# taz.de -- Historikerin über Stricken und Coden: „Es gibt viele Wege, Informationen ohne Text zu teilen“
       
       > Jacqueline Malchow über das Stricken als Werkzeug für Spionage und
       > Selfcare – und warum Wolle ein analoger Schutz vor Überwachung sein kann.
       
 (IMG) Bild: Stricken ist wie Coden: links und rechts, Nullen und Einsen
       
       taz: Sie haben auf dem [1][39. Chaos Communication Congress] einen Vortrag
       über Stricken gehalten. Wie passt das zu einem der größten Hackertreffen
       der Welt? 
       
       Jacqueline Malchow: Stricken und Programmieren basieren auf binären
       Konzepten, in denen Informationen heruntergebrochen werden: 1 und 0 beim
       Coden, links und rechts [2][beim Stricken]. Ich selbst kann nicht
       programmieren, aber einige sagen: Wenn du Coden lernen möchtest, lerne
       gleichzeitig Stricken. Und Stricken zeigt uns außerdem: Kodieren muss nicht
       Hightech sein. Manchmal sind die einfachen Lösungen die besseren, um Wissen
       zu speichern. Die „Knitting Spies“ haben im nazibesetzten Frankreich
       Informationen geschmuggelt, in Form von Strick. Diese Spioninnen wurden
       meistens nicht erwischt, weil Textilien nicht als Informationsmaterial
       wahrgenommen wurden. Strick ist nicht hackbar, nicht von Strom abhängig.
       
       taz: Welche Vorteile außer der versteckten Kommunikation hatte das Stricken
       von Nachrichten noch? 
       
       Malchow: Weiblich konnotierte Arbeit wurde und wird permanent unterschätzt.
       Einige Geschichten handeln von alten Damen, die mit Blick auf
       Verladestationen oder Bahnhöfe lebten. Sie saßen strickend am Fenster.
       Normalerweise würde eine Person, die den ganzen Tag am Fenster sitzt und
       den Bahnhof beobachtet, in einer Kriegssituation als verdächtig
       wahrgenommen. Hält die Person dabei Strickzeug [3][in der Hand], wird sie
       als harmlos empfunden.
       
       taz: Inwiefern waren diese alten Damen „gefährlich“? 
       
       Malchow: Sie kommunizierten beispielsweise mit bestimmten vorher
       abgesprochenen Codes im Strick Truppenstärken. Dann wurde mal dreimal links
       gestrickt für einen erhobenen Streifen oder eine Masche fallen gelassen, um
       ein Loch zu erzeugen. All das war eine Information. Heraus kamen etwas
       wilder gemusterte Schals oder Socken, die die Frauen ohne Verdacht zu
       erregen weitergeben konnten. Selbst wenn man einen Code vermutet: Nur
       wenige können ihn knacken.
       
       taz: Was ist Ihnen bei der geschichtlichen Betrachtung des Themas noch
       aufgefallen? 
       
       Malchow: In der historischen Forschung – besonders der westlichen – wird
       vor allem Schrift als Quelle anerkannt. Das ist unglaublich snobbig.
       Schreiben war ein Privileg. Ich arbeite in historisch-musealen Bereichen,
       in denen von Objekten ausgehend Geschichten erzählt und belegt werden. Der
       Blick auf die materielle Ebene ist wichtig, vor allem, wenn man
       marginalisierte Geschichten erzählen möchte. Textile Objekte erzählen die
       Geschichte von Menschen, die keinen Zugang zu Schrift hatten. Es gibt viele
       Wege, Informationen ohne Text zu teilen. Auch heute gibt es genügend
       Bereiche, in denen sich das lohnen würde.
       
       taz: Welche Bereiche meinen Sie? 
       
       Malchow: Weltweit müssen Leute momentan Wege aus Ländern oder Systemen
       finden. Informationen dazu sollten am besten nicht überwachbar sein, damit
       faschistoide Obrigkeiten sie nicht einsehen, ändern oder zurückverfolgen
       können. Schon die Underground Railroad versteckte ihre Hinweise in Stoff.
       Ab den 1780er Jahren bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts half dieses
       Netzwerk in den heutigen USA Menschen [4][bei der Flucht aus der
       Versklavung.] Die Wege sollen unter anderem durch kodierte Muster in Quilts
       unterstützt worden sein. Außerdem wurden die Fluchtrouten häufig in
       Frisuren geflochten. Es gibt die Geschichte, dass die Haare versklavter
       Leute von anderen Menschen so geflochten wurden, dass sie den Weg gezeigt
       haben, wo man rechts, wo man links abbiegen muss. Das wurde sogar in der
       BBC-Serie „Doctor Who“ in einer Folge von 2025 aufgegriffen.
       
       taz: Sollten sich auch Privatpersonen in Deutschland Gedanken über das
       Kodieren von Informationen machen? 
       
