# taz.de -- 39. Chaos Communication Congress: Chaos Kinder Congress
> Auf dem Chaos Communication Congress zeigen Hacker*innen und Jugendliche,
> warum Chatkontrolle und Überwachung Kinder nicht schützen. Was aber
> sonst?
(IMG) Bild: Die Rakete ,,Fairy Dust'' steht während des CCC in der Empfangshalle
Es ist ein wilder Ritt durch Diskussionen, Sturheit und Hin und Her über
Grundrechte, [1][den die beiden Speaker*innen Khaleesi und Markus Reuter
auf der Bühne präsentieren]. Jahrelang hat die EU gestritten, als stünde
die Sicherheit von Kindern, die immer wieder als Argument für eine
[2][Chatkontrolle] angeführt wird, konträr zu sicherer, nicht überwachter
Kommunikation.
Dass der Schutz von Minderjährigen online komplizierter ist, zeigt der 39.
Kongress des Chaos Computer Clubs (CCC), der größte Hackerkongress der
Welt, der zwischen den Jahren in Hamburg stattgefunden hat. Rund 16.000
Menschen nahmen am 39C3 teil. Dort besuchten sie die unzähligen Workshops,
Gesprächsrunden, Vernetzungstreffen und die 165 kuratierten Vorträge wie
ebenjenen von Khaleesi, einer Sprecherin des CCC, und Reuter,
[3][Journalist bei netzpolitik.org].
Jetzt, da sich der EU-Rat auf eine Position geeinigt hat – dass
Internetdienste nicht verpflichtet werden können, die Kommunikation ihrer
User*innen zu überwachen, sondern es freiwillig dürfen –, erklären die
beiden dem Publikum im Saal und im Stream noch mal, wie es so weit kommen
konnte und striktere Regelungen, wie etwa Ungarn sie wollte, abgewendet
werden konnten.
Nicht nur Khaleesi und Reuter befassen sich mit dem vermeintlichen
Gegensatz von Privatsphäre und Kindersicherheit. Auch Kate Sim stellt das
Thema Kinderschutz in den Mittelpunkt [4][ihres Vortrags]. Seit über 14
Jahren arbeitet sie im Bereich sexualisierte Gewalt. „Wir befinden uns in
einer Sackgasse zwischen Kindersicherheit und Privatsphäre von Erwachsenen,
zwischen der Verantwortung und den Ausreden von Big Tech, zwischen
irgendetwas tun und gar nichts tun“, sagt Sim. „Aber diese Binarität ist
nicht nur ungenau, sondern sie lähmt uns alle, mit der Komplexität der
Thematik umzugehen.“
## Gegen den protektionistischen Ansatz
Sim ist am richtigen Ort. Auf dem 39C3 trifft sie auf Expert*innen und
Interessierte, die sich mit den gesellschaftlichen und politischen
Auswirkungen von Technologie auseinandersetzen wollen. Dabei versucht der
Kongress Minderjährige mitzudenken. Kinder unter zwölf Jahren können
kostenlos einen Erwachsenen begleiten, für Jugendliche gibt es ermäßigte
Tickets. Vereinzelt nehmen Menschen ihre Babys mit in Vorträge. Ein
Kleinkind mit leuchtenden Feenflügeln auf dem Rücken schlendert zusammen
mit der Mutter zum Waffelstand. Zwei Teenager auf blinkenden Inlineskates
rollen an ihnen vorbei.
„Ich war entsetzt, als ich sah, wie die Trennung zwischen Privatsphäre und
Sicherheit wieder und wieder thematisiert wurde – zum Nachteil der
Menschen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind“, sagt Sim. Dass
Erwachsene Kindern vorwürfen, dass diese nicht gut mit ihren Daten
umgingen, und forderten, dass sie einfach nicht auf bestimmten Plattformen
sein sollten. Es wird klar: Sim kritisiert diesen Ansatz, ebenso viele der
Gesetze, die es momentan weltweit gibt und die sie einem
protektionistischen Ansatz zurechnet.
