# taz.de -- Tatort-Krimi „Das jüngste Geißlein“: Wie im schaurigen Märchenwald
       
       > Im neuen Schwarzwald-Tatort trifft der böse Wolf aus dem Märchen auf
       > schauerliche Realität. Perfekt zum Gruseln in der dunkelsten Jahreszeit.
       
 (IMG) Bild: Eliza (Hannah Heckt) zitiert nur noch aus einem Märchen. Kommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner), versucht zu verstehen
       
       Endlich ist die dunkelste Jahreszeit da, die alles Lebenswichtige in Fülle
       liefert: Düsternis, Unbehagen, Morbides, Rätselhaftes, Traumhaftes,
       Geisterhaftes und Monströses jeder Art.
       
       Sie finden, das sind keine lebenswichtigen Substanzen? Pardon, und Sie
       schimpfen sich Krimifan?
       
       Kommissarin Tobler (Eva Löbau) und Kommissar Berg (Hans-Jochen Wagner)
       jedenfalls werfen sich in der neuen, schaurigen [1][Folge des
       Schwarzwald-„Tatorts“] in den Fall eines rätselhaften Mädchens. Die kleine
       Eliza (Hanna Heckt) kauert verängstigt in der Standuhr im Wohnzimmer ihres
       Zuhauses. Die Mutter ist verschwunden, den Stiefvater findet man erstochen
       im See. Eliza spricht so gut wie kein Wort. Wenn doch, dann zitiert sie
       „Der Wolf und die sieben Geißlein“.
       
       Das ist eins von den Grimm-Märchen. Wie das „Rotkäppchen“ handelt auch
       „Sieben Geißlein“ [2][vom Beurteilen von Menschen als Überlebensstrategie.
       Sprich: Lerne, gut und böse zu unterscheiden], sonst passiert dir was
       Schlimmes.
       
       ## Der Wolf im Märchen
       
       Wie das „Rotkäppchen“ werden auch Elizas „Geißlein“ von einem mörderischen
       Wolf verfolgt, der sich verkleidet, um die gutgläubigen Heldinnen in
       Sicherheit zu wiegen. In beiden Märchen ist der Wolf am Ende tot und somit
       Ordnung wiederhergestellt. Nicht jedoch, ehe die Geschichte ihren Sinn –
       den Schrecken nämlich – erfüllt hat.
       
       Ulrike Schölles (Buch) und Rudi Gaul (Buch, Regie) erschaffen aus der
       Vorlage ein stimmungsvolles Gruselstück zum Jahresbeginn. Als bewährte
       Zutaten: kindliche Urängste und Deutschlands märchenhafteste Naturgewalten.
       Inmitten verschneiter Bergwälder folgen wir Eliza in eine Traumwelt, so
       unschuldig wie grotesk, weil es dort permanent darum geht, dass ein „Böses“
       gefunden und vernichtet werden muss, um alles in Ordnung zu bringen. Ein
       Sog der Feindseligkeit, der schließlich sogar die Kripo erfasst.
       
       Man muss, wie bei jedem Genrestück, verzeihen, dass die Handlung hier und
       da an den Mädchenzöpfen herbeigezogen ist. Ansonsten aber funktioniert in
       diesem Film, was funktionieren muss: der Grusel. Vom Tempo beim Schnitt
       über das An- und Abschwellen des Sounds und den strategischen Einsatz von
       Stille bis hin zum unbehaglich-bezaubernden Spiel der zehn Jahre alten
       Nachwuchsdarstellerin.
       
       Greifbare Spannung 
       
       Der Film verzichtet darauf, [3][seinen Horror plump auszustellen]. Er
       spielt stattdessen gekonnt mit unserer Erwartung, dass der Wolf gewiss
       jeden Moment aus dem Schatten springt. Das schafft eine Spannung, die
       greifbar ist. Wenn man nicht wüsste, dass man einen „Tatort“ guckt, man
       könnte es fast mit der Angst zu tun kriegen.
       
       Wie sich natürlich herausstellen muss, liegen die Dinge am Ende nicht so
       säuberlich getrennt wie in Elizas Märchen, die ersehnte Ordnung wird nicht
       hergestellt, sie existiert nicht. Und so könnte der Film beinahe zur
       Parabel taugen – über [4][die Fallstricke des In-gut-und-böse-Einteilens].
       Oder aber als Psychogramm einer kindlichen Seele, deren Urvertrauen so
       erschüttert ist, dass sie sich an eine binäre Moral klammert, als wäre sie
       die bessere Realität.
       
       Oder aber man lässt den Film auf gar nichts weiter verweisen und gestattet
       ihm vielmehr zu sein, was er ist: ein handwerklich sauber erzähltes,
       klassisches Schauerstück, bei dem man sich in der dunkelsten Zeit wohlig
       aneinandergruseln kann.
       
       4 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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