       Malchow: Wenn man sich anschaut, wohin wir uns politisch gerade bewegen und
       wie über [5][Chatkontrolle] und neue Polizeigesetze diskutiert wird, dann
       ja. Datenschutz und Privatsphäre werden immer mehr angegangen. Alle
       Menschen sollten das Recht darauf haben, Informationen über sich selbst so
       zu speichern und zu dokumentieren, dass sie nicht frei einsehbar sind. Wer
       Interesse am Kodieren oder am Verstecken von Informationen hat, darf nicht
       direkt unter Generalverdacht gestellt werden.
       
       taz: Handarbeit ist auch gut für die Gesundheit. 
       
       Malchow: Es ist medizinisch bewiesen, dass beim Stricken und Sticken das
       Cortisol-Level und die Pulsrate sinken. Handarbeit wirkt ähnlich wie
       Meditation und hilft, ins Verarbeiten von Informationen zu kommen. Deswegen
       ist es auch so wichtig für Menschen, die etwas in der Gesellschaft
       verbessern wollen: Wenn sie sich selber kaputt machen, dann ist niemandem
       geholfen. Setz dich doch mal eine Stunde hier in die Ecke und mach was auch
       immer dich gerade glücklich macht, egal ob es Gartenarbeit ist oder Textil.
       Wenn sich Leute, die die Welt verbessern wollen, gesund halten, Selfcare
       betreiben, dann ist das politisch.
       
       taz: Also ist Handarbeit auch ein Mittel gegen Reizüberflutung? 
       
       Genau deshalb wird Handarbeit wieder beliebter. Wir wollen Dinge mit den
       Händen tun, die greifbar sind und am Ende sichtbare, anziehbare Belege von
       Selbstwirksamkeit liefern. Wenn ich vor einem Bildschirm sitze, ist da ein
       Output, aber der ist nicht anfassbar. Meine aktivste Crafting-Zeit war
       während des Promovierens, als ich täglich zwölf Stunden am Rechner schrieb
       und danach nicht das Gefühl hatte, ich hätte irgendwas getan. Danach zu
       stricken und etwas fertigzustellen, fühlte sich gut an.
       
       taz: Viele, die bei 39C3 Strickzeug dabei hatten, haben es während Ihres
       Vortrags herausgeholt. Wie war das für Sie? 
       
       Malchow: So schön! Ich stricke selbst gern in der Öffentlichkeit. Da
       überschneiden sich zwei von meinen Forschungsgebieten: Zum einen ist die
       weibliche Konnotation mit dem Häuslichen eine Erfindung des 18.
       Jahrhunderts. Das gab es vorher in der Art und Weise noch nicht. Ich
       weigere mich, Dinge, die als weiblich und als häuslich konnotiert sind, in
       diesem Häuslichen zu lassen. Ich sehe es als etwas Positives, Leute in der
       Öffentlichkeit handarbeiten zu sehen. Ich sitze auch in Meetings mit
       Vorgesetzten und stricke. Wenn es jemanden stört, soll er was sagen. Bisher
       habe ich aber noch kein negatives Feedback bekommen. Stattdessen machen
       Kolleginnen jetzt mit. Und andere Leute sagen: Ich würde das gerne mal
       probieren.
       
       taz: Es ist also ein verbindendes Element selbst bei der Arbeit? 
       
       Malchow: Nicht nur dort. Sobald jemand Handarbeitszeug in der Hand hat –
       und es ist egal welches – und ich mich mit meinem danebensetze, haben wir
       einen Verbindungspunkt. Wir können reden, aber müssen nicht. Wir sind
       einander sichtbare Ruheanker, die sich alleine durch die Tätigkeit das
       Gefühl vermitteln: Okay, wir gehören zusammen, wir sind in dem Moment eine
       Community.
       
       5 Feb 2026
       
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