Gesetze wie in Uganda, die unter dem Deckmantel der Kindersicherheit
Homosexuelle verfolgen und die Todesstrafe ermöglichen, gehören dazu, aber
auch die Chatkontrolle oder [5][die australische Alterskontrolle], die
Jugendliche von Social-Media-Plattformen aussperren soll.
Im protektionistischen Ansatz aber seien Onlinegefahren für Kinder sehr
vage definiert, von sexualisierter Gewalt über Desinformation bis zu
Radikalisierung, so die Kritik von Sim.
Sie sieht auch ein System in diesem Vorgehen, von dem die tatsächliche
Hilfe für Überlebende, etwa Hilfehotlines und andere Anlaufstellen,
losgelöst seien. Und sie erklärt, dass viel mit Zahlen argumentiert und die
Menschen übersehen würden.
Dabei zitiert sie selbst Zahlen. Etwa, dass nur 0,18 Prozent der Inhalte,
die dem US-amerikanischen Nationalen Zentrum für vermisste und ausgebeutete
Kinder 2023 gemeldet wurden, als „Hands on“-Missbrauch eingestuft wurden.
Dass bei einer Untersuchung 2016 mehr als 60 Prozent der Überlebenden
gesagt haben, dass ihre Situation sich verschlechtert habe, als die Taten
an Behörden gemeldet worden seien. Oder dass 70 Prozent der Menschen, die
nach Hilfe suchen, weil sie selbst Darstellungen von sexualisierter Gewalt
an Kindern konsumieren, keine Hilfe bekommen.
Was tun? „Wir müssen Menschen mit dem Wissen darüber ausstatten, was mit
ihrem Körper passiert, was falsch und was richtig ist“, sagt Sim. „Momentan
werden die Jugendlichen allerdings der Werkzeuge, mit denen sie ebendiese
Informationen erreichen und womit sie miteinander in Kontakt treten
könnten, beraubt.“
Dass die Chatkontrolle eine dieser Maßnahmen werden könnte, ist
zweifelhaft. Aber der aktuelle Entwurf gilt als Kompromiss. Für viele hier
ist er aber nicht befriedigend. CCC-Sprecherin Khaleesi ist gegen mögliche
Alterskontrollen in App-Stores. „Stattdessen möchten wir, dass ihr anfangt,
alle schädlichen Mechanismen von Plattformen anzugehen und einen besseren
digitalen Raum für uns alle zu schaffen, in dem wir alle sicherer sind.“
Sonst drohe ein falsches Gefühl von Sicherheit.
Für das Sicherheitsgefühl tun gerade Eltern viel. Auch wenn Nils
Rollshausen sagt: „Ich glaube nicht, dass meine Kinder die ganze Zeit mit
einem GPS-Gerät unterwegs sein müssen“, ist ihm klar, dass viele Eltern das
anders sehen. Man sollte dann auch sichere Technologien nutzen können.
Deswegen hat Rollshausen [6][im Talk „Watch Your Kids“] vorgestellt, wie
sein Team Zugriff auf die Daten einer Smartwatch für Kinder erlangen konnte
und welche Möglichkeiten es dadurch bekam. Eltern können ihren Kindern auf
die Uhr Nachrichten schicken, sie etwa fragen, wann sie zum Essen zu Hause
sind. Normalerweise können die Kinder mit vorgefertigten Nachrichten
antworten. Jetzt konnte das Rollshausen – mit Blick auf Gewalt gegen Kinder
und Entführungen eine Horrorvorstellung.
Zumal Rollshausen auch die GPS-Daten verändern konnte, die Eltern
potenziell abfragen können. Plötzlich steht das Kind dann laut Smartwatch
nicht mehr zwei Straßen weiter in der mitteldeutschen Kleinstadt, sondern
in Pjöngjang. Rollshausen kann also ein Kind per App verschwinden lassen:
Sicherheitslücken, die er dem Hersteller gemeldet hat, der sie gerade
schließt.
