# taz.de -- R&B-Jahrgang 2025: Träumen Androiden besser mit KI?
       
       > Was zeichnet den typischen Sound von US-R&B aus? 2025 gab es noch
       > menschengemachte Meisterwerke von Rochelle Jordan, Sudan Archives und
       > Dijon. Und 2026?
       
 (IMG) Bild: Alle Daten auf der Festplatte: Sudan Archives
       
       Am 20. September 2025 landete Xania Monet mit dem Lied „How Was I Supposed
       to Know?“ auf dem ersten Platz der US-R&B-Charts im Bereich digitale
       Verkäufe. Später zog das Stück auch in andere Hitlisten ein. In dem Song
       geht es um einen Vater, der nicht zu lieben gelernt hat. Das Besondere an
       dieser Platzierung? Die Künstlerin Xania Monet gibt es gar nicht. Es ist
       eine KI-basierte Persona. Damit hat es erstmals eine Kreation von
       künstlicher Intelligenz in eine Hitparade geschafft.
       
       Produziert wurde Monet von der 31-jährigen Dichterin und Designerin Telisha
       Jones. Ausgerechnet also im zeitgenössischen US-R&B, einer Musikrichtung,
       in der die menschliche Stimme zum Ausdruck von glaubwürdigen Emotionen und
       zum individuellen Merkmal wird, übernimmt ein Avatar diese Rolle.
       
       Sängerinnen wie SZA und Kehlani wetterten prompt gegen den Erfolg von Xania
       Monet. Empören könnten sich auch Janelle Monáe und Victoria Monét, deren
       Namen sehr ähnlich klingen. Der Song „How Was I Supposed to Know?“ folgte
       einem typischen Schema aus Steigerung und Herunterfahren, wie es tausend
       andere Balladen vorgemacht haben.
       
       Vielleicht sagt der Fall also vor allem etwas darüber aus, wie generisch
       R&B inzwischen funktioniert und wie einfach es ist, Musikerwartung perfekt
       durch Simulation zu erfüllen. Am Ende geht es auch um die alte Pop-Frage,
       was Authentizität und Glaubwürdigkeit bedeuten. Und um viel Geld natürlich:
       Telisha Jones hat einen millionenschweren Plattenvertrag angeboten
       bekommen. Es steht also noch mehr von Xania Monet zu befürchten.
       
       ## KI-Muster aufbrechen
       
       Glücklicherweise gibt es im zeitgenössischen R&B jedoch weiterhin Werke,
       die solche Muster aufbrechen. Highlights in diesem Jahr stammten von
       Rochelle Jordan, [1][Sudan Archives] und Dijon. Schon auf ihrem letzten
       Album „Play With The Changes“ (2021) hat Rochelle Jordan, 36, den
       zeitgenössischen R&B in Richtung elektronischer Clubmusik erweitert. Waren
       es da noch vereinzelte Drum-'n'-Bass-Anleihen, so hat die
       kanadisch-britische Sängerin und Komponistin dieses Jahr mit „Throught The
       Wall“ ein lupenreines Dancealbum veröffentlicht.
       
       Damit nimmt Jordan auch die lange Tradition von Musiker*innen wie
       Whitney Houston, Janet Jackson und Toni Braxton auf, die die Grenzen
       zwischen R&B und House immer wieder verwischt haben: Braxtons Hit-Single
       „Un-Break My Heart“ (1996) kann als Herz-Schmerz-Ballade verstanden werden,
       verwandelt sich durch die Remix-Künste des US-House-Pioniers Frankie
       Knuckles jedoch in eine befreiende Hymne. Hieran knüpft Rochelle Jordan an.
       
       Die 17 Stücke von „Through The Wall“ bestechen allesamt durch tanzbare
       Beats, Bässe und Grooves. „TTW“ ist ein fetter Deep-House-Track. „Close 2
       Me“ passt in jedes Garage-House-Set. Minimalistisch kommt „I’m Your Muse“
       daher. Für eine gehörige Portion Old School Funk sorgt „Sweet Sensation“,
       produziert von Dâm-Funk aus Los Angeles.
       
       ## Mächtige Rhythmen
       
       Mächtige Rhythmen bilden aber nur das Fundament für Jordans vielschichtigen
       Gesang zwischen ätherischen Hauchen und irdischer Direktheit wie in dem
       Stück „Around“, in dem Jordan lässig in Hochgeschwindigkeit singt-rappt.
       Und wie bereits der Titel andeutet, besticht „Ladida“ durch einen so
       einfachen wie eingängigen Mitsingrefrain. Eine Platte, gleichermaßen zum
       Feiern und Zuhören.
       
