# taz.de -- Repression auf dem Mittelmeer: Seenotrettungsschiff festgesetzt
> In Italien darf die „Humanity 1“ ihren Hafen nicht verlassen. Der Grund:
> Nichtkommunikation mit Libyens Küstenwache, sagt die NGO – und zieht vor
> Gericht.
(IMG) Bild: Erst mal heißt es nicht mehr „Leinen los!“ für die Humanität
Es ist mittlerweile traurige Routine: Seit voriger Woche liegt das
Rettungsschiff „Humanity 1“, betrieben von der deutschen NGO [1][SOS
Humanity], vor Anker im Adriahafen Ortona, für 20 Tage festgesetzt von den
italienischen Behörden, die zudem eine Geldbuße von 10.000 Euro verhängten.
Das Verbrechen der Besatzung der „Humanity 1“: Sie hatte 85 Menschen aus
dem Mittelmeer gerettet und sie dann in den ihr zugewiesenen Hafen Ortona
gebracht – hatte es aber bei ihrem Rettungseinsatz unterlassen, mit der
sogenannten libyschen Küstenwache zu kommunizieren. Dieser Umstand sei SOS
Humanity zufolge Grund für die Festsetzung.
Die NGO liegt damit ganz auf einer Linie mit zwölf weiteren
Seenotrettungsorganisationen, die sich im November zum Bündnis [2][Justice
Fleet] zusammengeschlossen und dabei einmütig erklärt hatten, sie würden in
Zukunft jedwede Kommunikation mit Libyens sogenannter Küstenwache
verweigern.
Der Beschluss begründet sich darin, dass die Libyer auf hoher See eben
weder Wach- noch Schutzaufträge erfüllen, sondern auch in internationalen
Gewässern immer wieder Flüchtlingsboote abfangen, um ihre Insassen zurück
nach Libyen in die dortigen Folterlager zu schaffen.
Bei diesen Einsätzen schrecken die Libyer auch vor Schusswaffengebrauch
nicht zurück, sowohl gegen die Flüchtlingsboote als auch gegen NGO-Schiffe.
So [3][traf es im August die Ocean Viking] der NGO SOS Méditerranée, auf
die zahlreiche Salven gezielt in Mannshöhe abgefeuert wurden. Das Schiff
mit 87 Flüchtlingen an Bord war von libyschen Booten umzingelt und dann –
auch in diesem Fall in internationalen Gewässern – unter Feuer genommen
worden.
Ende September wiederum [4][traf es das Schiff Sea-Watch] 5“, bei dessen
Rettungseinsatz ebenfalls ein Schuss fiel. Am 1. Dezember wurde auch das
Schiff [5][]Louise Michel“ beschossen. Wenig später fand die Crew der
[6][]Louise Michel“ ein auf dem Meer treibendes leeres Schlauchboot, in
ihren Augen ein Indiz, dass die libysche „Küstenwache“ gerade eine illegale
Rückführungsaktion von Flüchtlingen abgewickelt hatte.
## Unterstützung durch EU und Italien
Diese Aktionen sind nicht zuletzt möglich, weil Libyens Küstenwache
[7][großzügige Unterstützung aus Italien und der EU] erhält. Laut der NGO
Mediterranea Saving Humans war das gegen die [8][]Louise Michel“
eingesetzte Schiff „genau jenes, das von der Werft Vittoria di Adria
(Rovigo) mit Entwicklungsfonds der EU gebaut und von der italienischen
Regierung im Februar 2023 an Libyen übergeben wurde“. Und die „Louise
Michel“ kommentierte, dass „Italien und die EU die [9][libyschen Gruppen
ausbilden, bewaffnen] und für ihre illegale Gewalt an den Grenzen
legitimieren“.
In dieses Bild fügt sich die jetzt beschlossene Festsetzung der „Humanity
1“ ein. Verbrecherisch handeln in den Augen der italienischen Regierung
nicht etwa jene libyschen Einheiten, die seit nunmehr zehn Jahren immer
wieder NGO-Schiffe attackieren, sondern jene NGOs, die sich aufgrund der
wiederholten Attacken mittlerweile offen weigern, mit der „Küstenwache“ zu
kommunizieren.
Dabei haben diverse italienische Gerichte – unter ihnen auch das
Verfassungsgericht – [10][in Urteilen festgehalten], dass die libysche
„Küstenwache“ kein legitimer Partner bei Rettungseinsätzen ist, dass
Privatschiffe nicht dazu gezwungen werden können, den Anweisungen der
Libyer zu folgen, dass Flüchtlingen in Libyen unmenschliche Behandlung
droht.
Doch darum schert sich Italiens Rechtsregierung unter [11][Giorgia Meloni]
nicht, auch wenn immer wieder die Beschlüsse des Innenministeriums,
NGO-Schiffe festzusetzen, von der Justiz kassiert wurden. Auch SOS Humanity
klagt jetzt gegen die Festsetzung – mit guten Chancen. Ihr Ziel, das Schiff
tagelang aus dem Verkehr zu ziehen, hätte die Regierung dennoch erreicht.
15 Dec 2025
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## AUTOREN
(DIR) Michael Braun
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