Einige Meter weiter, auf den Gängen des Kongresses, versuchen zwei Jungs
derweil sich selbst verschwinden zu lassen. Der Künstler Simon Weckert hat
Hemden entwickelt, die – durch ihr besonderes Farbmuster – ein KI-System
für Überwachungskameras austricksen können. Die Jungs stellen sich vor die
Kamera, laufen durchs Bild und werden als Menschen erkannt, dann halten sie
sich die Hemden ran und staunen: Für das System sind sie verschwunden. „Wie
funktioniert das?“
Darum geht es auch Darius Auding und Keno. Die beiden [7][präsentieren
ihren Verein Teckids]. Der Saal ist leerer als bei Vorträgen über die
Ideologie von Techmilliardären oder Datingplattformen für Nazis, aber der
Altersdurchschnitt ist dafür niedriger. In den Reihen kuscheln sich
Grundschulkinder an Eltern, motzen Teenager über Hunger. Die beiden
Vortragenden gehören zu ihnen. Keno ist elf, Darius 17. Beide engagieren
sich seit Jahren im Verein, geben dort sogar Workshops. Ihr Ziel:
Verstehbarkeit, also nicht das bloße Herunterbrechen, damit etwas Komplexes
verständlich wird, sondern dass es überhaupt die Möglichkeit gibt, dass
etwas verstanden werden kann, weil es etwa genügend öffentliche Daten dazu
gibt.
Die mehr als 30 Aktiven von [8][Teckids] halten inzwischen in ganz
Deutschland und Österreich Vorträge, genießen Freizeitfahrten und
Workshops: Hacken, Sport, Lagerfeuer. Mitmachen können alle ab acht Jahren.
Sogar gegenüber Erwachsenen sind die Minderjährigen offen. Sie wollen eine
Community, wie Keno sagt, und „eine verstehbare digitale Welt“ für alle.
„Erst wenn man versteht, wie Technik funktioniert, kann man sie auch
mitgestalten.“ Das Mitgestalten kommt den beiden auch in der Schule zur
kurz. Keno erzählt von der Schule seines Bruders, wo die Schüler*innen ein
privates iPad hätten, auf das die Schule dann aber doch zugreifen könne.
Chat-Apps verschwänden etwa plötzlich.
Darius kritisiert, dass Nutzungsbedingungen nicht verständlich seien, und
zieht das momentan vielleicht beliebteste Game für Kinder heran, „Roblox“.
96 Seiten lang seien die Nutzungsbedingungen, die man annehmen müsse, oder,
wie Darius sagt, „fast Jugendbuchumfang“ lang. Auch er moniert die Schulen
– weil dort vor allem Software großer Unternehmen genutzt werde. Er sieht
das als eine besonders frühe Heranführung von Menschen an Big Tech und
plädiert für Alternativen.
Der Saal jubelt, vielleicht lauter als bei vielen besser besuchten
Veranstaltungen. Man ist hier froh über den Nachwuchs. Auch weil er sagt,
was ihm am Herzen liegt.
2 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://media.ccc.de/v/39c3-episode-ii-der-rat-schlagt-zuruck#t=1910
(DIR) [2] /Chatkontrolle-EU-Staaten-einigen-sich-auf-Freiwilligkeit/!6132709
(DIR) [3] https://netzpolitik.org/author/markusr/
(DIR) [4] https://media.ccc.de/v/39c3-not-an-impasse-child-safety-privacy-and-healing-together
(DIR) [5] /Social-Media-Verbot-fuer-Jugendliche/!6136742
(DIR) [6] https://media.ccc.de/v/39c3-watch-your-kids-inside-a-children-s-smartwatch
(DIR) [7] https://media.ccc.de/v/39c3-teckids-eine-verstehbare-digitale-welt
(DIR) [8] https://teckids.org/
## AUTOREN
(DIR) Johannes Drosdowski
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