       Dass sich [2][Sudan Archives] auf ihrem neuen Album ebenfalls mit Clubmusik
       auseinandersetzt, macht schon der Titel „The BPM“ deutlich. Im Unterschied
       zu Rochelle Jordan geht es bei ihr jedoch etwas ruppiger zu. Die Eltern von
       Brittney Parks, wie die 31-Jährige mit bürgerlichem Namen heißt, stammen
       aus Chicago und Detroit. Auf „The BPM“ vermischt Parks den Sound beider
       Städte miteinander. Und so treffen Disco-infizierte House-Grooves wie in
       „My Type“ auf futuristische Techno-Beat-Ausbrüche wie in „A Computer Love“.
       
       Dies ist eine treffende Wahl für ein Album, bei dem es um Maschinenästhetik
       geht. Das Cover zeigt die Musikerin wie eine Androidin verdrahtet mit
       zahlreichen Kabeln. Hauptfigur des Albums ist das Alter Ego „Gadget Girl“,
       ein Charakter, der bei Parks für Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit
       durch Technologie steht. Doch in diesem Wesen schlägt kein kaltes Herz,
       sondern es hat Gefühle, die artikuliert werden müssen.
       
       ## Elektrische Geige
       
       Und so kreisen die Stücke um Trennung, Selbstliebe und mentale Probleme.
       Mit „Ms. Pac Man“ funkt der Köper mit seinen sexuellen Bedürfnissen
       dazwischen. Natürlich darf auch die elektrische Geige nicht fehlen, das
       Signaturinstrument von Parks. In „Come and Find Out“ fegt sie mit ihrem
       Bogen kraftvoll über die Saiten, als wolle sie das Instrument durchsägen.
       In „A Bug’s Life“ webt es feine Melodiefäden um den stampfenden Beat und
       die rhythmisch gesetzten Gesangsfetzen.
       
       Noch heftiger geht bei Dijon Duenas alias Dijon zu. Der 33-jährige Sänger
       und Multi-Instrumentalist aus Kalifornien hat erst kürzlich mit Stars wie
       Justin Bieber und der Indie-Folkband Bon Iver zusammengearbeitet. Als
       glatte Popmusik lässt sich sein zweites Album „Baby“ allerdings nicht
       gerade bezeichnen. Dijon ist von Prince beeinflusst, dessen überbordende
       Kreativität, autonomes Arbeiten und Hang zur Kontrolle dazu führte, dass
       seinen Alben zuweilen der letzte akustische Feinschliff fehlte.
       
       Dijon treibt diesen Ansatz zum Exzess. In seinen Stücken prallen ganz
       unterschiedliche Klänge und Ideen aufeinander. Sounds sind stark verzerrt
       oder komplett übersteuert. Die Stimme versinkt im Hall. Die Stücke sind
       durchzogen von Störgeräuschen. Beats markieren keinen Rhythmus, sondern
       fahren wie eine Abrissbirne in das harmonische Gerüst und zerschlagen es zu
       Schutt.
       
       Trotz dieser Rohheit gelingt Dijon mit jedem Song ein kleines Kunstwerk:
       Seine Lieder besitzen eine tiefe Emotionalität, Intimität und
       Verletzlichkeit. „Higher“ etwa verbreitet klare Luft wie nach einem
       drückenden Sommergewitter. „Yamaha“ könnte auch eine Demoaufnahme für einen
       Powerpop-Hit aus den 1980er Jahren sein. Das eindringlichste Lied ist
       jedoch „My Man“, in dem sich Dijon mit der Beziehung zu seinem Vater und
       den Mustern auseinandersetzt, die er von ihm übernommen hat.
       
       Seine Gesangsstimme schwankt zwischen Singen, Schreien und Weinen. Eine
       schonungslose Selbstreflexion auf einem Werk, in dem es auch um die Geburt
       seines Sohnes und die eigene Vaterrolle geht. Und das unterscheidet Dijons
       Herangehensweise dann doch fundamental von der glattgebügelten und
       maßgeschneiderten KI-Oberflächlichkeit eines kommerziellen Kunstprodukts
       wie dem von Xania Monet.
       
       3 Jan 2026
       
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