# taz.de -- Sprengstoff in der Ostsee: Ringen um die Weltkriegsmunition
       
       > In Kiel läuft seit Jahren die Vorbereitung für die Bergung militärischer
       > Altlasten aus der Ostsee. Aber der Bund hat sich für Rostock entschieden.
       
 (IMG) Bild: Davon liegt noch viel herum: gezielte Sprengung zweier Wasserbomben in der Ostsee 2013
       
       Am Eingang des Kieler [1][Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung]
       steht eine verrostete Seemine, ein Teppich auf dem Boden zeigt Aufnahmen
       von Munitionshülsen, die auf dem sandigen Meeresgrund liegen wie Kippen in
       einem Riesenaschenbecher. 1,6 Millionen Tonnen solcher Hinterlassenschaften
       der Weltkriege finden sich allein in den deutschen Meeren – buchstäblich
       Zeitbomben, denn aus ihnen treten Schadstoffe aus, die sich bereits in
       Fischen und Muscheln nachweisen lassen.
       
       Seit Jahren befassen sich Expert:innen mit der Frage, wie die
       Alt-Munition geborgen werden kann. Doch bis die Räumung im größeren Stil
       beginnt, sind noch rechtliche und finanzielle Hindernisse zu bewältigen.
       
       Das schleswig-holsteinische Kompetenzzentrum für den Umgang mit Munition in
       der marinen Umwelt, kurz Munimar, soll dabei helfen. Daran beteiligt sind
       Fachleute aus Firmen, Verwaltung und Forschung. Bei einem Treffen berieten
       sie die nächsten Schritte. Die Veranstaltung in Kiel soll ein Zeichen
       senden: Der Norden legt los, egal was anderswo passiert.
       
       „Anderswo“ meint Berlin, wo im Bundeshaushalt Geld für die Munitionsbergung
       locker gemacht werden muss, und es meint Mecklenburg-Vorpommern. Dort soll
       das neue „Bundeszentrum zur Munitionsbergung“ seinen Sitz bekommen. Deren
       Gründung hatten CDU/CSU und die SPD in ihrem Koalitionsvertrag beschlossen
       und dort einen Standort in einem östlichen Bundesland festgelegt. Im
       vergangenen Sommer fiel die Entscheidung für Rostock als Standort.
       
       ## Ärger über Standortwahl
       
       Bei der Konferenz in Kiel gab es kaum Verständnis dafür. „In
       Schleswig-Holstein sitzt die Expertise“, sagt Andreas Burmester, der seit
       2022 als maritimer Koordinator die Landesregierung berät. Der ehemalige
       Technik-Vorstand der Kieler Werft Thyssen-Krupp Marine Systems (TKMS)
       befürchtet, dass in diesem Jahr in Mecklenburg-Vorpommern – dort wird im
       Herbst ein neuer Landtag gewählt – wenig vorangeht.
       
       Zudem sei in Schleswig-Holstein die Bevölkerung bereits für das Thema
       sensibilisiert, sagt ein anderer Teilnehmer: „Wenn von Munitionsbergung die
       Rede ist oder entsprechende Schiffe vom Strand aus zu sehen sind, sorgt das
       erst mal für Ängste.“ Jens Greinert, Meeresgeologe am Geomar und seit
       Jahren in verschiedenen Forschungsprojekten mit der Munitionsbergung
       befasst, sieht die Entscheidung pragmatisch: „Egal, wir machen hier
       weiter.“
       
       Denn in Kiel sind die Vorbereitungen nach mehr als zehn Jahren Vorlauf so
       gut wie abgeschlossen, [2][erste Tests verliefen erfolgreich]. Zurzeit
       lagert ein Großteil der bereits geräumten Munition in sogenannten
       Nasslagern am Meeresgrund, denn für die endgültige Bergung und Zerlegung
       müssen noch rechtliche Fragen geklärt werden.
       
       „Wir müssen jetzt in die Umsetzung kommen“, sagt Sabine Schulze von der
       Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein. Für die Wirtschaft bietet
       die Munitionsräumung ein neues Betätigungsfeld – und die in der Ostsee
       getesteten Methoden können weltweit exportiert werden. Denn Munition liegt
       in fast allen Meeren, durch aktuelle Konflikte wachsen die Berge täglich
       weiter.
       
       Mehrere Konsortien bewerben sich um öffentliche Mittel, um damit unter
       anderem Förderplattformen zu bauen, auf denen die Munition noch [3][auf See
       zerlegt werden kann]. Beteiligt sind Waffenproduzenten wie TKMS und
       Rheinmetall, aber auch Spezialfirmen für Robotik und Arbeiten unter Wasser.
       
       ## 2030 soll es losgehen
       
       Die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Möglicherweise könnten sogar
       mehrere Konsortien einen Zuschlag erhalten, glaubt Andreas Burmester: „Je
       nach Art der Munition und ihrer Lage auf dem Meeresgrund braucht man
       unterschiedliche Verfahren.“ Die Entscheidung soll im Juni fallen.
       
       100 Millionen Euro hatte der Bund für die Entwicklung der neuen Technik
       bewilligt. Für die eigentliche Arbeit, die 2030 beginnen könnte, müsste es
       weitere Mittel geben – [4][wieder geht es um Millionenbeträge]. Dann sollte
       es möglich sein, die Lübecker Bucht bis 2040 weitgehend frei von Munition
       zu machen, sagt Jens Greinert. Insgesamt sei die Räumung eine
       „Generationenaufgabe“, sagt Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne).
       
       Aus Sicht Schleswig-Holsteins müssten sich der Bund und alle Bundesländer
       an den Kosten beteiligen. „Das ist kein Problem allein der Küstenländer,
       sondern aller“, sagt Andreas Burmester. Ein Großteil der Munition landete
       kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Meer, als die Alliierten dem
       besiegten Deutschland aufgaben, in kurzer Zeit alle Waffen zu vernichten.
       
       14 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Esther Geißlinger
       
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