben, dass dieses
Memorandum wahrscheinlich nicht mit dem Meldebogen mitgeschickt wurde,
sondern nach wie vor in Alsterdorf liegt. Daher weiß man nicht, ob dieser
angebliche Protest, der in den Nachkriegsprozessen eine große Rolle
spielte, wirklich stattfand. Insgesamt sind aus Hamburg bislang 4.800
Euthanasieopfer bekannt.
taz: Weiß man von Protesten der Ärzte und Pflegenden?
Wunder: Aus Alsterdorf gibt es die Geschichte, dass Pflegerinnen mit „ihren
Kindern“, wie sie es nannten, an die Alster flohen, damit die Häscher aus
den Bussen sie nicht kriegten. Die Geschichte hat sicherlich einen gewissen
Wahrheitswert, aber das waren Einzelaktionen. Nach dem Krieg haben sowohl
die damalige Alsterdorfer Oberin als auch die Schwesternschaft gesagt: Wir
wussten von nichts. In den 2000ern ist dann der Brief einer Schwester an
die Oberin von 1947 aufgetaucht. Sie schreibt, dass sie der Oberin 1943 ein
von den Alliierten abgeworfenes Flugblatt mit Fakten zur Euthanasie gegeben
habe. Das war der unfreiwillige Beleg, dass alle Schwestern Bescheid
wussten. Sie begleiteten die Patienten zu den berüchtigten grauen
Deportationsbussen, und sie wussten, was sie taten.
taz: Wie verlief die Aufarbeitung in Alsterdorf?
Wunder: Die Evangelische Stiftung Alsterdorf, wie die damaligen
Alsterdorfer Anstalten heute heißen, hat sich lange mit Händen und Füßen
gegen die Geschichtsaufarbeitung gewehrt. Ende der 1970er Jahre hat
[3][Staatsanwalt Dietrich Kuhlbrodt] angefangen, gegen den ehemaligen
Leiter von Alsterdorf, Pastor Friedrich Lensch, sowie den ehemaligen
Oberarzt Gerhard Kreyenberg zu ermitteln.
taz: Auf welcher Basis?
Wunder: Der als geistig behindert abgestempelte Albert Huth hatte ein
Tagebuch über die NS-Zeit geschrieben und Mitte der 1970er Jahre der
Staatsanwaltschaft zugeschickt. Die leitende Psychiaterin der Anstalt sagte
daraufhin öffentlich: „Albert Huth ist ein Psychopath, und der konfabuliert
in seine Erinnerungslücken.“ Und der leitende Pastor behauptete, Huth wolle
sich durch unglaubwürdige Geschichten interessant machen.
taz: Aber der Staatsanwalt nahm das Tagebuch ernst.
Wunder: Ja, Kuhlbrodt begann zu ermitteln. Als er zur Akteneinsicht nach
Alsterdorf kam, sagte man ihm, alles sei verbrannt. Beim nächsten Besuch
hieß es, ein Wasserschaden habe die Akten vernichtet. Schließlich fand
Kuhlbrodt sie durch Zufall in einem Schrank. Er sagte dann in einem
Interview der Zeit, dass die Aussagen in Huths Tagebuch seinen Ermittlungen
entsprachen. Diese unglaubliche Geschichte hat auch mich dazu gebracht, die
Euthanasie in Alsterdorf zu erforschen, was anfangs als Nestbeschmutzung
galt. Erst 1984, nach einem Vorstandswechsel, wurde ich offiziell mit der
Aufarbeitung der Geschichte betraut.
taz: Wurden die Täter nach dem Krieg belangt?
Wunder: Kuhlbrodt erstellte eine Anklageschrift gegen Pastor Lensch,
Oberarzt Kreyenberg und den Verwaltungsbeamten Kurt Struve. Alle drei
Verfahren wurden aber eingestellt. Lensch leitete bis 1976 ein Pfarramt,
Kreyenberg betrieb eine Praxis, Struve machte Karriere in der SPD. Auch die
Euthanasieärzte und -ärztinnen der Kinderfachabteilungen Rothenburgsort und
Langenhorn sowie der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn kamen davon.
12 Jan 2026
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(DIR) Petra Schellen
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