# taz.de -- Gedankengänge gegenseitig anschubsen: „Wir dürfen in andere Leben eintauchen“
       
       > Alexander Posch und Sarah Knausenberger fragen sich bei einer Lesung in
       > Hamburg, wie die Welt wird, und setzen dabei auf ihre
       > Unterschiedlichkeit.
       
 (IMG) Bild: Mal schauen, was da drin steckt: Das Kunstwerk „Anthropologie eines Planeten“ von Jan Fabre 2018 in Saint-Paul de Vence
       
       taz: Herr Posch: Es gibt [1][von Ihnen eine Kurzgeschichte], da bringt ihr
       Ich-Erzähler abends den Müll raus, trifft an den Mülltonnen den
       [2][belarussischen Dikator Alexander Lukaschenko] und den [3][russischen
       Präsidenten Wladimir Putin] und lädt sie zum Abendessen ein. 
       
       Posch: Ich weiß nicht, ob ich die Geschichte heute noch mal schreiben
       würde. Die ist recht gemein, ist ziemlich fies, oder?
       
       taz: Das ist sie unbedingt, aber sie ist auch sehr komisch. 
       
       Posch: Als Kunstform finde ich es immer prima, wenn man auf Risiko geht,
       wenn man etwas wagt. So, wie ich mich mit allen Menschen auseinandersetzen
       möchte, um sie vielleicht am Ende wenigstens zu verstehen. Und in
       Geschichten, die daraus entstehen, ist vieles möglich. Wobei ich
       tatsächlich gerne Leute einlade.
       
       taz: Wen so? 
       
       Posch: Ich hatte bei mir zu Hause schon seltsame Zeitungsdrücker sitzen,
       die also an der Haustür Zeitungs-Abos verkaufen wollten, was dann leider
       unangenehm wurde. Oder hier saßen mal die Zeugen Jehovas. Das ist ein
       bisschen der soziologische Teil beim Schreiben: dass man in verschiedene
       Welten hineinschauen darf. Was ich daher an der Kunst mag, ist, dass man in
       Graubereiche eintauchen kann, dass man von dem nicht Eindeutigen erzählen
       kann, und die Stimmung, die dann entsteht, gefällt mir ausgesprochen gut
       und das schon ziemlich lange.
       
       taz: Ihre erste Lesung in diesem Jahr machen Sie gemeinsam mit der Autorin
       Sarah Knausenberger. Warum? 
       
       Alexander Posch: Sarah und ich hatten lange mit „Brot und Geschichten“ eine
       Lesebühne und sind sehr unterschiedlich, was ich bis heute spannend finde:
       Ich war immer in Hamburg, Sarah hat lange in Südafrika gelebt, auch in den
       USA. Ich habe drei Kinder, sie hat vier, und sie hat einen
       christlich-freikirchlichen Hintergrund, ich bin atheistisch-ungläubig. Nun
       hat sie mich gefragt, ob ich bei ihr mitlese, und mich interessiert ihre
       Sicht auf die Welt. Absichtlich wollten wir uns vorher nicht zu viel
       unterhalten oder gar absprechen. Wir wollen auf der Bühne zeigen, wie sich
       unsere Gedankengänge gegenseitig anschubsen.
       
       taz: Der Abend steht unter der Frage: „Wie wird die Welt?“ Und: Wie wird
       sie? 
       
       Posch: Wir haben als Schreibende das große Privileg, dass wir viele Fragen
       stellen dürfen. Wir dürfen in andere Leben eintauchen, dürfen sie erkunden
       und sie mit unseren eigenen Leben abgleichen. Und dabei ist man zunächst
       Einzelkämpfer – und zugleich suchen wir immer den Austausch: So bin ich
       noch Teil der Zinnober-Lesebühne, Sarah ist Mitglied im Forum Hamburger
       Autoren.
       
       taz: Es soll auch an dem Abend um Digitalisierung gehen. Haben Sie mit KI
       zu tun? 
       
       Posch: Ich gebe immer wieder für Schüler Schreibunterricht und dachte
       neulich, dass ich mal mit KI arbeiten muss, um zu sehen, was dabei
       herauskommt. Also habe ich einen Text von mir durch das Programm laufen
       lassen und da fand ich einen Relativsatz ganz gut, der mir angeboten wurde,
       aber sonst finde ich meine Hirn-Schlingungen weit interessanter. Wobei ich
       selbst ja weniger ein Schreiber bin, sondern hauptsächlich bin ich ein
       Leser und lese seit Jahrzehnten Literatur von randständigen Autoren, lese
       Texte, die kaum jemand kennt, die meist in Auflagen von höchstens 300 bis
       500 Exemplaren erschienen sind, so wie bei meinen Büchern – und dafür
       dürfte sich die KI kaum interessieren.
       
       taz: Das neue Jahr ist noch frisch. Gibt es Pläne? 
       
       Posch: Ich bastele an einem nächsten Kurzgeschichtenband. Obwohl im
       vergangenen Jahr mein Vater gestorben ist, ich nun Stück für Stück mein
       Elternhaus auflösen muss und überhaupt sich vieles abschließt, was Kraft
       kostet, habe ich in den letzten Monaten erstaunlich viel geschrieben: gut
       15 Geschichten, von denen ich bestimmt zehn sehr mag. Mal schauen, was mein
       Verlag dazu sagt, und wenn er daraus ein Buch macht – wunderbar.
       
       4 Jan 2026
       
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