# taz.de -- Feministisches Buch im Autoritarismus: Als die Welt auf drei Marias schaute
> Portugals Diktatur zerrte 1973 Autorinnen vor Gericht, die über die
> patriarchale Unterdrückung schrieben. Es folgte ein globaler
> feministischer Protest.
(IMG) Bild: Ein Soldat mit Blumen im Gewehrlauf im April 1974 in Lissabon: Die sogenannte Nelkenrevolution beendete die Diktatur in Portugal
Mit einem gemeinsamen Ziel versammelten sich Frauen am 3. Juli 1973 in
Italien, Belgien, England, Japan, Finnland, den USA, Frankreich, Brasilien
und Portugal: Sie forderten die Freilassung der „drei Marias“, die an
diesem Tag in Portugal vor Gericht standen. Die Autorinnen Maria Velho da
Costa, Maria Isabel Barreno und Maria Teresa Horta waren 1972 nach der
Veröffentlichung ihres feministischen Gemeinschaftswerkes „Novas Cartas
Portuguesas“ („Neue portugiesische Briefe“) vom diktatorischen Regime in
Lissabon verhaftet worden.
Der Fall gab Anlass zu weltweiten Protesten und wurde so zu einer der
ersten globalen feministischen Solidaritätsaktionen. Koordiniert wurde das
Ganze von Vertreterinnen der „International Feminist Planning Conference“,
die sich im Juni 1973 in den USA trafen, um eine weltweite Frauenkonferenz
zu planen.
Die Situation von Frauen sollte nicht nur aus der jeweils isolierten
nationalen, sondern einer gemeinsamen globalen Perspektive betrachtet
werden. Wie aus einem Protokoll der Veranstaltung hervorgeht, wurde die
Hilfe für die „drei Marias“ zu einem der Hauptziele der Konferenz erklärt.
Maria Velho da Costa, Maria Isabel Barreno und Maria Teresa Horta
veröffentlichten „Novas Cartas Portuguesas“ zu einer Zeit, als ihr
Heimatland noch immer eine autoritäre Diktatur war. Der „Estado Novo“, der
Anfang der 1930er Jahre von [1][Machthaber António de Oliveira Salazar]
ausgerufen wurde, erlaubte nur eingeschränktes Wahlrecht und keine
Oppositionsparteien.
## Furcht vor eigensinnigen Frauen
Gegner:innen des Regimes wurden von der geheimen Staatspolizei verfolgt.
Für Frauen sah Salazars Regime Kinder, Küche und Kirche vor. Sie waren
ihren Vätern oder Ehemännern untergeordnet und mussten diese beispielsweise
um Erlaubnis bitten, wenn sie verreisen wollten. Die drei Marias und ihre
„Novas Cartas Portuguesas“ waren für das damalige Regime eine pure
Provokation und vereinten, was es fürchtete: eigensinnige Frauen.
Das Werk ist eine Sammlung von Prosa, Gedichten und Briefen mit teils
erotischen Beschreibungen. Zudem diskutieren die Autor:innen darin die
patriarchale Unterdrückung und kritisieren den portugiesischen
Kolonialismus. Das Buch verkaufte sich direkt nach seiner Veröffentlichung
sehr erfolgreich. Als das Zensurkomitee es nach drei Wochen beschlagnahmte,
wurde es illegal weiterverbreitet. Mit der Begründung, dass ihr Werk sowohl
pornografisch als auch ein Angriff auf die öffentliche Moral sei, wurden
die Autorinnen verhaftet.
Trotzdem gelang es, das Buch aus dem faschistischen Portugal
herauszuschmuggeln. Es erreichte so etwa Frankreich, wo unter anderem die
[2][feministische Philosophin Simone de Beauvoir] dabei half, das Werk ins
Französische zu übersetzen. Von dort wurde es in die ganze Welt verbreitet
und in weitere Sprachen übersetzt.
Verurteilt wurden die drei Marias letztlich nicht. Im Frühjahr 1974
beantragte die Staatsanwaltschaft einen Freispruch. Kurz darauf endete mit
[3][der sogenannten Nelkenrevolution] die Diktatur in Portugal.
4 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Die-Spuren-der-Nelkenrevolution/!1343555/
(DIR) [2] /Simone-de-Beauvoir-und-Feminismus/!5609524
(DIR) [3] /50-Jahre-Nelkenrevolution-in-Portugal/!6003528
## AUTOREN
(DIR) Clara Dünkler
## TAGS
(DIR) wochentaz
(DIR) Zukunft
(DIR) Kolumne Der Anstoß
(DIR) Feminismus
(DIR) Kolumne Der Anstoß
(DIR) Kolumne Der Anstoß
(DIR) Kolumne Der Anstoß
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Sklaverei in den USA: Truth predigt Wahrheit
Sojourner Truth ist bekannt für ihren Satz „Ain’t I a Woman?“, mit dem sie
zu einer Vordenkerin des intersektionalen Feminismus wurde.
(DIR) Grundgesetz: Als Frauen endlich gleichgestellt wurden
Elisabeth Selbert mobilisierte 1948 Frauen im ganzen Land. Ihre Aktion
brachte die Gleichberechtigung ins Grundgesetz.
(DIR) Kampf um Gleichberechtigung: Als die Isländerinnen ihr Land lahmlegten
1975 legten 90 Prozent der isländischen Frauen die Arbeit für einen Tag
nieder. Damit setzten sie ein feministisches Zeichen, das bis heute wirkt.