# taz.de -- Kriegsschrott und Klimakrise: Wie geht es der Ostsee, Herr Greinert?
> Öl, Dünger, Klimawandel – die Ostsee muss viel aushalten. Zumindest für
> die Tonnen an giftigem Bombenschrott hat Meeresgeologe Greinert eine
> Lösung.
(IMG) Bild: Sprengung einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg in der Ostsee am 2. Oktober 2007
taz: Herr Greinert, was empfinden Sie, wenn Sie in diesen Tagen über die
weite Ostsee schauen?
Jens Greinert: Kürzlich war ich mit einem Team auf der Ostsee bei Rügen,
nördlich von Fehmarn und noch weiter im Westen unterwegs. Zur Erforschung
von Algen. Dort habe ich gesehen, wie massiv befahren die Ostsee ist.
Nordöstlich der Mecklenburger Bucht befindet sich die sogenannte
Kadetrinne, die ist tief. Und dann der Nördliche Fehmarnbelt, da müssen
alle Schiffe durch, so ein kleines Nadelöhr. Dort fahren riesige
Containerschiffe, da ist richtig viel Verkehr, so wie auf einer Autobahn.
Und über Wasser werden immer mehr Windparks gebaut. Also diese verklärte
Idee von der Ostsee, von Freiheit, Ruhe und einem dahin dümpelnden
Segelboot, das ist leider nicht mehr so.
taz: Wenn wir von der Ostsee sprechen, müssen wir also auch über Probleme
reden. Wo liegen die genau?
Greinert: Die Ostsee ist immensen, unterschiedlichen Einflussfaktoren
ausgesetzt, die von außen auf sie eindringen. Dieser immense Schiffsverkehr
ist das eine, der verliert ab und zu ein wenig Öl. Die Schiffe machen auch
unheimlich viel Lärm. Wenn man den Kopf unter Wasser hält, hört man das
Gewummer. Und dann ist da der Klimawandel – die Ostsee ist einfach zu warm
geworden. Fische und Meere mögen es aber kalt. Auch der Stickstoffeintrag
in die Meere durch Dünger und Gülle tut den Meeren nicht gut, da es am
Boden relativ schnell an Sauerstoff fehlt. Fische, Muscheln oder Seegras
können dort dann nicht mehr leben. Zusätzlich gibt es noch andere
schädliche Einträge wie Medikamentenrückstände aus dem Abwasser oder
Mikroplastik, eingebracht über Flüsse und die Atmosphäre, die der Ostsee
zusetzen.
taz: Dabei ist das Meer für viele ein Sehnsuchtsort, der Urlaub an der See
oft Höhepunkt des Jahres. Warum schützen wir nicht stärker, was wir lieben?
Greinert: Ich glaube, dass es immer noch viel Unwissenheit gibt. Die Leute
haben von Mikroplastik gehört, aber können diese Umweltproblematik nur sehr
schwer fassen. Wenn man das Problem dann erklären will, ist man nicht in
drei Minuten fertig. Das sind komplexe Themen. Der Wille aber, sich damit
auseinanderzusetzen, unbequeme Informationen aufzunehmen und daraus
Konsequenzen für das eigene Tun zu ziehen, ist leider begrenzt. Man muss
den Kopf anstrengen, der Mensch tendiert aber zu schnellen und vermeintlich
einfachen Lösungen.
taz: Eines Ihrer Spezialgebiete ist das Bergen von Kriegsmunition. In der
deutschen Ost- und Nordsee wurden nach 1945 circa 1,6 Millionen Tonnen
Munition und Tausende Tonnen chemische Kampfstoffe versenkt. Warum muss man
die bergen?
Greinert: Wenn ein Offshore-Windpark oder eine Kabeltrasse gebaut wird,
muss sehr viel Sediment bewegt werden. Da möchte man sicherstellen, dass
nicht aus Versehen eine Bombe explodiert.
taz: Beim Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung entwickeln Sie in
Pilotprojekten Lösungen zur Munitionsbergung. Wie läuft so eine Räumung ab?
Greinert: Zunächst wird mit hydroakustischen oder auch magnetischen
Systemen geschaut, ob auf und im Meeresboden metallische Objekte liegen. Im
Fall von Altmunition wird untersucht, ob sie so fragil ist, dass
Explosionsgefahr beim Bergen besteht. Falls dies der Fall ist, taucht
jemand runter und bringt eine Sprengladung an, dann wird gezielt gesprengt.
Wenn die Munition handhabbar ist, wird sie von einem Taucher an eine Leine
gehängt, an Bord gehoben und an Land dem Kampfmittelräumdienst des
jeweiligen Bundeslandes übergeben.
taz: Und nun testen Sie und Ihr Team eine ganz neue Technologie. Was
zeichnet die aus?
Greinert: Wenn ganze Munitionsversenkungsgebiete, so wie in der Lübecker
Bucht geräumt werden sollen, in denen die Munition wie beim Mikado quer
durcheinander liegt, dann ist es besser, das mit einer unbemannten
schwimmenden Plattform zu machen, die nach unten greift. Zuerst wird
analysiert, um was für eine Munition es sich handelt, dann testen wir mit
welchen Greifwerkzeugen man die Objekte am sichersten und effektivsten
anfassen kann, etwa ob man sie verpacken muss, um sie zu heben. Unter
Wasser wird die Munition vorsortiert und anschließend zu einer
Vernichtungsplattform an Land oder auf dem Wasser transportiert. Bei dieser
neuen Bergungsmethode geht es um Geschwindigkeit, so dass nicht nur eine
Bombe pro Tag geborgen wird, sondern idealerweise 20. Und
Kampfmittelräumfirmen erforschen derzeit auch die fließbandähnliche
Zerlegung von Altmunition.
taz: Von welcher Art Kriegsschrott sprechen wir da eigentlich in der
Lübecker Bucht?
Greinert: Bei der Munition handelt es sich um Sprengköpfe und fliegende
Bomben vom Typ Fieseler Fi 103, der ersten von Nazideutschland entwickelten
serienreifen Marschflugwaffe im Zweiten Weltkrieg. Das war die
Vergeltungswaffe Nummer eins, der Vorgänger der V2-Rakete.
taz: Und diese Munition wurde dann nach 1945 im Auftrag der Briten in der
Ostsee versenkt?
Greinert: Genau. Während der Demilitarisierung Deutschlands durch die
Alliierten kam man zu dem Schluss, die Munition ins Meer zu schmeißen. Aus
heutiger Sicht ist es natürlich einfach zu sagen, dass das eine ziemlich
blöde Idee war. Aber nach Kriegsende 1945 war die Situation eine ganz
andere. Die Alliierten hatten einfach keine Lust darauf, dass Deutschland
noch einen Partisanenkrieg führt.
taz: Warum startet Ihr Pilotprojekt mit den F-103-Sprengköpfen in der
Lübecker Bucht?
Greinert: Weil dieser Munitionstyp die derzeitig größte chemische Belastung
für die deutsche Ostsee darstellt. Dort liegen mehrere 100 von diesen
Sprengköpfen. Man muss sich die Geschosse wie ein Fass von ungefähr 1,40
Meter Höhe und 70 Zentimeter Durchmesser vorstellen, gefüllt mit bis zu
einer Tonne Sprengstoff pro Fass. Diese Fässer haben, weil sie fliegen
sollten, eine ganz dünne Wandstärke und rosten deswegen relativ schnell
durch. Sie haben da also eine Tonne Sprengstoff im Wasser liegen, die sich
wie ein Stückchen Würfelzucker im Tee langsam auflöst.
taz: E[1][rst 2024 hat das Bundesumweltministerium ein Sofortprogramm zur
Räumung aufgelegt]. Warum so spät?
Greinert: Weil niemand verantwortlich sein wollte. Auch wusste man lange
nicht, wo genau auf dem Meeresboden die Munition liegt und wie eine
großangelegte Räumung von Versenkungsgebieten funktionieren könnte. Um die
Neunzigerjahre kam dann die Frage auf, ob die Altmunition problematisch für
die Umwelt sein könnte. Wasserproben wurden analysiert, einen
Handlungsbedarf sah man dennoch nicht, was auch an der Messgenauigkeit der
Instrumente lag. Vor etwa zehn Jahren kam das Umweltministerium
Schleswig-Holstein auf unser Institut zu, und wir begannen Wasser auf
sprengstofftypische Substanzen hin zu analysieren. Toxikologen vom
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein analysierten zudem Muscheln und
Fische und stellten fest, dass die Fauna nachweisbar TNT aufnimmt.
taz: Warum ist das ein Problem?
Greinert: Diese Sprengstoffe sind krebserregend und genschädigend.
Inzwischen wissen wir, dass diese sprengstofftypischen Verbindungen auch im
Ostseefisch vorkommen. Laut toxikologischen Berechnungen ist diese
Konzentration an TNT für den Menschen noch unbedenklich. Das kann sich
lokal aber auch ändern.
taz: Wie lange würde es dauern, bis die Ostsee geräumt ist?
Greinert: Wenn Geld keine Rolle spielt und wir die Munition rund um die Uhr
wegräumen würden, dann könnten wir die auf dem Sediment sichtbar liegende
Munition in der deutschen Ostsee bis 2040 bergen.
taz: Spätestens seit Russlands Angriffskrieg in der Ukraine ist die Ostsee
wieder im Fokus internationaler Machtinteressen. 2022 wurden die
Nordstream-Pipelines vor Bornholm gesprengt. Seit fast einem Jahr liegt der
Öltanker „Eventin“ der russischen Schattenflotte vor Rügen, beladen mit
100.000 Tonnen Rohöl. Wo sehen Sie aktuell die größten Gefahren?
Greinert: Ich finde Russlands und auch Chinas Provokationen, wie das
Zerstören von Infrastruktur, sehr gefährlich. Das kann auf kleiner Ebene
schon mal eskalieren. Etwa [2][wenn ein Schiff wiederholt seinen Anker
runterlässt, um ein Datenkabel zwischen Finnland und Estland zu stören].
Vielleicht verliert dann doch mal jemand die Nerven und schießt. Dass
demnächst ein großer Krieg ausbricht, glaube ich aber nicht. Aber möglich
wäre auch, dass so ein grottiger Tanker der russischen Schattenflotte, der
ohne AIS-Signal fährt, mit einem anderen Schiff kollidiert. Dann hat man
einen dicken Ölteppich in der Ostsee. Das geht schnell.
1 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julia Völcker
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